Hamburg - Der Lokführerstreik war noch nicht zu Ende, da stellte die Gewerkschaft GDL dem Bahn-Vorstand ein neues Ultimatum. Wenn die Bahn bis Montag kein frisches Angebot vorlegt, seien schon kommende Woche weitere Arbeitsniederlegungen möglich, sagte GDL-Vizechef Claus Weselsky am Freitag in Frankfurt. Auch was die Länge des Streiks angeht, wolle die Gewerkschaft den Druck erhöhen.
Güterzüge in Leipzig: Massive Beeinträchtigungen in ganz Deutschland
Am Samstagmorgen um zwei Uhr nahmen die Lokführer ihre Arbeit zunächst wieder auf. 62 Stunden Streik lagen zu diesem Zeitpunkt hinter ihnen - der größte Arbeitskampf in der Geschichte der Deutschen Bahn. In ganz Deutschland kam es zu massiven Beeinträchtigungen, vor allem im Güterverkehr.
Während sich die meisten Pendler und Reisenden auf den Streik eingestellt hatten, leidet die Wirtschaft massiv unter den Folgen des Arbeitskampfs. "Auf Dauer werden wir das nicht durchhalten", sagte Martin Wansleben, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Am stärksten bekam erneut Ostdeutschland den Ausstand zu spüren, wo nach Bahn-Angaben nur 25 bis 30 Prozent der Züge fuhren. Im Westen waren es 50 bis 80 Prozent. Insgesamt traten laut GDL rund 6800 Lokführer in den Ausstand.
Die Bahn selbst warnte, die Versorgungslage in Ostdeutschland entwickle sich dramatisch. Der Güterverkehr dort sei während des Streiks fast komplett zum Erliegen gekommen. Der Einzelhandel klagte über Kundenschwund in den Innenstädten. Die Produktion der Autokonzerne lief dagegen weitgehend reibungslos. Nur das Audi-Werk in Brüssel ist mangels Nachschub bis Montag lahmgelegt.
Auch in Deutschlands Häfen hatte sich die Lage zugespitzt. In Hamburg kam die Hälfte der Güterzüge verspätet an - oder gar nicht. Beim An- und Abtransport von Waren mit der Bahn habe es erhebliche Störungen gegeben, sagte eine Sprecherin des Hafenunternehmens HHLA. Platzprobleme gibt es nach Angaben der Hafenbehörde zwar noch nicht. Doch nach Streik-Ende müssten die liegengebliebenen Container abgefertigt werden. "Die Kollegen stöhnen jetzt schon, wenn sie daran denken", sagte eine Sprecherin am freitag. Die Hafenbehörde erwartet noch mindestens vier bis fünf Tage nach Streik-Ende Folgen für den Güterumschlag.
Dabei könnte es in den kommenden Tagen noch ärger kommen, wenn die Lokführer erneut streiken. Nach den Worten des stellvertretenden GDL-Vorsitzenden Günther Kinscher ist auch ein unbefristeter Streik nicht mehr ausgeschlossen - im Güter- und kompletten Personenverkehr. "Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, wenn dieser Bahn-Vorstand sich nicht bewegt."
Dass die GDL die Kraft zu einem solchen Schritt hätte, zeigt eine Schätzung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Demnach könnte die Gewerkschaft einen Arbeitskampf bis Februar 2008 finanzieren. Bisher habe der Streik die GDL eine Million Euro gekostet. Das IW geht von rund 60 Euro Streikgeld pro Tag und Lokführer aus.
Auch die GDL selbst hält Streiks bis ins neue Jahr für möglich. "Den Atem dazu haben wir", sagte Hans-Joachim Kernchen, der Bezirksvorsitzende für Berlin, Brandenburg und Sachsen. "Das werden wir dann, wenn es sein muss, auch durchziehen."
Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee hofft dagegen auf ein baldiges Ende des Tarifkonflikts. Er setze auf eine rasche Annäherung beider Parteien. "Wir sind mit beiden Seiten im intensiven Gespräch und erwarten möglicherweise schon zu Beginn kommender Woche erste Erfolge", sagte der SPD-Politiker. Trotz der laufenden Gespräche mit den Tarifparteien werde es aber keine direkte Einmischung der Bundesregierung in die Verhandlungen geben.
Auch die GDL will eine rasche Lösung nicht ausschließen. "Die Geheimdiplomatie läuft", sagte Gewerkschafts-Vizechef Kinscher. Die Bundesregierung zeige deutliche Bemühungen, bei den Verantwortlichen von Bahn und GDL die Voraussetzungen für eine Wiederaufnahme von Gesprächen auszuloten.
Bahn-Aufsichtsratsmitglied Georg Brunnhuber regte derweil an, einen neuen "objektiven Moderator" einzuschalten. "Es kann nur ein einziger sein, und der schlägt es durch und sagt so, das ist es jetzt, das müsst ihr unterschreiben", sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete im Deutschlandfunk. Im Sommer hatten die CDU-Politiker Heiner Geißler und Kurt Biedenkopf vergeblich versucht, eine Einigung im Tarifstreit zu erzielen.
Geißler hält den Konflikt zwischen dem Unternehmen und der GDL nach wie vor für lösbar. Er habe Verständnis für die Forderung der Lokführer nach einem eigenständigen Tarifvertrag. Es sei vertretbar, wenn es zwei Tarifverträge in einem Konzern gebe, allerdings müssten die verschiedenen Gewerkschaften dabei eng kooperieren.
Vielleicht kommen sich beide Seiten schon am Sonntagabend näher - beim Showdown im Fernsehen. Bahn-Personalvorstand Margret Suckale und GDL-Chef Manfred Schell werden als Gäste der ARD-Sendung "Anne Will" erwartet.
wal/Reuters/AP/AFP/dpa/ddp
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