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18.11.2007
 

Britische Eisenbahn

Traumjob Lokführer

Von Daniel Kramb, London

Sie waren Banker, Forscher, Journalisten, dann stiegen sie um: In Großbritannien hat der Lokführerberuf seine Anziehungskraft bewahrt - und verlockt auch Gutverdiener zum Karrierewechsel. Ihr neuer Job bietet ihnen wieder Kontakt zur "realen Welt" und wunderbare Schichtpläne.

London - Wochenenddienste, zehrende Schichtarbeit, unangemessene Löhne – so hört man es andauernd dieser Tage. Der Streik der Lokführer in Deutschland und bei der Bahn in Frankreich lassen den Beruf nicht gerade in positivem Licht erscheinen.

Eurostar-Lokführer (in London): Die meisten britischen Lokführer arbeiten eine 35-Stunden-Woche, die Bezahlung ist beachtlich - vor allem verglichen mit Gehältern ihrer deutschen Kollegen
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DPA

Eurostar-Lokführer (in London): Die meisten britischen Lokführer arbeiten eine 35-Stunden-Woche, die Bezahlung ist beachtlich - vor allem verglichen mit Gehältern ihrer deutschen Kollegen

Lokführer werden? Das wollte man vielleicht als Kind mal. Aber doch nicht mehr heute.

Wie anders sieht die Welt in Großbritannien aus. Hier scheint der Beruf des Lokführers nicht nur seine besondere Anziehungskraft bewahrt zu haben. Er ist gar so beliebt, dass Briten nicht selten gewillt sind, erfolgreiche Karrieren zu beenden, um stattdessen Passagiere oder Fracht durchs Land zu fahren.

Erfolgreiche Karrieren wie die von Roger Thomas. Einst kümmerte er sich bei der britischen Bank NatWest um einige der besonders vermögenden Kunden des Instituts. Ein angesehener Job in der City, dem Bankenviertel Londons - mit einem Gehalt, wie es erfolgreiche Banker eben nach Hause tragen. Doch die gnadenlos langen Arbeitstage, die zahllosen Überstunden, die oft unerwartet auf ihn zukamen, und der Druck immer härterer unternehmensinterner Ziele – all das war Rogers irgendwann zu viel. Als die Bank mit einer Abfindung winkte, nahm er dankend an. Und wurde Lokführer.

"Ich fahre jetzt seit acht Jahren Zug, und es macht immer noch großen Spaß", sagt Rogers heute. "Vor allem mag ich, dass ich genau weiß, wann ich anfange, oder viel wichtiger, wann ich wieder nach Hause gehen darf." Auf der Schiene bekommt der Ex-Banker, was er in seinem vorigen Beruf so vermisst hatte: feste Arbeitszeiten und einen Schichtplan, auf den man sich verlassen kann. Die 70-Stunden-Woche, der Stress der City, das ist Vergangenheit. Dafür nimmt er die Sticheleien seiner Kollegen über sein Vorleben genauso in Kauf wie ein bescheideneres Gehalt – es ist fast um die Hälfte geschrumpft.

"Ich wollte zurück in die reale Welt"

Roger Thomas ist einer von vielen "ungewöhnlichen" Zugführern, deren Leben die britische Lokführergewerkschaft Aslef in einer fortdauernden Studie verfolgt. Es sind gut bezahlte Bankmanager, frühere Forscher, erfolgreiche Journalisten, Lehrer und professionelle Sportler, die ihre Anstellungen aufgeben und sich für Trainingssessions in Sachen Schienenverkehr einschreiben. Bis zu zehn Prozent der Aslef-Mitglieder, schätzt die Gewerkschaft, kommen mittlerweile aus anderen, oft besser bezahlten Berufen zum Zugfahren.

Als Journalist für das auflagenstarke Londoner Abendblatt "Evening Standard" berichtete Patrick McGowan jahrelang über Gerichtsprozesse, die das Land bewegten. Spannend war die Arbeit damals. Heute beschreibt er die Zeit vor allem als "stressreich und hektisch". "Ich wollte zurück in die reale Welt und mit normalen Leuten umgehen", sagt er. Mittlerweile fährt er Passagierzüge für South West Trains, eines der 25 privaten Bahnunternehmen, die in Großbritannien operieren. Ein Job, wie er findet, der genauso anspruchsvoll ist wie der vorherige: "Auf der Schiene muss alles, was man macht, stimmen. Es gibt keinen Raum für Fehler."

