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Von Sebastian Fischer, München
München - Die Stones waren schon da, Bob Dylan und Tina Turner auch, Herbert Grönemeyer sowieso. Und jetzt ist auch Peter Löscher hier. Nur ist der matte Applaus der Zehntausend in der Münchner Olympiahalle nicht mit dem Jubel bei Dylan und Co. vergleichbar.
Siemens-Hauptversammlung: Super Zahlen, miese Stimmung
Aber Peter Löscher ist ja auch kein Rocker, sondern Vorsitzender des Vorstands der Siemens AG
. Und die Stimmung auf deren Hauptversammlung in der Olympiahalle ist wegen all der Korruptionsfälle und -vorwürfe im Konzern nicht konzertreif - obwohl das Geschäftsjahr 2007 das operativ erfolgreichste in der Geschichte des Unternehmens war und
auch die neuesten Zahlen hervorragend sind.
Doch im Mittelpunkt steht der Korruptionsskandal: 1,3 Milliarden Euro Schwarzgeld sollen seit 1999 geflossen sein, 1,1 Milliarden Euro sollen die Maßnahmen zur Aufklärung gekostet haben. Hinzu kommen rund 500 Millionen Euro für Steuernachzahlungen, weitere Sanktionen stehen noch aus. Und immer wieder neue Hiobsbotschaften erschüttern das Traditionsunternehmen .
"Siemens answers" ist auf weiße Wände projiziert
Als Folge der Schmiergeldaffäre wurden Vorstand und Organisation des Konzerns umgebaut. Der frühere Aufsichtsratsvorsitzende und Siemens-Urgestein Heinrich von Pierer zog sich zurück, im Juli 2007 kam mit Peter Löscher das erste Mal in der Konzerngeschichte kein gelernter Siemensianer, sondern ein Externer an die Spitze des Vorstands.
Seitdem gibt Löscher sehr glaubhaft den Aufräumer. In der Olympia-Halle stellt er sich das erste Mal den Aktionären des Riesenkonzerns. Wie werden sie reagieren? Wie hart wird die Kritik?
Die PR-Abteilung von Siemens signalisiert vorsorglich Offenheit: Rechts, links und hinter dem Podium dominieren weiße Leinwände. Der Schriftzug "Siemens answers" wird in allen möglichen Größen darauf projiziert. Bevor Löscher ans Rednerpult tritt, wird noch schnell ein Image-Filmchen eingespielt, eine vertrauensvolle Stimme aus dem Off verkündet: "Wir stellen uns den Fragen unserer Zeit. Siemens antwortet."
Na dann geht's los. Löscher beginnt mit seiner Kindheit, wie er als kleiner Bub im österreichischen Villach, das "auch eine Siemens-Stadt ist", den "Stolz der Siemensianer auf unser Unternehmen von Kindesbeinen an" mitbekommen habe. Prima, Löscher schafft erstmal ein Wir-Gefühl.
"Grundsätze von Anstand und Moral verletzt"
Dann die Offensive: "Ich stehe für absolute Kompromisslosigkeit im Umgang mit Verstößen gegen Recht und Gesetz." Es gehe ihm "um sauberes Geschäft immer und überall". Löscher spricht von "der schwersten Krise der vergangenen Jahrzehnte": Langsam entstehe ein "deutlicheres Bild, wer verantwortlich und was passiert ist". Er könne heute noch nicht sagen, wann die von der US-Kanzlei Debevoise & Plimpton im Auftrag von Siemens betriebene Untersuchung abgeschlossen werden könne.
Löscher wird energischer und lauter, als er über eine "kleine Zahl von Führungskräften" spricht, die "fundamentale Grundsätze von Anstand und Moral verletzt" hätten. Löscher: "Versagt hat die Führungskultur. Missachtet wurde, dass jeder vor einer roten Ampel stoppen muss. Von dieser Regel gibt es keine Ausnahme - niemals, nirgendwo und für niemanden."
Die Aktionäre in der Halle klatschen erleichtert. Löscher redet Tacheles. Löscher kommt an. Einige schöpfen Hoffung, treten ans Mikrofon - und lassen den Wortwitz blühen: Der neue Mann an der Spitze werde das Feuer schon "löschern", er werde dafür sorgen, dass die schwarzen Kassen "gelöschert" würden.
