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10.02.2008
 

Mieses Manager-Image

"Beim Thema Strom reagieren die Menschen sehr emotional"

Nur wenig Manager sind in Deutschland so unbeliebt wie die Bosse großer Stromkonzerne - sehr zum Ärger von Vattenfall-Chef Josefsson. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, warum er sich ungerecht behandelt fühlt - und wieso er als selbsterklärter Klimaschützer immer neue Kohlekraftwerke baut.

SPIEGEL ONLINE: Herr Josefsson, Sie wollten einmal Landwirt werden. Wie oft bereuen Sie, dass sie das nicht gemacht haben?

Josefsson: Das war, als ich elf oder zwölf war - heute denke ich da nicht mehr oft dran. Wieso?

SPIEGEL ONLINE: Weil Sie als Landwirt derzeit sicherlich beliebter wären als als Strommanager. Ihr Ruf ist zumindest hierzulande mies. Stört Sie das nicht?

Vattenfall-Chef Josefsson: "Wir Manager sind auch mit schuld an der Situation."
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DPA

Vattenfall-Chef Josefsson: "Wir Manager sind auch mit schuld an der Situation."

Josefsson: Doch, das ist ein echtes Problem. Nicht für mich persönlich, aber es ist schlecht für unser Geschäft. Beim Thema Strom reagieren die Menschen sehr emotional. Es ist schwer, Probleme sachlich anzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Die Wut der Menschen mag damit zusammenhängen, dass die Strompreise seit 2000 um mehr als 50 Prozent gestiegen sind und allein 2007 um rund sieben Prozent angezogen haben.

Josefsson: Der Preis ist gestiegen, aber er wird nicht von uns, sondern vom Markt bestimmt - und von politischen Entscheidungen. Von Steuerabgaben, vom Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG), den CO2-Emissionszertifikaten, die ab 2013 zu 100 Prozent versteigert werden sollen. Das kostet alles Geld. Aber die Menschen schieben der Branche die Schuld zu. Es ist übrigens ein länderübergreifendes Phänomen, dass Stromunternehmen nicht sonderlich beliebt sind. Nehmen Sie Schweden, da kostet Strom über 20 Prozent weniger als in Deutschland, weil viel mehr mit Wasserkraft und Atomenergie erzeugt wird anstatt mit Kohle oder Gas. Dennoch finden die Leute die Preise zu hoch. Hätten wir nicht alle gern Energie zum Nulltarif?

SPIEGEL ONLINE: Verbraucherschützer werfen Ihnen und Ihren Kollegen Abzocke vor und behaupten, der Strom könnte in Deutschland rund 30 Prozent billiger sein.

Josefsson: Ich wäre dafür, einmal eine unabhängige Expertenkommission in Deutschland einzuberufen, um mit diesem Vorurteil aufzuräumen.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden also einfach missverstanden?

Josefsson: Wir Manager sind auch mit schuld an der Situation. Der Strombereich war in Deutschland lange Zeit eine Monopolbranche - und wir waren daran gewöhnt zu bestimmen, anstatt Kunden zufriedenzustellen. Wir haben viele Fehler gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Josefsson: Wir waren zu passiv: Wir haben verpasst zu kommunizieren, wie die Preise zustande kommen. Was wir brauchen, ist Transparenz und Verständnis dafür, wie Preise entstehen. Wir sollten auch nicht den Eindruck erwecken wollen, dass wir Preise festlegen oder steuern können. Dies würde nur den Eindruck verfestigen, dass da von oben bestimmt wird, was der Einzelne für seinen Strom zahlen muss.

SPIEGEL ONLINE: Die EU-Kommission hat aber nicht gegen Vattenfall, RWE, E.on und EnBW Untersuchungen anberaumt, weil Sie zu passiv waren. Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes und ihre Kollegen wollen wissen, ob Sie und Ihre Kollegen ihre Marktmacht missbrauchen. SPIEGEL-Informationen zufolge legen Papiere nahe, dass Strommanager über Jahre Preisabsprachen getroffen haben.

Josefsson: Ich kann nur für Vattenfall sprechen, und da weise ich diese Vorwürfe energisch zurück. Und was die Untersuchungen der EU angeht: Die Kommission denkt darüber nach, ob man Stromnetze und Betreiber voneinander trennen sollte, um Wettbewerb zu garantieren. Zuvor will sie den Markt untersuchen. Und das soll sie auch. Ich bin gar nicht gegen diese Entflechtung von Netz und Produktion, die wir bei Vattenfall bereits in vielen wichtigen Funktionen realisiert haben - allerdings würde ich die Netze den Betreibern nicht wegnehmen, sondern sie nur einer unabhängigen Instanz unterstellen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso dieses Zugeständnis, wenn Sie doch sagen, Sie missbrauchen Ihre Marktmacht nicht?

