Frankfurt am Main - Die Bahn kündigte an, die Folgen des insgesamt 62-stündigen Arbeitskampfes für ihre Kunden mit Notfahrplänen abmildern zu wollen. Von den Streiks im Personenverkehr ab Donnerstagmorgen, 2 Uhr, sind Millionen von Pendler und Reisende betroffen. Bei den Autovermietern stieg bereits die Nachfrage nach Fahrzeugen. SPIEGEL ONLINE informiert ab dem frühen Morgen ständig aktuell über die Streiklage: wo wieviele Züge ausfallen und welche Alternativen Reisende haben.
Die Volkswagentochter Audi sagte für Donnerstag die Frühschicht in ihrem Brüsseler Werk ab. Rund 800 Mitarbeiter müssen einem Unternehmenssprecher zufolge zu Hause bleiben. Der finanzielle Schaden sei derzeit nicht absehbar.
Zwei Züge mit Karosserieteilen aus Bratislava in der Slowakei seien wegen des Bahnstreiks in Ostdeutschland sehr lange aufgehalten worden. 220 Fahrzeuge könnten nicht gebaut werden, teilte das Unternehmen weiter mit.
Die Bahn sprach am frühen Abend von erheblichen Einschränkungen im Güterverkehr, vor allem in Ostdeutschland. Bis 18.00 Uhr hätten sich bundesweit rund 350 Lokführer an den Arbeitsniederlegungen beteiligt. Mit Beginn des Hauptgeschäfts im Schienengüterverkehr am frühen Abend erwartete das Unternehmen eine deutliche Verschärfung der Lage. Möglicherweise komme es zu einer "fast vollständigen Blockade".
Laut "Süddeutscher Zeitung" übte die Frachttochter der Bahn Railion massiven Druck auf streikende Lokführer aus. Lokführer würden nicht nur von Dienstgebäuden und Lokomotiven ausgesperrt, sondern auch von Dienstplänen gestrichen und nach Hause geschickt. An ihren planmäßigen Ruhetagen am kommenden Wochenende müssten sie dann zu Sonderschichten antreten, um die liegen gebliebenen Züge "aufzuräumen", heißt es in dem Bericht unter Berufung auf eine schriftliche Dienstverpflichtung. Bei Nichterscheinen drohten arbeitsrechtliche Konsequenzen.
Um Staus auf den Schienen zu vermeiden, verhängte die Bahn einen Annahmestopp für Transporte in die neuen Bundesländer. Weitere Produktionsausfälle seien möglich, hieß es. Die wichtigsten Züge sollten aber fahren.
Die GDL-Lokführer im Güterverkehr waren um 12 Uhr mittags in den Ausstand getreten, um mehr Lohn und einen eigenständigen Tarifvertrag durchzusetzen.
Bahnvorstand Karl-Friedrich Rausch sagte, mit rund 1000 Mitarbeitern im Dauereinsatz bereite sich die Bahn auf den Streik im Personenverkehr vor. Im Fernverkehr sollten etwa zwei Drittel der ICE-Züge und alle Nacht- und Autozüge verkehren. Ein Großteil der IC-Züge werde dagegen nicht fahren.
In Ostdeutschland wolle die Bahn mit 30 Bussen Verbindungen zwischen Berlin und Stralsund, Frankfurt an der Oder, Dresden und Cottbus anbieten. Im Regionalverkehr gibt es nach Rauschs Angaben wie bereits an den vergangenen Streiktagen ein West-Ost-Gefälle. 50 Prozent der Leistungen sollten durchschnittlich gefahren werden. Wenig Hoffnungen machte Rausch Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. "Dort können wir nur zehn Prozent unserer Leistungen anbieten." Bundesweit sollen im Regionalverkehr 450 Busse eingesetzt werden.
Logistikvorstand Norbert Bensel erklärte, die GDL sei dabei, den Osten Deutschlands lahm zu legen. Er erneuerte die Bereitschaft der Arbeitgeberseite zu Verhandlungen, machte aber kein neues Angebot und lehnte auch den geforderten separaten Tarifvertrag ab: "Wichtig ist, dass die Gewerkschaft an den Tisch zurückkommt und wir über die vorgelegten Angebote sprechen. Die Tür ist offen, wir warten." In ganzseitigen Zeitungsanzeigen fordert die Bahn die GDL zum Ende ihrer Streiks auf. "Stoppen Sie diesen Wahnsinn, Herr Schell!", heißt es darin an die Adresse von GDL-Chef Manfred Schell.
In den großen Häfen wie Hamburg oder Bremerhaven herrschte am Mittwoch weitgehend normaler Betrieb. Autohersteller wie Daimler oder Porsche meldeten zunächst keine Probleme. Volkswagen setzte für seine vier ostdeutschen Werke Notpläne in Kraft und will Autoteile vermehrt mit Lastern liefern lassen.
Über einen möglichen unbefristeten Streik ist sich die GDL uneins. Ein solcher Streik könnte von einem Gericht als unverhältnismäßig untersagt werden, sagte der stellvertretende GDL-Vorsitzende Claus Weselsky in der ARD. GDL-Chef Schell hatte zuvor von einem unbefristeten Streik gesprochen, falls die Bahn kein neues Angebot vorlegt. Der Druck von der Basis ist groß: Viele Lokführer fordern einen Streik ohne zeitliche Begrenzung. Im SWR bekräftigte Weselsky, auch S-Bahnen zu bestreiken. Die bisherigen Arbeitsniederlegungen im Personen- und Güterverkehr seien dem Bahnvorstand "am Steiß vorbeigegangen".
Die Bundesregierung wies darauf hin, dass der Ausstand weit gefährlichere Folgen haben könnte als sich derzeit abzeichne. Der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg appellierte an Bahn und GDL, "die Eskalation nicht weiter zu treiben, sondern Vernunft walten zu lassen, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und in dieser Situation nach einer Lösung in Verhandlungen zu suchen".
Die Regierung stärkte Bahnchef Hartmut Mehdorn nochmals den Rücken. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) habe vergangene Woche deutlich gemacht, dass Mehdorn das Vertrauen der Regierung genieße. "Daran hat sich nichts geändert, und daran wird sich nichts ändern", sagte Steg. Es wird erwartet, dass der Tarifstreit auch in einer Sondersitzung des Bahn-Aufsichtsrats am Donnerstag zur Sprache kommt.
Die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft forderten die GDL zu Verhandlungen auf. "Ein Streik einer kleinen Berufsgruppe von dieser Dauer ist verantwortungslos", kritisierte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt warnte vor einer "Gefahr für Wachstum und Beschäftigung". Ausfälle auf der Schiene könnten nur begrenzt mit Lkw-Transporten ausgeglichen werden, hieß es beim Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung.
kaz/AP/dpa
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