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22.01.2008
 

US-Finanzkrise

Börse bangt - Bernanke machtlos

Von Marc Pitzke, New York

Alle Hoffnungen ruhen auf ihm: US-Notenbankchef Ben Bernanke gilt als der Einzige, der die Mittel hat, um die weltweite Finanzkrise zu stoppen. Doch diesmal kann selbst er kaum etwas ausrichten. Denn die Mächte, die jetzt am Werk sind, sind gewaltiger als die Fed.

New York - Ein guter Zentralbankchef, fand der Essayist, der könne "alles bewirken" oder viel Unheil anrichten. Den US-Börsencrash von 1929 habe die Federal Reserve Bank durch ihre verfehlte Zinspolitik "nur noch verschlimmert". Heutzutage sei das kaum denkbar: "Eine smarte Notenbank kann die Wirtschaft und den Finanzsektor beschützen."

Fed-Chef Bernanke: "Smarte Notenbank kann die Wirtschaft beschützen."
AP

Fed-Chef Bernanke: "Smarte Notenbank kann die Wirtschaft beschützen."

Die Worte stammen von Ben Bernanke, veröffentlicht in einem Beitrag für die US-Fachzeitschrift "Foreign Policy" im September 2000 ("Ein Crashkurs für Zentralbanker"), fünf Jahre später wurde er selbst zum Notenbankchef ernannt. Als solcher steht er heute genau vor dem Dilemma: Was kann ein Mann in seiner Position überhaupt ausrichten - und wie schlimm wird das alles noch werden?

Zwar entkamen die US-Börsen gestern wegen des Martin-Luther-King-Feiertags dem Massaker an den Weltmärkten. Doch ab heute schlägt auch in New York die Stunde der Wahrheit: "Der schwere Trübsinn, der über der Wall Street lastet, könnte sich diese Woche noch weiter verdüstern", fürchtet selbst der sonst eher unaufgeregte TV-Wirtschaftssender CNBC und verweist auf die mit allerlei Bangen erwarteten Quartalsbilanzen der kommenden Tage (Apple, Bank of America, Ford, Microsoft).

Auch wenn sich Börsenprognosen in den vergangenen Monaten als kaum verlässlicher erwiesen haben als der Fünf-Dollar-Rat einer Wahrsagerin: Die Dinge stehen schlecht - und Zinsmeister Bernanke, 54, wird als letzter Retter angerufen. Dabei muss auch er längst gemerkt haben, dass er nur bedingt etwas ausrichten kann: Die Mächte, die hier am Werk sind, sind gewaltiger als die Fed.

"Die finanzielle Situation bleibt fragil"

Das "Wall Street Journal" zitierte gestern eine Studie der Ökonomen Carmen Reinhart von der University of Maryland und Kenneth Rogoff aus Harvard, wonach die Krise noch "mindestens so schlimm wird wie die fünf katastrophalsten Finanzkrisen, die die Industriestaaten seit dem zweiten Weltkrieg heimgesucht haben". Die Zeitung titelte: "Warnzeichen deuten auf tiefe Rezession hin". Eine Ansicht, die inzwischen die meisten Analysten teilen. Denn die Immobilienkrise ist keineswegs bezwungen.

Mehr als einer Million US-Hausbesitzern droht 2008 die Zwangsversteigerung. Der Arbeitsmarkt wackelt, die Energiekosten explodieren, der Konsum, Motor der US-Konjunktur, bricht ein. Rund 100 Milliarden Dollar haben die Banken bisher verloren. Das Schlimmste ist: Selbst Top-Banker sind überfragt, wie tief die Börsenkurse stürzen werden. Diese Krise, ahnt Merrill-Lynch-Ökonom David Rosenberg, werde schlimmer und länger als die Rezession von 2001, die acht Monate währte.

Die Stimmung in der - nicht immer besonders gut informierten - US-Öffentlichkeit kippt spürbar. Die Wirtschaft wird zum Top-Thema im Wahlkampf, der Irak-Krieg ist fast vergessen. Die Präsidentschaftsaspiranten beider Parteien übertrumpfen sich mit wohlklingenden Rettungsplänen. Doch überzeugende Antworten hat keiner. Auch Bernanke nicht.

