Düsseldorf - Ist Siemens' Medizintechnik-Sparte doch nicht so sauber wie bislang vermutet? Wie die vom Konzern eingeschalteten Ermittler der US-Kanzlei Debevoise berichten, könnten in diesem Geschäftsfeld Medizintechnik gut 140 Millionen Euro in dunkle Kanäle geflossen sein, schreibt die "Süddeutsche Zeitung".
Die Aufsichtsräte sprächen von möglicherweise ernsten Problemen in diesem sehr profitablen Unternehmensbereich. Debevoise untersuche nun, ob es in der Sparte ähnlich dubiose Strukturen wie im Bereich Telekommunikation gegeben habe, schreibt die Zeitung.
Sollten die Gerüchte stimmen, könnte das unter anderem Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer schwer belasten. Der könnte offenbar schon 2004 über Schwarzgeldgeschäfte in diesem Bereich informiert worden sein, berichtet das "Handelsblatt".
Die Zeitung beruft sich dabei auf Thomas Stinnesbeck, den ehemaligen Vertriebsleiter der Frimentochter Siemens Audiologische Technik (SAT). Der behauptet, er habe von Pierer bereits im Juni 2004 schriftlich über "Schwarzgeldgeschäfte" unterrichtet. Auch den Medizintechnik-Spartenvorstand Erich Reinhardt habe er angeschrieben.
Dubiose Geldtransporte in Plastiktüten
In seinem Brief, der dem Handelsblatt vorliegt, beschreibt Stinnesbeck, wie bei der Siemens Audiologische Technik (SAT) in Erlangen Geldübergaben vorgenommen wurden, "die der Beihilfe zur Steuerhinterziehung für die Kunden der SAT dienten". Dabei seien Händlern von Siemens-Hörgeräten zunächst Rabatte gestrichen worden. Dann wurden in Höhe dieser Rabatte Flugtickets beim Reisedienst Med Travel gekauft. Diese Flugtickets wurden aber nicht genutzt, sondern sofort gegen Bargeld getauscht.
Die Med Travel habe zehn Prozent als Kommission einbehalten. Den Großteil händigten SAT-Manager persönlich den Händlern aus. Teilweise wurde das Geld in Plastiktüten transportiert. Das System sei offenbar seit langem eingespielt gewesen. Stinnesbeck selbst habe vor einem Zeugen 40.000 Mark in bar an einen Kunden in Neumünster ausgehändigt. Er sei angewiesen worden, keine Quittungen zu verlangen.
Laut Siemens handelt es sich bei den fraglichen Zahlungen allerdings nicht um "Schwarzgeld", sondern um die Vergütung regulär erzielter Rabatte. Man habe den Sachverhalt in einer internen Untersuchung bereits "lückenlos aufgearbeitet", zitiert das "Handelsblatt" einen Siemens-Sprecher.
Von Pierer, von 1992 bis 2005 Siemens-Chef und danach Aufsichtsratsvorsitzender, trat 2007 von seinem Amt zurück. Reinhardt galt bisher als unbelastet vom Siemens-Skandal und ist noch immer Vorstand der Medizinsparte. Juristisch ist der Vorwurf von Stinnesbeck verjährt. Er wirft jedoch neues Licht auf die Frage, welcher Vorstand seit wann etwas von fragwürdigen Geschäftspraktiken gewusst haben könnte.
ssu/dpa
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