Aus Moskau berichtet Anselm Waldermann
Moskau - Manchmal ist auch eine Supermacht zu Bescheidenheit gezwungen. Die Bürger Moskaus bekommen das neuerdings zu spüren: Die Stadtverwaltung verwendet in öffentlichen Gebäuden nur noch Energiesparlampen. Der Stromverbrauch soll dadurch um bis zu 80 Prozent reduziert werden. An die privaten Haushalte appelliert die Stadt, ihre alten Glühbirnen ebenfalls auszutauschen.
Russland, die Energiemacht Nummer eins - eine Hochburg der Ökobewegung? Bei weitem nicht. Die Sparpläne der Moskauer Verwaltung haben einen ganz anderen Grund: Die Stadt muss ihren Energieverbrauch drastisch reduzieren, sonst droht ein Kollaps der Stromversorgung.
Wie Moskau geht es den meisten russischen Städten. Überall klagen Verbraucher, Unternehmen und Lokalpolitiker über einen Mangel an Energie. Wie kann das sein - in einem Land, das über die weltweit größten Gasvorkommen und gigantische Mengen an Öl verfügt?
Das Problem liegt an den russischen Energiekonzernen: Unternehmen wie Gasprom, Rosneft oder der Stromriese RAO UES haben dringende Investitionen versäumt, sagen Experten. Die Kapazitäten von Förderanlagen und Kraftwerken reichen längst nicht mehr aus, um die steigende Nachfrage nach Öl, Strom und Gas zu befriedigen.
"Bau uns eine Straße, dann kriegst du Strom"
Beispiel Moskau: Der Versorger Mosenergo beziffert den Strombedarf in einem kalten Winter auf 18.400 Megawatt. Tatsächlich schaffen die Kraftwerke in Moskau und Umgebung aber nur 17.950 Megawatt. Es bleibt eine Lücke von 450 Megawatt - das entspricht der Leistung eines kleinen Kernkraftwerks.
Bei minus 28 Grad, prognostizieren Fachleute, muss Mosenergo manchen Kunden den Strom abstellen, damit das Netz nicht zusammenbricht. Die Behörden versetzt diese Vorstellung in Alarmstimmung. Nur zu gut ist der Blackout im vorletzten Winter in Erinnerung: Zahlreiche Industrieunternehmen standen ohne Strom da, nur Privatkunden wurden durchgehend beliefert.
Anfang Januar traf es auch die Olympia-Hochburg Sotschi: Tagelang war die Region am Schwarzen Meer ohne Strom. Insgesamt, schätzen Experten, benötigt die russische Stromwirtschaft Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe - gerechnet in Euro.
Auch ausländische Unternehmer kennen das Problem. "Nicht jede industrielle Ansiedlung bekommt in Russland einen Stromanschluss", sagt ein hochrangiger Manager aus Deutschland. "Manchmal konfrontieren die Behörden ein Unternehmen mit dem Wunsch: Bau uns eine Straße, dann kriegst du Strom."
In den neunziger Jahren war die Lage noch erträglich. Als die Industrie daniederlag, wurde nicht so viel Energie benötigt. Anders heute: Das Boomland Russland braucht nichts so dringend wie Elektrizität.
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