Der Notenbankchef bemühte sich vergangene Woche zwar persönlich vor den US-Kongress, um Märkte, Investoren, Verbraucher und Politiker zu beruhigen. Er sprach von einem Stimulus-Plan, stellte eine weitere Leitzinssenkung in Aussicht. Doch die Börsen hörten offenbar nur seine pessimistischen Worte ("die finanzielle Situation bleibt fragil") - knickten daraufhin erst recht ein.

Ist Bernanke zu nett?

Es ist, als habe die Wall Street das Vertrauen in Bernanke und die Fed verloren. Zu Recht, sagen manche: Schließlich sei es die Notenbank gewesen (unter Bernankes Vorgänger Alan Greenspan), die durch ihre Zinspolitik zu der Hypothekenkrise beigetragen habe. Und schließlich habe Bernanke - für den die verhängnisvollen Subprime-Spekulationen erklärtermaßen selbst Neuland waren - das Ausmaß der Katastrophe lange verkannt.

Eins stimmt sicher: Bernankes Gratwanderung, die Konjunktur via sanftem Zinshebel anzukurbeln, ohne zugleich die Inflation anzufachen, war bisher kaum erfolgreich. Stattdessen herrscht Verwirrung über die Richtung und die Intentionen der Fed - und das unter einem Chairman, der anfangs gelobt hatte, die Ära des Greenspan-Orakels zu beenden, mehr Transparenz zu wagen und die Kommunikation der Bank zu verbessern.

Kritik macht sich breit: Bernanke greife bei den Diskussionen im eigenen Hause nicht hart genug durch, sei zu "demokratisch" - wo die Fed doch gerade jetzt viel eher eine harte Führung brauche als einen lieben Onkel. "Ist Bernanke zu nett für den Job?", fragte schon die "New York Times".

Dabei war doch keiner so prädestiniert für die momentane Herausforderung wie Bernanke. Er kennt die Dynamik des Crashs von 1929 in- und auswendig, hat sie bis zum Gehtnichtmehr analysiert, auf dass sich derlei Unheil nie mehr wiederhole, zumindest nicht unter seiner Ägide. "Er hat seine ganze Karriere damit verbracht, den Zusammenbruch von Finanzmärkten zu studieren", sagt der Ökonom Mark Gertler von der New York University. "Niemand versteht diese Phänomene besser als er."

"Wir haben die Grenze erreicht"

"Bernanke hinkt ernsthaft hinterher", sagt Merrill-Lynch-Ökonom Rosenberg, und Jan Hatzius von Goldman Sachs sagt: "Bernanke sollte stärkere Statements abgeben", die er dann durch Zinssenkungen stützen solle.

Zinssenkungen sind aber kein Allheilmittel, und Bernanke kann demzufolge nicht der Retter sein, als der er beschworen wird. "Bernanke ist in einer sehr schwierigen Lage", räumte sein Vor-Vorgänger Paul Volcker im "New York Times Magazine" am Wochenende ein. "Es gibt zu viele Blasen, seit zu langer Zeit. Die Fed hat wirklich keine Kontrolle über die Situation."

Die Annahme, die Fed habe große Macht über die Konjunkturentwicklung, besteht seit den Greenspan-Jahren - und ist doch falsch. Die heutige Lage, Konsequenz eines jahrelangen Spekulationswahns, ist nach Ansicht von Experten viel zu komplex, um sie mit einer schnellen US-Zinspille zu stabilisieren. Nobelpreisträger Joseph Stiglitz rät Bernanke deshalb, dem Kongress alsbald reinen Wein einzuschenken: "Wir haben die Grenze dessen erreicht, was verantwortliche Zinspolitik tun kann."

Eins freilich, schreibt der Kolumnist Gene Epstein vom Wirtschaftsmagazin "Barron's", sollte Bernanke sofort ändern - seine Stimme. Die sei kein Vergleich zu Greenspans legendär-sonorem Raspelorgan: "Bernanke könnte effektiver sein, wenn er das Timbre seiner Stimme senken würde." Ob das wirklich hilft ...

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