Peking – Weite Teile der chinesischen Bevölkerung haben wenig vom Wirtschaftswunder ihres Landes - denn die Güter des täglichen Bedarfs werden dieses Jahr von Tag zu Tag teurer. Im November stiegen die Verbraucherpreise im Vergleich zum Vorjahresmonat um 6,9 Prozent, wie das chinesische Statistikamt in Peking mitteilte. Damit wurde das Allzeithoch der Monate August und Oktober, als die Inflation bei 6,5 Prozent lag, sogar noch übertroffen.
Das Schlimmste: Lebensmittel kosten inzwischen sogar 18,2 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Das von der Bevölkerung bevorzugte Schweinefleisch wurde um satte 56 Prozent teurer. Dagegen erhöhten sich die Preise für Nicht-Lebensmittel lediglich um 1,4 Prozent.
Insgesamt werde die Preissteigerung dieses Jahr im Durchschnitt etwa 4,7 Prozent betragen und damit das höchste Niveau seit 1996 erreichen, erklärte das Statistikbüro weiter. Die Regierung hatte sich höchstens drei Prozent zum Ziel gesetzt. Experten wie Politiker sind alarmiert wegen der hohen Preissteigerung. Vor allem die hohen Lebensmittelpreise bereiten der kommunistischen Partei Sorge: Die arme Landbevölkerung gibt rund ein Drittel ihres Einkommens für Essen und Trinken aus.
Wegen der extremen Teuerungsrate hatte die Regierung im September die Preise für Speiseöl und andere Basisgüter bereits eingefroren. Peking versuchte, auch Druck auf die Bauern auszuüben, mehr Schweine zu züchten und versprach Gratisimpfungen und andere Hilfen für die Landwirte. Wiederholte Seuchen haben der Schweinefleischproduktion in diesem Jahr schwer zugesetzt.
Die Preise für Benzin hoben die Behörden unterdessen selbst um zehn Prozent an, um den Verbrauch zu senken und so die Engpässe bei der Benzinversorgung zu beseitigen. Auch im Jahr 2008 hat die Regierung die Eindämmung der Inflation zum obersten Ziel erklärt. Vergangene Woche kündigte Peking eine strikte Kontrollpolitik an. Experten begrüßen die Initiative: "Wir erwarten von der Zentralbank, gegen die starke Inflation mit zusätzlicher Konsequenz vorzugehen", sagte Tao Wang, Chef-Volkswirt der Bank of America in Peking.
Die Regierung bemüht sich allerdings schon seit geraumer Zeit vergeblich, dem ungezügelten Wirtschaftswachstum des Landes – das verantwortlich ist für die enormen Preissteigerungsraten – Einhalt zu gebieten. In den ersten neun Monaten des Jahres legte die Konjunktur trotz aller Bemühungen um 11,5 Prozent zu. Auch der Jahreswert wird nach aktuellen Berechnungen bei 11,5 Prozent liegen, wie das Statistikbüro bereits im Oktober mitteilte. Dieser Wert läge am oberen Ende der von Experten erwarteten Spanne von 11 bis 11,5 Prozent.
EU alarmiert wegen Handelsüberschuss
Neben der hohen Inflation zeigen die heute veröffentlichten Zahlen auch den nach wie vor enorm großen Handelsüberschuss des Landes, der im November bei 26,3 Milliarden Dollar lag und damit etwas unter dem Oktoberwert von 27,1 Milliarden Dollar. Der Export nahm im November um 22,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat zu, die Importe stiegen um 25,3 Prozent.
Der Handelsüberschuss sorgt in Europa und den USA für Unruhe. EU-Kommissar José Manuel Barroso warnte erst kürzlich in Peking, das in diesem Jahr auf 170 Milliarden Euro ansteigende Handelsdefizit Europas sei "nicht aufrechtzuerhalten". Europäische Unternehmen seien zunehmend frustriert über unzureichenden Marktzugang in China. Die Angst vor der Globalisierung in Europa nehme außerdem zu. "Es besteht tatsächlich die Gefahr, dass Europäer den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas als Bedrohung ansehen." Das Problem des Handelsdefizits müsse gelöst werden, um protektionistischen Druck in Schach zu halten.
Zur Bekämpfung des Handelsdefizits verlangt die EU von der chinesischen Regierung unter anderem die Aufwertung des chinesischen Yuan. Der künstlich niedrig gehaltene Kurs sei mitverantwortlich für den starken Exportüberschuss des Landes. China hat nach jahrelangem Stillstand in der Auseinandersetzung kürzlich nach einem Treffen mit EU-Vertretern eine weitere Flexibilisierung des Wechselkurses angekündigt. EU-Währungskommissar Joaquín Almunia zufolge hat die Volksrepublik signalisiert, die Abweichungen des Wechselkurses zu Dollar und Euro stärker zu berücksichtigen.
ase/Afp/Reuters
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