Aus Moskau berichtet Anselm Waldermann
In Russland wird der meiste Strom in Gaskraftwerken erzeugt - was die Versorgungsprobleme noch verschärft. Denn der Monopolist Gasprom hat kaum Lust, sein kostbares Gas zu Billigpreisen an die heimische Stromwirtschaft zu verkaufen. Deutlich höhere Gewinne lassen sich in Westeuropa erzielen. Immer wieder streiten sich Gasprom und der Stromkonzern RAO UES deshalb über Gaslieferverträge.
Bisher war es der Westen, der um seine Energieversorgung bangte. Doch mittlerweile machen sich auch viele Russen Sorgen. Einer der Mahner ist Wladimir Milow, der Leiter des Moskauer Instituts für Energiepolitik. Seine Kritik richtet sich vor allem gegen Gasprom, den vom Kreml kontrollierten Megakonzern. "Unter Gasprom leidet niemand so sehr wie die Russen selbst."
Aus undichten Leitungen entweicht Gas in die Atmosphäre
Milow weiß, wovon er spricht: Der 35-Jährige war früher russischer Vize-Energieminister. Seit 2002 gehört er nicht mehr zur Regierung - dem Kreml waren seine Ansichten zu liberal. "Der Staat sollte sich aus der Öl- und Gasförderung raushalten", fordert er. "Dann wird der Markt den Bedarf schon decken."
In Russland ist genau das Gegenteil der Fall. Unternehmen wie Gasprom oder der Ölkonzern Rosneft werden vom Kreml gelenkt. Die Regierung entscheidet, wo und wann neue Lagerstätten angebohrt werden. "Gasprom könnte viel mehr Gas aus der Erde holen. Aber dafür müsste man mehr in Förderanlagen investieren", sagt Milow. Dank der hohen Weltmarktpreise habe das Unternehmen seine Einnahmen Jahr für Jahr gesteigert. "Von den Investitionen kann man das nicht behaupten - absolut typisch für ein Monopol."
Schon vor einem Jahr warnte das russische Industrieministerium, dass es 2007 einen Gasmangel von rund vier Milliarden Kubikmetern geben könnte. Im Jahr 2015, so die düstere Prognose, könnten es mehr als 40 Milliarden Kubikmeter sein - knapp die Hälfte des deutschen Jahresverbrauchs. "Wenn wir längere Zeit minus 15 Grad haben, kann Gasprom den Bedarf nicht decken", sagt Experte Milow. Die Internationale Energieagentur beklagt außerdem den schlechten Zustand der russischen Gasleitungen: Wegen mangelnder Wartung entweiche überall Gas in die Atmosphäre.
Der Gaspreis könnte sich verdoppeln
Wie ernst das Problem ist, bestätigen sogar Manager aus der Branche selbst. "Im vorletzten Winter war die Lage wirklich kritisch", sagt Andrej Agischew, der Direktor von Permregiongas, einer Gasprom-Tochter im Ural-Gebiet. "In St. Petersburg, Moskau und anderen Gebieten war der Druck in den Pipelines zu niedrig." Der Westen müsse sich deswegen aber keine Sorge machen: "Exportverträge haben Vorrang." Was das im Umkehrschluss bedeutet, ist klar: Sollte Gas erneut knapp werden, wird als erstes bei den russischen Verbrauchern gespart.
Noch kostet Gas in Westeuropa mehr als in Russland. Langfristig sollen sich die Preise aber angleichen, sagt Agischew. "Im Inland wird Gas im kommenden Jahr 15 Prozent teurer. Es gibt allerdings auch Pläne, denen zufolge sich der Preis verdoppeln könnte."
Verbraucher und Industrie würde das empfindlich treffen. Doch Gasprom stört das nicht. Im Gegenteil: Teures Gas sorge endlich für einen effizienten Umgang mit Energie, schwärmt Agischew. "Das gilt vor allem für die Stromwirtschaft. Der Anteil der Gaskraftwerke ist in Russland viel zu hoch." Persönlich empfehle er Kohle - ein erstaunliches Statement für einen Gasmanager. "Wenn die russischen Verbraucher mit ihrer Energie genauso sparsam umgehen wie die deutschen, dann wird das Gas noch lange reichen", sagt Agischew. Das Einsparpotential beziffert er auf mindestens 50 Prozent.
Bei sich selbst will der Energieprofi allerdings nicht anfangen. In Agischews Arbeitszimmer läuft sowohl die Heizung als auch die Klimaanlage. "Das ist russische Gastfreundschaft", erklärt er verlegen. "Der Gast soll nicht frieren. Er soll aber auch frische Luft haben."
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