Von Simone Schlindwein, Moskau
Moskau - Drei halbnackte, mit Glitzerspray übersprühte Blondinen räkeln sich auf dem Verkaufstresen. Mit ihren langen Beinen umfassen sie eine mit 24 Karat vergoldete Espresso-Maschine der Edelmarke "Bugatti". Gerade wird sie zur Auktion freigegeben. Innerhalb von wenigen Sekunden wird der bisher kaum beachtete Stand mit den Küchengeräten aus Italien zum Blickfang für die russischen Männer.
Umgerechnet 3000 Euro bietet der pummelige Mann in der ersten Reihe, der sich, leicht betrunken, von den Mädchen zum Geldausgeben animieren lässt. 4000 Euro will Bulgar Rachmanow, ein Geschäftsmann aus Aserbaidschan, auf den Tisch legen - und gewinnt die Auktion.
"Diese Kaffeemaschine gibt es nur ein Mal auf der Welt", sagt er mit lässigem Schulterzucken. Seine Hände stecken in der Hosentasche des braunen Nadelstreifenanzugs. "Wenn schon kein Bugatti vor meiner Garage steht, dann muss ich doch wenigstens einen in der Küche haben", erklärt er seinen Spontaneinkauf. Dabei trinkt er lieber Tee als Kaffee. Er fährt übrigens einen Aston Martin, bemerkt er beiläufig.
Die Millionärsmesse in Moskau ist das Shoppingparadies der Superreichen. Sie findet in diesem Jahr zum dritten Mal statt - und Moskau hat, was Umsatz und Extravaganz angeht, schon lange den beiden anderen Veranstaltungsorten den Rang abgelaufen: Amsterdam und Shanghai. In den zwei Ausstellungshallen im westlichen Stadtzentrum wird an mehr als hundert Ständen alles Erdenkliche für Menschen angeboten, die schon alles haben - von der Jacht bis zum Privatjet. Das Prinzip der Aussteller: Exotisch muss es sein.
Ein Säbelzahntiger für 51.000 Euro
Einzigartig auf der Welt ist beispielsweise der zwei Meter lange, ausgestopfte Säbelzahntiger aus der späten Eiszeit - mit echtem Fell und rund 50.000 Jahre altem Schädel. Er fletscht am Ausstellungsstand des russischen Museums "Iceage" die 15 Zentimeter langen Eckzähne.
Der Preis für dieses einmalige Stück: umgerechnet gerade mal 51.000 Euro. Da wendet sich manch Neureicher kopfschüttelnd ab. Zu billig?
"Dabei ist das doch die perfekte Hauskatze", sagt Alexander Swalow, Verkaufsdirektor des Moskauer Vertriebs für archäologische Funde aus der Eiszeit, und streichelt dem Tier zärtlich über das Fell. "Man muss ihn nicht füttern, und er macht sich gut in großen Wohnzimmern." Normalerweise verkauft "Iceage" Zähne, Skelette, Mammut-Schädel und Mammut-Elfenbein an Museen weltweit. Nur in Russland interessieren sich hauptsächlich Privatkunden für die seltenen Fundstücke aus sibirischen Eisschichten.
Im März vergangenen Jahres hatten Swalow und seine Kollegen einen sonderbaren Auftrag. Ein reicher Russe wollte seiner Frau ein Geschenk zum Frauentag machen und bestellte ein Mammutskelett. "Wir mussten das dreieinhalb Meter hohe Gerippe mitten in der Nacht auf einem Hügel vor dem Haus aufbauen", erzählt er schmunzelnd. Umgerechnet fast 60.000 Euro kostete die Überraschung - das Mammutskelett steht immer noch in der Datschen-Siedlung am südlichen Stadtrand.
Welthauptstadt der Milliardäre
Moskau ist heute so etwas wie die Welthauptstadt der Reichen. Sie geben ihr Geld so schnell aus, als gäbe es kein Morgen. Laut dem Magazin "Forbes" leben in der teuersten Stadt der Welt mehr Milliardäre als in jeder anderen Metropole. Russland ist mit 53 Dollar-Milliardären auf der Weltrangliste der Superreichen auf Platz drei aufgestiegen, nach den USA und Deutschland. Insgesamt haben die russischen Milliardäre ein Vermögen von zusammen 337 Milliarden Dollar angehäuft - mehr als ein Viertel des russischen Bruttoinlandproduktes.
Im Schnitt sind die 100 reichsten Russen laut "Forbes" gerade mal 45 Jahre alt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kamen sie in den wilden neunziger Jahren schnell zu Geld - und sie haben keine Scham, ihren Reichtum zu verprassen. Doch die Zeiten, in denen sich die Ölbarone mit Villen, Autos, Jachten und Privatjets eingedeckt haben, sind vorbei. Der erste Konsumrausch ist erst einmal vorbei. Selbst ein eigenes U-Boot zu besitzen, ist out.
"Um den reichen Russen überhaupt noch etwas verkaufen zu können, muss man sich etwas einfallen lassen", erklärt Leonhard Gruhm, Geschäftsführer der deutschen Geschwister Hillebrand GmbH, die Dresdner Porzellan in Moskau vertreibt.
Deswegen ließ er zehn Mitarbeiter seiner russischen Partnerfirma zweieinhalb Monate lang 750.000 glitzernde Swarowski-Kristallsteine auf einen weißen Mercedes kleben. Jetzt ist der Wagen mehr als das Doppelte wert und ein attraktiver Blickfang, der die Schickeria an den Messestand mit den Porzellanvasen lockt. Eine Stunde nach Eröffnung der Messe haben bereits fünf Russen Interesse an dem Wagen angemeldet. "Einer davon kauft den Glitzerwagen als Hochzeitslimousine", sagt Gruhm bestimmt.
Schnäppchen für eine Million
Ein neuer Trend in diesem Jahr: bizarre Motorräder. Auch hier wirkt der Seltenheitswert als Verkaufsargument. Violett mit goldenen Felgen, silber-blau mit glitzerndem Motor, Airbrush-Bilder nackter Frauen auf dem Benzin-Tank: Jedes Motorrad ist ein Unikat und nur auf Bestellung zu bekommen.
Die russische Vertriebstocher des amerikanischen Motorradherstellers Arlen Ness rechnet mit hohen Umsätzen. Vor einem Monat hat sie in Moskau ihr Geschäft eröffnet. In Sankt Petersburg sucht sie noch nach einem geeigneten Ausstellungsraum.
Für eine getunte Chopper geben Kunden umgerechnet mehr als 50.000 Euro aus. Die meisten seien schon in ihrer Jugend Motorrad gefahren, erzählt Jaroslawl Pasternak, Verkaufsmanager von Arlen Ness. Heute sind sie Chef eines Unternehmens und wollen sich einen Jugendtraum erfüllen. Viele bestellen die edlen Maschinen gar nicht, um damit zu fahren: "Wir haben Kunden, die stellen sich das edle Stück einfach nur ins Wohnzimmer."
Sonderangebote der Spitzenklasse gibt es auch auf der Messe: Eine Million kostet das Schnäppchen am Stand der Edelautomarke Bentley. Wer vier mit 750-Karat-Edelsteinen besetzte Felgen kauft, der bekommt einen Wagen mit dazu.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Business bizarr | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH