Wirtschaft



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15.01.2008
 

US-Kreditkrise

Citigroup sucht Rettung im Ausland

Von Marc Pitzke, Detroit

Die Kreditkrise hat die größte US-Bank Citigroup voll erwischt: Konzernchef Pandit gab heute einen Quartalsverlust von fast zehn Milliarden Dollar bekannt. Jetzt muss er sich in Singapur und Saudi-Arabien Kapital besorgen. Die Leidtragenden sind die Angestellten - und die Verbraucher.

Detroit - Am Ende schien das Desaster nicht ganz so schlimm. Bis zu 24 Milliarden Dollar Quartalsverlust müsse die Citigroup, die größte US-Bank, wegen der Kreditkrise abschreiben, hatten die Kaffeesatzleser der Wall Street geunkt. 24.000 Angestellte müssten um ihren Job fürchten. Doch als sich der neue Konzernchef Vikram Pandit heute in einer Telefonkonferenz den Analysten stellte, da verkündete er eine etwas weniger grässliche Botschaft: 18,1 Milliarden Dollar abgeschrieben, Dividende um 41 Prozent gekürzt, 4200 Stellen gestrichen.

Citigroup-Zentrale in New York: Tausende Angestellte verlieren ihren Job.
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DPA

Citigroup-Zentrale in New York: Tausende Angestellte verlieren ihren Job.

Trotzdem, eine Hiobsbotschaft allemal, nicht zuletzt für die direkt Betroffenen - und, wie Pandit hörbar ärgerlich klarstellte, durch und durch "inakzeptabel". Fast zehn Milliarden Dollar Quartalsverlust blieben unterm Strich übrig, das erste Minus in der Citi-Geschichte.

Das Subprime-Debakel um die Spekulationen mit Ramsch-Hypotheken im kollabierenden US-Immobilienmarkt sei "beispiellos" und habe die Bank "völlig überwältigt", gab Pandit zu. Ein verheerender Einstand für den gebürtigen Inder, der erst seit einem Monat als Nachfolger des geschassten Chuck Prince amtiert.

Man konnte Pandits Frustration regelrecht spüren. In der gequälten, 45-minütigen Telefonkonferenz - während der die US-Börsen eröffneten und prompt absackten - beschwor er die Analysten: "Wir haben fantastische Leute bei Citi." So fantastisch dann aber wohl doch nicht: Irgendwer hat die Katastrophe schließlich zu verantworten. Freilich kaum die Tausenden einfachen Banker, die nun ihre Jobs los sind - auch wenn Pandit das im eiskalten Managersprech als gewinnbringende "Kopfzahlreduzierung" zu verbrämen versuchte.

Für die Amerikaner, bei denen mit immer größerer Panik die Rezessionsangst umgeht, dürfte all das kaum hilfreich sein. Die Citi-Zahlen reihen sich in frühere Katastrophenmeldungen ein: Merrill Lynch (7,9 Milliarden Dollar abgeschrieben), Morgan Stanley (3,7 Milliarden Dollar), UBS (3,55 Milliarden Dollar). Die Bürger machen sich solche Sorgen, dass selbst die Vorwahlkämpfer in der Provinz, die lange nur über den Irak-Krieg stritten, heute von fast nichts anderem mehr reden.

Injektionen aus Asien und Nahost

Wie schon zuvor ruft die Citigroup auch diesmal nach Hilfe aus dem Ausland: Gleichzeitig mit der miesen Bilanz gab das Unternehmen eine Kapitalspritze von 12,5 Milliarden Dollar bekannt - durch den Verkauf von Aktienpaketen an ausländische Großinvestoren. Zu den Käufern zählen der Staatsfonds Government of Singapore Investment (GIC), Citis Ex-CEO Sandy Weill und der saudische Prinz Walid ibn Talal, seit langem einer der größten Einzelaktionäre. Ein Offenbarungseid - und ein Zeichen der Zeit: Das Symbol des US-Kapitalismus muss seine Finanzlöcher mit Unterstützung aus Arabien und Fernost stopfen.

