Aus Koblenz berichtet Susanne Amann
Koblenz – Altenpfleger stellt man sich anders vor. Normaler und irgendwie farbloser. Langweiliger. Auf jeden Fall erwartet man nicht, dass sie die langen Haare zum Zopf binden, schwarze Piratentücher tragen oder bunt gefärbte, wuschelige Haare haben. Genau so aber sehen Heiko Reinert und Martin Bollinger aus: wie zwei Studenten, die nebenher in der Kneipe jobben und Platten auflegen.
Die beiden lachen, wenn sie das hören - denn es ist nicht das erste Mal, dass sie verwunderte Blicke ernten, wenn sie ihren Beruf nennen. Dabei sind Reinert und Bollinger examinierte Altenpfleger, haben Zusatzausbildungen als Wohngruppenleiter und im Fachbereich Gerontopsychiatrie absolviert und arbeiten seit Jahren gemeinsam in einer Dementenwohngruppe eines Pflegeheims in der Nähe von Koblenz. Sie nehmen ihren Beruf ziemlich ernst.
Wie ernst, das zeigt ein etwas abgegriffener Hefter, in dem rund fünfzig Seiten von einer Spiralbindung zusammengehalten werden und den die beiden nicht ohne Stolz präsentieren. Es ist der Businessplan für das "Alltagshaus", eine Tagespflegeeinrichtung für Demenzkranke.
Derzeit gibt es mehr als eine Million Menschen mit Demenz in Deutschland, im Jahr 2030 werden es nach Expertenprognosen rund 2,5 Millionen Menschen sein, alle 20 Jahre findet eine Verdopplung statt. "Wir werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten immer mehr Menschen mit diesem Krankheitsbild betreuen müssen", sagt Bollinger. Und das wird schwierig: "Die Menschen, die dann betroffen sind, werden wir nicht mehr mit Kartoffelschälen beschäftigen können, das sind Menschen mit extrem individuellen und vielfältigen Lebenswegen. Da braucht es Kreativität."
"Gleiches Prinzip wie beim Kindergarten"
Seit rund zwei Jahren feilen die beiden deshalb daran, wie sie sich die Betreuungsmöglichkeit der Zukunft vorstellen. Herausgekommen ist ein Konzept, das so einleuchtend und so sehr auf die Bedürfnisse von Patienten, Angehörigen und Pflegekassen zugeschnitten ist, dass man sich erstaunt fragt, warum es das bisher noch nicht gibt.
"Die Grundprobleme sind klar: Die Patienten wollen möglichst lange zu Hause bleiben, die Angehörigen aber sind mit der Betreuung rund um die Uhr meistens überfordert", sagt Reinert. Deshalb bietet das Alltagshaus Betreuung, die absolut flexibel, tage- aber auch stundenweise gebucht werden kann, abgerechnet wird bequem per Chipkarte. "Das ist quasi das gleiche Prinzip wie bei Kindergärten", sagt Reinert. "Die Angehörigen müssen Beruf und Pflege unter einen Hut bringen und wollen ihre Mutter oder ihren Vater trotzdem gut aufgehoben wissen."
Genau das wollen die beiden ändern, bescheiden sind sie dabei nicht: Sie wollen "das soziale Image der Begleitung und Betreuung geistig erkrankter Menschen zu einem coolen Bereich des öffentlichen Lebens machen", heißt es in ihrem Business-Plan. Und wenn die beiden von ihrer Arbeit erzählen, dann ahnt man, dass sie genau das vorhaben.
Sonst würden sie ihre Kranken nicht einfach in einen VW-Bus packen, in den Park fahren und bei offenen Türen und Musik mit ihnen picknicken. "Da wird man von anderen Spaziergängern schon mal komisch angeschaut", sagt Reinert. "Einen halben Tag später erinnert sich wahrscheinlich keiner der Teilnehmer mehr an den Ausflug, aber die ausgelassene Stimmung und die gute Laune bleiben noch für ein paar Tage."
Und das bekommen dann auch die Angehörigen zu spüren. Deshalb ist der Grundgedanke der beiden Pflegerebellen, den Kranken soviel Alltag wie möglich und so viel Unterstützung wie nötig zu bieten. Neu ist dabei nicht nur der Umgang mit den Kranken, sondern auch die Finanzierung. Denn neben der Pflegekasse wollen Reinert und Bollinger auch Sozialpartnerschaften eingehen: "Firmen und Betriebe aus der Umgebung können bei der Einrichtung und Gestaltung der Häuser helfen und bekommen im Gegenzug Werbeflächen, auf denen sie sich verewigen können", erklärt Bollinger das Konzept. Nicht als Almosen sollen sie spenden, sondern weil es das Image fördert.
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