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Briefgewerbe Ein paar Cent für einen Brief

2. Teil: Selekt Mail zahlt höhere Prämie fürs Werben neuer Zusteller

Das sieht auch Gerritsen so: "Ich bin draußen an der frischen Luft, bewege mich regelmäßig, halte hier und da einen kleinen Klön." Manchmal werde sie allerdings gefragt, warum sie diesen Job mache. Andere Menschen würden sie einfach nur abschätzig angucken. "Für das Selbstbewusstsein macht man diesen Job nicht. Ich stehe da aber drüber", sagt sie. Bei Krankheit wird sie nicht bezahlt, aber Femke war in über sieben Jahren noch nie krank. "Als ich mal krank war, bin ich halt ein bisschen langsamer gelaufen."

So ausdauernd ist längst nicht jeder. Selekt Mail kämpft, um genug Zusteller zu finden. Die Prämie für das Werben eines neuen Zustellers ist vor einem Monat von 30 auf 75 Euro angehoben worden. Gerritsen hat noch keine Prämie bekommen: "Wenn ich jemandem vorschlage, für Selekt Mail zu arbeiten, winken alle ab. Teilweise werden Zeitarbeitskräfte angeheuert, die dann besser bezahlt werden als ich", erzählt sie. Immer mal wieder wird sie gefragt, die Neuen einzuarbeiten. Unbezahlt, versteht sich.

Zustellerin muss sich telefonisch abmelden

Die Arbeitskleidung muss anteilig selbst bezahlt werden, 44 Euro für Hose und Jacke. Die Packtasche kostet fünf Euro Leihgebühr. Das Mofa oder Fahrrad muss der Postzusteller selbst mitbringen. Manchmal gibt es ein Reparaturset, aber der Rest ist Eigenleistung. Auch eine betriebliche Unfallversicherung gibt es nicht. Femke hat sich privat abgesichert.

Die hohe Fluktuation scheint besondere Kontrolle nötig zu machen. Wenn alle Briefe zugestellt sind, muss Gerritsen ihren Arbeitgeber anrufen, um sich "abzumelden". Immer wieder werden anschließend Kontrollanrufe bei den Postempfängern gemacht. Ist das Ergebnis zufrieden stellend, bekommt der Zusteller einen grünen Brief mit Dankesworten. "Außerdem kann man einen 25 Euro-Buchgutschein gewinnen", sagt Gerritsen. Fällt die Untersuchung negativ aus, erhält Gerritsen einen Mahnbrief mit roten Lettern auf weißem Papier.

Auch das interne Mitarbeiter-Informationsblatt "In de Bus" (Im Briefkasten) will für bessere "Zustellqualität" sorgen und setzt bisweilen auf Abschreckung. Die Ausgabe, die sich mit der Zustellung der sensiblen Briefe der Steuerbehörde beschäftigt, warnt auf der zweiten Seite: "Auf das Post-Wegwerfen folgt eine Anzeige". Außerdem wird geraten, die Post des eigenen Bezirks in Notfällen nur von vertrauenswürdigen Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten austragen zu lassen.

Der Streit um den niederländischen Postmarkt wird nicht abnehmen. Nach der deutschen Mindestlohn-Entscheidung für Postzusteller hat die niederländische zweite Kammer die zum 1. Januar geplante weitere Liberalisierung des niederländischen Marktes vorerst verschoben. Wenn die Freigabe für Briefe unter 50 Gramm jedoch kommt, könnten Sandd und Selekt Mail einen Marktanteil von 25 Prozent erreichen, schreibt der Gewerkschaftsverband FNV Bondgenoten.

Doch auch der frühere Monopolist TNT schläft nicht. Mit "Netwerk VSP" hat der ehemalige Staatskonzern den dritten großen Wettbewerber auf den Billig-Postmarkt gebracht.

*Name geändert

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