Von Anne Seith
Hamburg - In der Zeitung wir der Aufschwung gefeiert, aber in der Haushaltskasse ist Ebbe: Allerorten ist von sagenhaften Wachstumsraten zu lesen - und von sagenhaften Tarifabschlüssen. "Größte Lohnerhöhung seit 15 Jahren", titelte die "Bild" im Mai, als die IG Metall für die Metall- und Elektrobranche Tariferhöhungen von 4,1 Prozent herausschlug. Aus anderen Branchen wurden ähnlich gute Abschlüsse vermeldet. 3,6 Prozent in der Chemischen Industrie, drei Prozent in der Druckindustrie, 3,5 Prozent für die Gebäudereiniger. Doch das Gefühl, plötzlich im Luxus zu schwelgen, hat kaum jemand.
Kein Wunder, warnt Gustav Horn von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Seinen Berechnungen zufolge werden die Bundesbürger übers Jahr gerechnet netto nicht mehr, sondern sogar weniger zur Verfügung haben als 2006. Zwar sind die Löhne 2007 im Durchschnitt um etwa 1,9 Prozent gestiegen - gleichzeitig aber sind Lebensmittel und Energie sehr viel teurer geworden. Im November stieg die Inflation auf drei Prozent, der Jahresdurchschnitt wird Horn zufolge immer noch über zwei Prozent liegen. Im Klartext: Tatsächlich können sich die Bürger mit ihrem Gehalt weniger leisten, auch wenn es auf dem Papier nach mehr aussieht: "Die Reallöhne sinken dieses Jahr um 0,3 Prozent - ein rote Null", fasst Horn zusammen.
So geht es seit Jahren. Laut Statistischem Bundesamt sanken die realen Nettomonatslöhne in Deutschland seit 1991 um insgesamt fünf Prozent. Allein 2005 und 2006 mussten die Deutschen Einbußen von real 1,5 und 1,8 Prozent hinnehmen. Auch wenn aus der Statistik Einkommensteuerrückzahlungen oder geänderte Freibeträge nicht herausgerechnet wurden - Horn ist sicher: Die Zahlen zeigen in der Tendenz die frustrierende Realität.
Selbst Hagen Lesch vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sagt: "Es stimmt, die Reallöhne sind zurückgegangen in den vergangenen Jahren." Allerdings will er keine Alarmstimmung verbreiten: Oft würden bei der Einschätzung, wie stark die Reallöhne steigen oder sinken, die Monatslöhne und nicht die Stundenlöhne betrachtet. "Die durchschnittliche Arbeitszeit ist aber in den vergangenen Jahren zurückgegangen", sagt Lesch. Dann sinke natürlich auch die Bezahlung. Der Grund: Die Zunahme der Zeitarbeit, die Einführung von Ein-Euro-Jobs oder aber Tarifabkommen, die die Wochenarbeitszeit beschränken. "Das mag man beklagenswert finden, aber das ist ein anderes Thema." In seinen Prognosen für das nächste Jahr liegt Lesch aber trotzdem wieder nahe bei Horn: Es werde 2008 - wenn überhaupt - dann ein kleines reales Plus geben, sagen beide.
Die Unternehmensberatung Mercer stellte auf Basis von Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IWF) kürzlich ebenfalls eine Prognose für 2008 auf. Demnach werden die Löhne auf dem Papier in Deutschland im kommenden Jahr um 2,7 Prozent steigen - die Inflation aber wird bei 1,6 Prozent liegen. Bereinigt gibt das ein Lohnwachstum von 1,1 Prozent. Das ist mehr als Horn und Lesch voraussagen - aber im internationalen Vergleich immer noch ziemlich mies, wie aus der Studie hervorgeht: Der durchschnittliche Reallohnanstieg in Westeuropa wird demnach im kommenden Jahr bei rund 3,4 Prozent liegen, weltweit werden es im Schnitt rund 1,9 Prozent sein.
So ärgerlich für Arbeitnehmer die Lohnentwicklung ist, hat der Verzicht nicht auch sein Gutes? Einigkeit besteht unter Ökonomen darüber, dass die Lohnzurückhaltung der Deutschen in den Jahren der Krise angemessen war. Doch was, wenn der oft bejubelte Wirtschaftsboom an vielen einfach vorbeigeht? Horn ist der Überzeugung: Eine Volkswirtschaft, die die Arbeitnehmer derart wenig vom Aufschwung profitieren lässt, nimmt Schaden. Wer kein Geld in der Tasche hat, geht nicht einkaufen - der Binnenkonsum aber ist ein wichtiger Wachstumsfaktor.