Attacke der Aktionärsschützer
Einige lachen. Dann gehen die Aktionärsschützer nach vorn. Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) attackiert die alte Konzernführung: "Siemens hat Vertrauen verloren, leichtfertig verspielt durch das frühere Management." Die Firmenkultur sei "ein Sumpf", in dem "gemauschelt, geschoben, gekauft" werde. Bergdolt: "Was für ein Armutszeugnis für dieses Unternehmen! Wie konnte der frühere Vorstand angeblich nichts davon gewusst haben?"
Bergdolt lobt die in der letzten Woche bekannt gewordene Entscheidung der Konzernführung, die Entlastung des Vorstands - mit Ausnahme Löschers - zu vertagen. Anlass war ein Schreiben von Debevoise & Plimpton an Aufsichtsratschef Gerhard Cromme: Man habe neue Korruptionsinformationen über das "Verhalten und die Kenntnisse einiger Personen, die innerhalb einiger vergangener Jahre Mitglieder des Vorstands waren".
Die Aktionärschützerin Bergdolt aber fügt hinzu, Siemens verpasse "die Chance des Neuanfangs im Aufsichtsrat", da dieser seine Entlastung nicht verschieben wolle: "Herr Cromme, machen Sie den Weg frei!"
Harald Petersen von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) diagnostiziert ein "Verbrechen von einigen wenigen" bei Siemens. Das Unternehmen gelte "nicht mehr als Bester im Reich Innovationen sondern als Bester im Reich der Korruption". Firmengründer Werner von Siemens "würde sich im Grabe herumdrehen". Petersen kritisiert zudem den langjährigen früheren Siemens-Boss von Pierer: "Herr von Pierer steht vielleicht für den Aufbau des Unternehmens - aber auch für den aktuellen Fall!"
"Keine Pläne, uns aus den USA zurückzuziehen"
Besonders pikant: die von der US-Börsenaufsicht SEC drohende Gefahr. Siemens ist seit 2001 in New York börsennotiert, muss also auch dort Konsequenzen aus dem Schmiergeldskandal fürchten. Und die SEC ist bekannt für saftige Millionen- oder gar Milliardenbußen. Siemens könnte in den USA auch der Ausschluss von staatlicher Auftragsvergabe drohen.
Aufsichtsratschef Cromme kündigt heute in München Gespräche mit der SEC und dem US-Justizministerium an. Sie könnten schon im Februar beginnen und sollen zu einem "umfassenden und fairen Vergleich führen". Verschiedene Aktionäre rechnen mit einer Siemens-Zahlung zwischen einer und vier Milliarden Euro.
Aktionärschützer Petersen bringt deshalb die Idee vom "Delisting" ins Gespräch: Siemens' Rückzug von der New Yorker Börse. Darauf Finanzvorstand Jo Kaeser: "Korrektheit darf man nicht daran festmachen, wo unser Unternehmen gelistet ist." Es gebe "keine Pläne, dass wir uns aus den USA zurückziehen".
Tränen aus der Gründerfamilie
Die Aktionäre sind hin- und hergerissen. Sie loben Löscher und seine Entschlossenheit. Sie sind dankbar für die Zäsur im Vorstand: Vier der acht Mitglieder sind neu hineingekommen, mit Löscher sind es gar fünf. Aber sie sorgen sich um die Tradition, um das Image. Welchen Ruf wird Siemens aus dieser Affäre mitnehmen? Einer sagt, im Dritte-Welt-Land Nigeria habe man Siemens einen Auftrag unter Hinweis auf den Schmiergeldskandal verweigert. Ausgerechnet in Nigeria!
Alle Redner beschwören die 160-jährige Siemens-Tradition. In der Olympiahalle wird diese von keinem so verkörpert wie von Peter von Siemens. Der Ur-Ur-Enkel des Firmengründers nimmt heute seinen Abschied aus dem Aufsichtsrat. Als ihm Peter Löscher überschwänglich dankt, erfüllt endlich Jubel die Halle.
Und der Herr von Siemens? Der steht auf, mit sehr ernstem Gesicht. Vorsichtig verbeugt er sich. Zehntausend Aktionäre applaudieren, denken das erste Mal an diesem Tag nicht mehr an schwarze Kassen oder Compliance. Peter von Siemens zeigt keine Gesichtsregung.
Nur das Wasser steigt ihm in die Augen.
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