Hamburg - Mäßig kompromissbereit - das trifft es wohl am besten: Auf die Frage, ob er ein Angebot von 31 Prozent mehr Lohn ohne eigenen Tarifvertrag für die Lokführer akzeptieren würde, sagte der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Manfred Schell, dem Sender N24 gestern zwar: "Dieses Angebot würde ich annehmen." Doch dann schob er gleich nach: Dies sei allerdings hypothetisch, denn Bahn-Chef Hartmut Mehdorn werde kein solches Angebot machen. Schell betonte, es müsse für die Lokführer "in jedem Fall" eine Lohnerhöhung mit einer "zweistelligen Prozentzahl" herauskommen, also "mindestens zehn Prozent" mehr.
Die Fronten zwischen Bahn und Lokführern sind nach der zweiten Nacht mit Streiks im bundesweiten Bahn-Verkehr verhärteter denn je: Die Bahn zeigt sich bislang von dem massivsten Arbeitskampf in ihrer Geschichte wenig beeindruckt. Bahn-Chef Mehdorn erhielt gestern vom Aufsichtsrat Unterstützung für seinen harten Kurs, selbst wenn die GDL "unentwegt weiter streiken sollte". Außerdem reichte die Bahn beim Arbeitsgericht Frankfurt am Main eine Schadensersatzklage über fünf Millionen Euro ein - für die Warnstreiks am 10. Juli.
Die Lokführer wiederum reagierten auf die sture Haltung der Bahn mit der Drohung, in der nächsten Woche unbefristet streiken zu wollen. "Wenn nichts passiert, was bleibt uns anderes", sagte GDL- Chef Schell weiter. Einen Tag schloss er dabei jedoch aus: "Wir werden an Heiligabend nicht streiken."
Heute Nacht und gestern hatten die streikenden Lokführer den Zugverkehr in Deutschland bereits massiv ins Stocken gebracht und im Osten zeitweise fast lahmgelegt. Fluggesellschaften und Autovermietungen berichteten von einer stärkeren Nachfrage. Pendler, die auf das Auto umstiegen, sorgten für lange Staus. Die Einschränkungen im Güterverkehr machten sich besonders im Hamburger Hafen bemerkbar, für den heutigen dritten Streiktag wird eine weitere Verschärfung der Probleme erwartet.
Laut Bahn hat sich die Lage im Güterverkehr "dramatisch zugespitzt". Heute Morgen sagte ein Bahn-Sprecher: "In Ostdeutschland werden nur noch die ganz wichtigen Versorgungszüge gefahren." Im Westen könne dagegen noch eine Grundversorgung aufrechterhalten werden.
Druck auf Tarifparteien dürfte wachsen
In Ostdeutschland fallen der Deutschen Bahn zufolge 80 Prozent der Regionalbahnen aus. Im Westen sei die Lage für Pendler und Reisende etwas besser, da etwa 50 Prozent der Regionalbahnen fahren. Aktuelle Informationen zur Bahn finden Kunden im Internet unter www.bahn.de/aktuell oder unter der kostenlosen Servicehotline 08000-996633.
Nach GDL-Angaben beteiligten sich bis gestern Abend 5230 Lokführer und Zugbegleiter. "Trotz aller Einschüchterungsversuche des Bahn-Vorstands stehen unsere Mitglieder voll hinter unseren Forderungen", teilte der stellvertretende Vorsitzende Claus Weselsky mit.
Bei einem unbefristeten Streik dürfte der Druck auf die beiden Tarifparteien schnell wachsen, zu einer Lösung zu kommen. Denn schon jetzt warnt die Wirtschaft vor einer deutlichen Beeinträchtigung der Konjunktur. Die jetzigen Streiks haben bei vielen Unternehmen - vor allem im Osten - für Nachschubprobleme gesorgt. Das Audi-Werk in Belgien hat die Produktion wegen fehlender Teile bereits bis Montag eingestellt. Nach Angaben der Bahn schlagen inzwischen auch andere Autofirmen Alarm, weil Zulieferungen ausbleiben.
In den vergangenen Jahren hätten viele Firmen ihre Vorratshaltung minimiert und auf Just-In-Time-Produktion umgestellt, sagte der Chefvolkswirt der Allianz/Dresdner-Bank, Michael Heise, der "Berliner Zeitung". Bei Lieferverzögerungen könnten deshalb schnell Engpässe auftreten. "Ab einer Streikdauer von zwei Wochen wird es auch für das Bruttoinlandsprodukt relevant", sagte er. Sollte der Streik länger andauern, würde er das Wirtschaftswachstum beeinträchtigen.
"Die Gewerkschaft der Lokführer fordert geradezu heraus, dass schwarze Wolken am Konjunkturhimmel aufziehen", sagte der Konjunkturexperte des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier, ebenfalls der "Berliner Zeitung". Der Aufschwung werde immer noch von der Industrie und vom Export stimuliert. Die betreffenden Branchen seien aber angewiesen auf die Schiene, und deshalb "trifft der Streik direkt die Konjunktur".
Streikkasse reicht zwölf Wochen
Ob das die GDL beeindrucken wird, ist allerdings fraglich - zumal die Lokführer bestens für einen langen Streik gerüstet scheinen: Nach Expertenschätzung reicht die Streikkasse der Gewerkschaft bis Februar: Realistisch sei eine Summe von 15 Millionen Euro, sagte Hagen Lesch vom Institut der deutschen Wirtschaft der "Bild"-Zeitung. "Treten pro Tag rund 3000 Lokführer in den Ausstand, reicht die Streikkasse theoretisch zwölf Wochen."
Im Zusammenhang mit dem Streik will die Bahn die Neueinstellungen aber ausdrücklich nicht sehen. "Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun", versicherte Herz. Bis die Bewerber allerdings einsatzbereit seien, könne es noch etwas dauern: Erst im Januar 2008 beginne für sie eine Qualifizierung.
sam/Reuters/dpa/ddp/AFP/dpa-AFX
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