Die Gründe für einen Wechsel scheinen durchaus nachvollziehbar. Die meisten britischen Lokführer arbeiten eine 35-Stunden-Woche, die Bezahlung ist beachtlich - vor allem verglichen mit den Gehältern ihrer deutschen Kollegen. Zwischen umgerechnet 3500 und 4000 Euro im Monat verdienen die Briten im Durchschnitt. Wer bereit ist, fünf Stunden pro Woche draufzulegen, kann auf bis zu 4750 Euro hoffen. Auch das Ansehen unter der Bevölkerung hat der Beruf - hier im Land der Industrialisierung, wo schon früh die Dampfloks schnaubten - nie wirklich verloren. Und das, obwohl britische Züge heutzutage selten pünktlich sind.

Entscheidung des Herzens

Außerdem erlebt Zugfahren auf der Insel gerade eine kleine Renaissance. Passagierzahlen steigen Jahr für Jahr, der Frachtverkehr boomt wie seit Jahren nicht mehr. Neue Investitionen fließen in das lange Zeit schwer vernachlässigte Schienennetz, 5,8 Milliarden Pfund wurden gerade für eine neue Hochgeschwindigkeitstrasse ausgegeben. In London wurde letzte Woche mit großem Wirbel der neue Eurostar-Bahnhof St. Pancras International eröffnet: Eine viktorianisch-moderne Kathedrale des Zugfahrens im 21. Jahrhundert, deren Renovierung rund 800 Millionen Pfund gekostet hat.

Dennoch: Lokführer wird man nicht mal eben so. Es gilt anspruchsvolle Einstellungstests zu bestehen, geistige, körperliche und psychologische Eignung zu beweisen. Dann warten harte Trainingsmonate, oft mit Computersimulationen, und eine Abschlussprüfung. Und auch dann ist der Job noch lange nicht garantiert. Maddy Corper etwa, die einen Abschluss in Chemie von Londons prestigeträchtiger Universität King’s College in der Tasche hat, musste bei einer ganzen Reihe von Bahnunternehmen anklopfen, bis ihr Traum vom Zugfahren in Erfüllung ging.

Seit sieben Jahren fährt die ehemalige Akademikerin nun Frachtzüge durch Großbritannien – ein anstrengender Job, den sie eingetauscht hat gegen ihre alte Anstellung in einem Forschungslabor für Pflanzenchemie. Eines Tages, sagt sie, habe sie einfach beschlossen, dass das Leben zu kurz ist um nicht das zu machen, wofür das Herz schlägt. Und das war nun mal eben der Beruf des Lokführers. Bisher, sagt sie, habe sie ihre Entscheidung nicht bereut.

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insgesamt 13 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
19.11.2007 von ms_80: Bahnfahren in UK

Was in der Diskussion aber auch gerne vergessen wird, sind die horrenden Preise der Britischen Eisenbahn (bei grottenschlechtem Service), zumindest für die, die darauf angewiesen sind, zu bestimmten Zeiten zu fahren (also [...] mehr...

19.11.2007 von air_7up: Traumjobs

ES gibt viele Berufe, von denen Kinder träumen: Lokführer, Pilot, Kranfahrer, Förster... Das sind die Berufe, die fast jeder Junge mal auf seiner Liste hatte. Irgendwann im Zuge des Reifens fragt sich dann der zukünftige [...] mehr...

19.11.2007 von Andree Barthel: *

Die höheren Löhne, die Englands Lokführer erhalten, haben wohl mehr damit zu tun, dass nur wenige die Tests, die notwendig sind, um als Fahrer zugelassen zu werden, bestehen. Da lohnt es sich halt für viele Akademiker, die kurz [...] mehr...

18.11.2007 von Rainer Daeschler: Lebenshaltungsindex

Nicht generell. London ist zwar sehr teuer, doch Birmingham, München und Frankfurt liegen gleich auf. Es ergeben sich keine Unterschiede, die britische Lokführer-Gehälter relativieren würden. (Quelle) [...] mehr...

18.11.2007 von LJA: Uk

Die Erfahrungen mit dem britischen Verkehrsnetz kann ich bestätigen. In einigen Vorortzügen haben die Betreiber jetzt auf die zunehmende Platzknappheit reagiert: Es wurden Sitzreihen ausgebaut, damit man mehr Leute hineinquetschen [...] mehr...

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