Der gestern bekannt gegebene Konsumklimaindex, den die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) allmonatlich ermittelt, scheint ihm Recht zu geben: Die gestiegenen Energie- und Lebensmittelpreise haben den Deutschen die Einkaufslust verdorben und drohen dem Einzelhandel nun das wichtige Weihnachtsgeschäft zu vermasseln. Allerdings war die Einkaufslust im Sommer besonders groß - und das genau zu dem Zeitpunkt, als die Lebensmittel immer teurer wurden.
IW-Ökonom Lesch ist sowieso überzeugt: Die moderate Lohnentwicklung auch in diesem und im nächsten Jahr ist aus wirtschaftlicher Sicht erfreulich. Denn nur so könnten Unternehmen mehr Gewinne machen, Jobs schaffen - denn der Zuwachs von Beschäftigung hat seiner Ansicht nach langfristig einen um ein Vielfaches größeren Effekt auf den Konsum als Lohnsteigerungen bei gleichbleibend hoher Arbeitslosigkeit.
Dass zumindest die Rechnung, mehr Wachstum führt zu mehr Beschäftigung, noch aufgeht, bestätigen die heute veröffentlichten Arbeitslosenzahlen. Mit rund 3,38 Millionen Erwerbslosen beziehungsweise einer Quote von 8,1 Prozent ist die Arbeitslosigkeit so niedrig wie seit 14 Jahren nicht mehr. So müsse es weitergehen, findet Lesch.
Hinzu komme, dass die Arbeitnehmer im nächsten Jahr im Vergleich zu 2007 in verschiedener Hinsicht geschont würden, sagt Lesch: keine Mehrwertsteuererhöhung wie in diesem Jahr, der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung sinkt. Nach höheren Lohnabschlüssen zu rufen, ist dieser Argumentation zufolge falsch - egal was in der Zeitung steht.
| Einkommensprognose des IWF für 2008 | |||
| Gehaltsplus nominal | Inflation | Gehaltsplus real | |
| Westeuropa | |||
| Belgien | 3,3 | 1,8 | 1,5 |
| Dänemark | 3,6 | 2,1 | 1,5 |
| Deutschland | 2,7 | 1,6 | 1,1 |
| Finnland | 3,5 | 1,9 | 1,6 |
| Frankreich | 3,0 | 1,8 | 1,2 |
| Griechenland | 5,0 | 3,2 | 1,8 |
| Großbritannien | 3,1 | 2,0 | 1,1 |
| Irland | 4,7 | 2,1 | 2,6 |
| Italien | 3,1 | 1,9 | 1,2 |
| Niederlande | 3,0 | 2,1 | 0,9 |
| Norwegen | 3,3 | 2,2 | 1,1 |
| Österreich | 3,0 | 1,8 | 1,2 |
| Portugal | 3,5 | 2,3 | 1,2 |
| Schweden | 3,4 | 2,1 | 1,3 |
| Schweiz | 2,5 | 1,0 | 1,5 |
| Spanien | 3,8 | 2,4 | 1,4 |
| Zypern | 2,7 | 2,5 | 0,2 |
| Osteuropa | |||
| Bulgarien | 9,3 | 4,4 | 4,9 |
| Estland | 7,5 | 5,6 | 1,9 |
| Kroatien | 4,6 | 2,8 | 1,8 |
| Lettland | 8,7 | 6,5 | 2,2 |
| Litauen | 9,6 | 3,5 | 6,1 |
| Polen | 4,0 | 2,9 | 1,1 |
| Rumänien | 8,3 | 5,0 | 3,3 |
| Russland | 10,2 | 7,5 | 2,7 |
| Serbien | 4,8 | 6,1 | -1,3 |
| Slowakei | 4,7 | 2,0 | 2,7 |
| Slowenien | 4,1 | 2,4 | 1,7 |
| Tschechien | 4,0 | 3,1 | 0,9 |
| Türkei | 8,5 | 4,0 | 4,5 |
| Ukraine | 10,0 | 10,0 | 0,0 |
| Ungarn | 5,2 | 3,8 | 1,4 |
| andere Staaten | |||
| Australien | 4,0 | 2,5 | 1,5 |
| China | 7,5 | 3,2 | 4,3 |
| Indien | 14,1 | 4,3 | 9,8 |
| Kanada | 3,8 | 2,0 | 1,8 |
| Vereinigte Staaten | 3,7 | 1,8 | 1,9 |
| Quelle: Mercer-Studie "2008 Global Compensation Planning Report", www.imercer.com/gcpr. Die Studie geht für Deutschland von 2,7 Prozent Lohnwachstum und einer Inflation von 1,6 Prozent aus. | |||
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