Derartige Kapitalspritzen werden notgedrungen immer populärer bei den Banken, stoßen bei Analysten wie US-Politikern aber nicht unbedingt auf Jubel. Citi hatte schon im November einen 7,5-Milliarden-Dollar-Anteil an die Abu Dhabi Investment Authority verkauft. Ähnlich sind auch andere Banken vorgegangen: Der Singapur-Fonds hält derzeit fast zehn Milliarden Dollar an der Schweizer UBS, die China Investment Corporation (CIC) fünf Milliarden an Morgan Stanley, eine Milliarde an Bear Stearns und drei Milliarden am New Yorker Private-Equity-Riesen Blackstone.

Ebenfalls heute meldete dann auch Merrill Lynch, es bekomme 6,6 Milliarden Dollar aus dem Ausland zugeschossen - unter anderem, indem es Anteile an die Korea Investment Corporation, Kuwaits Investment Authority und die japanische Bank Mizuho Financial abstößt.

Schon wird der US-Kongress misstrauisch. "Ausländische Investitionen stärken im Prinzip zwar unsere Wirtschaft", sagt der demokratische Senator Chuck Schumer. Doch: "Je näher sie daran kommen, Kontrolle und Einfluss auszuüben, desto besorgter sind wir." Noch sind die internationalen Beteiligungen alle dezidiert passiv konstruiert. Doch sollte sich daran auch nur das Geringste ändern, würde der Kongress sicher schnell eingreifen.

"Sehr schwieriges Umfeld"

Chinas Zweckehe mit Blackstone zeigt überdies, dass die Investitionen auch für die Ausländer ein Risiko sind. Der Blackstone-Börsengang versandete im Juni völlig, China verlor dadurch bis jetzt rund eine Milliarde Dollar. "Es kann denen nicht viel Spaß machen, dabei zuzuschauen, wie ihre Investitionen auf dem Papier verrinnen, noch bevor die Tinte unter den Verträgen getrocknet ist", spottet Dana Cimilluca, der Börsenblogger des "Wall Street Journals". Kein Wunder, dass China ein weiteres CIC-Geschäft mit Citi über zwei Milliarden Dollar jetzt kurzfristig platzen ließ. Langsam versiegt selbst der globale Geldhahn.

Das Horrorszenario komplettiert sich. Noch während Citi-Chef Pandit mit den Analysten sprach, gab es auch anderswo unterirdische Ergebnisse - bei den US-Einzelhändlern, deren Weihnachtsgeschäft 2007 nun auch offiziell eine Pleite war. Davon betroffen ist selbst die bisher stabile Luxuskategorie, zum Beispiel der Juwelier Tiffany und das Nobelkaufhaus Nordstrom, die beide miese Festtagsumsätze einfuhren. Kaum besser ist die Lage beim Kreditkarten-Giganten American Express: Die Ausgaben der meist betuchten Klientel gehen ebenfalls zurück - erstmals seit der Rezession von 2001.

All dies offenbart, dass die Kreditkrise fast jeden in Mitleidenschaft zieht, von den Top-Finanzriesen bis hinunter zum Verbraucher. Dies klang auch in den düsteren Details der Citi-Präsentation durch: Pandit zeigte einen scharfen Anstieg der Zahlungsunfähigkeit bei Hypothekenschuldnern auf. Seit November werde das Problem immer schlimmer. "Es gibt keinen Zweifel", sagte Pandit , "wir stecken mitten in einem sehr schwierigen Umfeld."

Wie ernst die Lage ist, ahnt auch das Wirtschaftsmagazin "Economist". Das führt einen "R-Wort-Index", der zählt, in wie vielen Berichten der "New York Times" und der "Washington Post" das Schreckwort Rezession vorkommt. Diese simple Formel hat schon die Rezessionen von 1981, 1990 und 2001 korrekt vorausgesagt. Aktueller Stand: Lange war der R-Wort-Index niedrig, Ende 2007 begann er aber wieder anzusteigen. Über Silvester hat er den höchsten Stand seit 2002 erreicht. Fazit des "Economist": "Die Alarmglocken läuten."

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