Von Michael Kröger
Die Vorschriften unterschieden sich zwar von Bank zu Bank, doch das Prinzip sei gleich: "Es gibt Limits, bei deren Überschreitung die rote Laterne aufleuchtet. Die werden in Echtzeit überprüft und nicht etwa am Ende eines Tages - und jeder in der Abteilung ist darüber informiert." So ein System dient nicht allein der Sicherheit, es hat auch ganz praktische Gründe. Denn auf diese Weise lässt sich zum Beispiel vermeiden, dass zwei Händler einer Bank um denselben Kontrakt konkurrieren und den Preis hochtreiben. Entscheidend ist aber, dass jeder Einzelne sekundengenau darüber im Bilde ist, welche Positionen in seinem Portfolio gerade im Soll stehen.
Wenn plötzlich die Panik kommt
"Ein Minus muss im Einzelfall noch gar nichts bedeuten", sagt Gerke. Es liege sogar in der Natur der Sache. "Man muss es nur unter Kontrolle behalten."
An diesem Punkt kommt der Faktor Mensch ins Spiel. Denn es ist Sache des einzelnen Händlers oder seines Vorgesetzten, darüber zu entscheiden, wann verkauft wird, wenn eine Position in die Verlustzone rutscht. Womöglich wandelt sich ein Minus von 20 Millionen Euro bis zum nächsten Tag wieder in einen erklecklichen Gewinn - oder es werden 40 Millionen daraus, wer weiß das schon. Je nach Vorgesetztem wird man in so einer Situation unterschiedlich entscheiden. Die Konkurrenz in der Abteilung, die persönliche Stimmung spielen eine nicht unwesentliche Rolle. Ebenso der Blick auf die Gewinnbeteiligung, den Bonus am Ende des Jahres.
"Natürlich wird sich ein Händler in erster Linie an Fakten orientieren", sagt Gerke. "Entscheidend ist, dass alle Karten jederzeit auf dem Tisch liegen." Aber subjektive Faktoren wirkten selbstverständlich mit. Problematisch werde es, wenn sich der Betreffende keine Blöße geben wolle und eine problematische Position verheimliche: "Dann schießt er vielleicht nach, um die Verluste schnell auszugleichen - und vergrößert sie natürlich, wenn der Markt wieder gegen ihn läuft." Wenn der Verlust so groß sei, dass der Mann mit der Kündigung rechnen müsse, wachse die Versuchung, die Angelegenheit zu vertuschen. Und verzweifelt auf Glück zu hoffen.
Und trotzdem: Wieso kann ein einzelner Mitarbeiter einen solchen Riesenverlust aufhäufen wie Kerviel?
Wut und Empörung über die laschen Sicherheitssysteme
"Für mich stellt sich die Frage: Ist das Top-Management eigentlich nur von Dummköpfen durchsetzt?", schimpfte der Analyst einer deutschen Privatbank. "Wie kann es sein, dass in einer Phase wie dieser, in der jede Bank auf ihre Bilanzen schaut und alle Positionen überprüfen muss, in der Analysten und Anleger seit Monaten die Bankvorstände mit Fragen bombardieren - wie ist es möglich, dass so eine Position versteckt bleiben kann?" Der Fall sei ein "absolutes Armutszeugnis" für das Risikomanagement der Bank. Ein Aktienhändler einer deutschen Großbank sagt: "Jetzt redet jeder von Betrug im Fall Kerviel - aber das ist für mich pure Rhetorik. Meiner Einschätzung nach war das ein Riesenmangel im Risikomanagement der Bank." Ion-Marc Valahu von der Amas-Bank in der Schweiz findet es "schwer zu verstehen, dass ein Händler in der Lage gewesen sein soll, ein solches 'geheimes Geschäft' getätigt zu haben, ohne dass jemand davon gewusst hat".
Hat die Finanzwelt nichts gelernt aus Fällen wie dem von Nick Leeson, dessen Crash-Spekulationen in den neunziger Jahren den Zusammenbruch der Barings Bank verursachten - und dessen Verluste nur ein Viertel des jetzigen Betrags ausmachen?
Ein Analyst einer anderen deutschen Großbank: "Eigentlich hatte man gehofft, dass die Kontrollsysteme von Banken inzwischen so weiterentwickelt wurden, dass solche Fälle früher auffallen und nicht zu derart astronomischen Verlusten führen können." Das aber "scheint nicht der Fall zu sein". Vielleicht sei ein Debakel wie im Fall Kerviel aber auch genau deshalb möglich gewesen, weil sich alle auf die Kreditkrise konzentrierten und andere Geschäftsbereiche vernachlässsigten.
Bankenexperte Gerke weiß zu berichten, dass nicht selten Vorgesetzte Bescheid wissen über Verstöße gegen interne Richtlinien der Bank - und sie dulden, weil auch sie hoffen, dass die Verluste durch eine glückliche Fügung noch verschwinden. Ein unverzeihlicher Fehler. "Selbst wenn ein Händler mit so einer Aktion Glück hätte, müsste man ihn rausschmeißen, denn es geht letztendlich um die Existenz der Bank."
Auch deutsche Banken sind nicht sicher
Und in Deutschland: Gibt es hier Sicherheitspuffer? Gerke lacht. "Den Faktor Mensch gibt es auch in Deutschland." Im Prinzip sei die Sicherheitsarchitektur in Ordnung. Doch Karrierewünsche, Vorgesetzte und Jahresprämien seien auch hier ein Thema, "und wer sagt, dass unsere Banker weniger Foul spielen?"
Als Beispiel führt er die WestLB an, bei der im vergangenen Jahr massive Fehlspekulationen mit VW-Aktien ans Licht kamen. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG fand im Auftrag der Finanzaufsicht Bafin heraus, dass ein Händler über eineinhalb Jahre hinweg zwei Drittel des gesamten Xetra-Handels in Vorzugsaktien des Autoherstellers kontrolliert hatte und ein Viertel der Stammaktien. In Spitzenzeiten lag der Anteil sogar noch höher. Die gleichen Spekulationen soll es mit Aktien der Dax-Konzerne Metro und BMW gegeben haben. Die Beteiligten hatten darauf gewettet, dass sich die Preisdifferenz zwischen Vorzugs- und Stammaktien am Aktienmarkt verringern würde. Aufgeflogen waren sie, als die Wetten nicht mehr aufgingen und sich Millionenverluste ansammelten.
Der Vorgang ist vom Volumen her nicht mit dem Fall der Société Générale vergleichbar. "Aber er zeigt, dass so etwas auch in Deutschland möglich ist, wenn die Kontrollinstanzen außer Kraft gesetzt werden", sagt Gerke. Solche Vorfälle dürften auch schon häufiger passiert sein. "Nur in der Regel kann man das dann bankintern klären."
Mitarbeit: Anne Seith, Arvid Kaiser, Lutz Reiche
mit Material von AP/dpa
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