Sonntag, 22. November 2009

Wirtschaft



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27.01.2008
 

Davos-Bilanz

Bedrohliches Echo vom Gipfel

Aus Davos berichtet Anne Seith

Zum Abschluss wurde gemeinsam die "Ode an die Freude" geschmettert - doch viele Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums in Davos dürften mit erheblichen Sorgen abreisen. Ökonomen übertrafen sich am letzten Tag noch einmal in düsteren Prognosen für das Wirtschaftsjahr 2008.

Davos - Am Ende sind es nicht Bill Gates oder Bono, die den Davos-typischen Enthusiasmus wecken, sondern der Dirigent des Boston Philharmonic Orchestra, Benjamin Zander. "Orchestrating collaboration" lautet der Titel der letzten Veranstaltung, die er leitet - eine Art finales Managementtraining in unerschütterlichem Optimismus für die Entscheider der Welt.

Mit dem ganzen Körpereinsatz eines Stardirigenten schwört der Mann mit dem weißen Lockenschopf und der knallroten Krawatte die Besucher auf visionäres Denken ein. "Mein Job ist es, den Glanz in den Augen meiner Musiker zu wecken", ruft er. Man müsse sich lösen von Angst, Konkurrenz und Missgunst, so die Botschaft. "Wenn wir einen Fehler machen, rufen wir: Wie faszinierend", jubelt Zander und reißt die Arme in die Luft. Am Ende schmettert das Plenum euphorisiert Beethovens Ode an die Freude, den Text in Lautschrift in den Händen: "Froy-der, sher-ner getter-foon-ken, toch-ter 'ouse e-lyse-ium …".

Die Forumsteilnehmer können die Lehrstunde in positivem Denken gebrauchen. Im verschneiten Davos hat sich dieses Jahr eine untypische Unruhe breitgemacht. Zwar erinnerte nach außen vieles an die Vorjahre: Die beanzugten Teilnehmer rauschten von Meeting zu Meeting, feierten bis in die frühen Morgenstunden, diskutierten über Politik, Terrorismus, Wasserknappheit, den Nahostkonflikt. Auch an üblichen kleinen und großen Gesten fehlte es nicht: Microsoft-Gründer Bill Gates etwa versprach Kleinbauern in Asien und Afrika über 300 Millionen Dollar für die Entwicklung umweltfreundlicher Agrartechnik und verkündete seine Vision vom "Kapitalismus für das 21. Jahrhundert", der neben dem finanziellen auch den sozialen Gewinn in den Mittelpunkt stellt.

Doch bestimmendes Thema blieb auch am letzten Tag des Treffens die Frage nach der globalen Wirtschaftsentwicklung. Und da prophezeite so mancher Experte Düsteres - vor allem zur Zukunft der USA. Nicht nur notorische Schwarzseher wie US-Ökonom Nouriel Roubini oder Nobelpreisträger Joseph Stiglitz erklärten unumwunden die größte Volkswirtschaft zur Welt zum Rezessionsfall, der auch dem Rest einen schmerzhaften "Slow Down" bescheren wird. Auch der neue Chef der Investmentbank Merrill Lynch, John Thain, sagte: "Es wird lange dauern, bis auf den Finanzmärkten wieder so etwas wie Normalität einkehrt."

Die Sorge: Nach dem US-Immobiliensektor wird die Katastrophe den Kreditkartenbereich, den Markt der Autokredite, die Studentenkredite treffen. Auch die Lage der US-Versicherer, die im großen Stil Hypothekenkredite gegen Ausfälle abgesichert hatten, spitzt sich immer mehr zu.

SPIEGEL ONLINE IN DAVOS

SPIEGEL- ONLINE- Redakteurin Anne Seith berichtet aus Davos über das Weltwirtschaftsforum 2008. In dem Schweizer Alpenort treffen sich vom 23. bis 27. Januar mehr als 2500 Manager, Politiker und Wissenschaftler, um globale Probleme wie die Kreditkrise und den Klimawandel zu debattieren.
Es wollten längst nicht alle mitmachen bei der Schwarzmalerei - doch auffällig viele Gegenstimmen kamen aus dem Finanzsektor, der naturgemäß keine Panik verbreiten will. Jamie Dimon erklärte zum Abschluss des Forums gar: Die Probleme seien erkannt und das Schlimmste eigentlich vorbei.

"Dieses Jahr wird ein Test"

Trotzdem beherrschte die Frage, wie stark die US-Probleme den Rest der Welt heute treffen können, die Diskussionen. "Dieses Jahr wird ein Test, ob die USA noch der einzige Motor der weltweiten Wirtschaft sind, oder ob sich das Machtgleichgewicht verschoben hat", schlussfolgerte PepsiCo-Chefin Indra Nooyi. Die Mehrheit wollte glauben, dass genau das geschehen ist: EU-Wirtschaftskommissar Joaquín Almunia erklärte, die Handelsbeziehungen zwischen den USA und der EU hätten im Vergleich zum EU-Binnenmarkt an Bedeutung verloren: "Wir müssen cool bleiben."

Indische und chinesische Teilnehmer strotzen vor Selbstbewusstsein. Der indische Finanzminister Palaniappan Chidambaram erklärte, die Effekte einer US-Rezession auf Indien würden "minimal" ausfallen: Die Volkswirtschaft werde sicher auch dieses Jahr um acht oder neun Prozent wachsen. Der Grund: Treiber der indischen Wirtschaft seien vor allem Kapitalinvestments und Binnenkonsum. Fast identisch fiel die Prognose von China-Mobile-Chef Wang Jianzhou für die Volksrepublik aus.

Doch auch den hofierten Vertretern der Schwellenländer, wie etwa Chidambaram, ist klar: Die Rolle der USA als Hauptkonsument der Welt können selbst die Riesenstaaten Indien und China noch lange nicht einnehmen. Harvard-Ökonom Larry Summer verlangte deshalb für die kommenden Monate, weltweit müsse der Konsum gestärkt werden. Ansonsten riet er, was viele in Davos empfahlen: Strengere Regeln für die Finanzmärkte und die Kreditvergabe in den USA, mehr internationale Zusammenarbeit von Aufsichtsbehörden und Zentralbanken.

Wieder einmal wurde außerdem der Ruf nach einer Reform des Internationalen Währungsfonds (IFW) laut, der solche Krisen künftig frühzeitig erkennen soll. Appelle, die so manchen Experten kaum beeindrucken. "Das wird seit Jahrzehnten gefordert", sagte Marc Uzan, Leiter des "Reinventing Bretton Woods Committee", eines internationalen Thinktanks, schon zu Beginn des Forums.

Wie schwierig es ist, die Aufrufe von Davos in reale Politik umzusetzen, zeigte sich schon auf der Konferenz selbst: So wurde das jährlich stattfindende Gespräch mehrerer Handelsminister zur Doha-Liberalisierungsrunde durch ein schlichtes Mittagessen ersetzt. Beobachter schlussfolgerten, es gebe einfach nichts zu reden. Der Streit über Agrarsubventionen und Einfuhrzölle lähmt die 2001 gestarteten Verhandlungen seit Jahren.

"Wir sind näher am 'fast geschafft'"

US-Handelsbeauftragte Susan Schwab sprach im feuerroten Kostüm nach dem Mahl trotzdem von einem "Impuls", und alle Beteiligten versicherten, dieses Jahr müsse der Durchbruch kommen. WTO-Chef Pascal Lamy erklärte: "Wir sind sehr viel näher am 'fast geschafft' als letztes Jahr", und stellte für die kommenden Wochen in Aussicht, einen neuen Termin für die Verhandlungen festzulegen.

Gleichzeitig aber gestand er ein: Das Hauptproblem sei, dass sich die öffentliche Meinung gewandelt hat. In vielen Ländern sei die Bevölkerung nach Lebensmittel- und Giftskandalen von den Nebenwirkungen der Globalisierung verschreckt und wehre sich deshalb gegen den Abbau von Handelsschranken. Am Verhandlungstisch erzielte Kompromisse sind Lamy zufolge im Heimatland für die Beteiligten oft schwer zu vermitteln.

Klar wurde auch: Die Beteiligten der Doha-Verhandlungen entwerfen hinter verschlossenen Türen schon Alternativpläne, falls die Bemühungen scheitern. EU-Handelskommissar Peter Mandelson sagte, er höre von den Managern in Davos, er solle alles versuchen - für den Fall aber, dass es 2008 nicht klappt, "sagen sie mir: dann lass es auch nicht weitergehen."

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