Josefsson: Wie gesagt: Wir müssen neues Vertrauen in die Branche schaffen. Wenn der Verdacht des Missbrauchs besteht, dann müssen wir dagegen angehen. Eine Aufsichtsbehörde, die für die Netze komplett zuständig ist, ohne dass diese den Besitzer wechseln, wäre ein guter Kompromiss.

SPIEGEL ONLINE: Kürzlich hat die EU ihr Klimaschutzpaket vorgestellt. Ab 2013 sollen sämtliche Emissionszertifikate nicht mehr wie bisher gratis zugeteilt, sondern zu 100 Prozent versteigert werden. Sollte das Paket beschlossen werden, wäre Vattenfall besonders betroffen: Sie setzen in Deutschland vor allem auf Kohlekraft. Wird Sie das im Wettbewerb noch weiter zurückwerfen?

Josefsson: Wieso noch weiter? Wir sind in einer starken Position. In Deutschland haben wir zwar im vergangenen Jahr Kunden verloren...

SPIEGEL ONLINE: ...250.000 um genau zu sein...

Josefsson: ...aber das lag vor allem an Preiserhöhungen, die wir schlecht kommuniziert haben. Und die Ereignisse in den Kernkraftwerken in Krümmel und Brunsbüttel, insbesondere unser unzureichendes Krisenmanagement, haben uns geschadet. Da haben wir Fehler gemacht, die inzwischen korrigiert sind. Aber das neue EU-Klimapaket wird Strom teurer machen, auch für die Kunden, und das nicht nur bei Vattenfall.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker haben Ihnen vorgeworfen, Sie hätten schon bei der Einführung der Emissionszertifikate die Strompreise erhöht - obwohl Sie selbst die Zertifikate noch umsonst zugeteilt bekommen haben.

Josefsson: Noch einmal: Nicht wir machen den Strompreis. Und dass die Einführung des Zertifikatehandels höhere Strompreise bewirken würde, musste allen vor der Einführung klar sein. Schließlich war dies so beabsichtigt. Und ich bin grundsätzlich dafür, die Zertifikate komplett zu versteigern - ich finde nur den Zeitpunkt 2013 zu früh. Aber natürlich werden wir auch mit dieser Entscheidung leben. Nur muss die Gesellschaft sich eben auch darüber bewusst sein, was das kostet.

SPIEGEL ONLINE: Sie bemühen sich sehr, sich als Klimaschützer zu profilieren und beraten sogar die Kanzlerin bei diesem Thema. Kritiker bemängeln, man habe den Bock zum Gärtner gemacht. Verstehen Sie die Kritik?

Josefsson: Das ist populistisch. Es ist natürlich einfach, mit solchen Argumenten in die Presse zu kommen, aber: Was tun eigentlich die, die so etwas sagen? Wir Stromerzeuger sind natürlich ein Teil des Problems, aber wir sind auch ein Teil der Lösung. Wir verändern etwas in unserer Firma.

SPIEGEL ONLINE: Wirklich? Sie bauen gerade mehrere neue Kohlekraftwerke - darunter ein besonders umstrittenes in Hamburg-Moorburg. Wie passen die neuen CO2-Schleudern zu ihren Öko-Bekenntnissen?

Josefsson: Sehr gut. Zum einen stecken wir bis 2013 auch acht Milliarden Euro in erneuerbare Energien. Zum anderen werden wir dank des Moorburger Kraftwerks jährlich zwei bis drei Millionen Tonnen CO2 weniger ausstoßen, weil das neue Kraftwerk ältere mit weniger guter Technik ersetzen wird.

SPIEGEL ONLINE: Umweltschützer würden bevorzugen, dass Sie überhaupt kein Kohlekraftwerk mehr bauen.

Josefsson: Das ist doch Träumerei. Wenn wir das Klima wirklich schützen wollen und die globalen Ziele zur CO2-Reduktion erreichen wollen, müssen wir Kohle sauberer machen. Vattenfall ist deshalb gerade dabei, die Technologie des "Carbon Capture and Storage" zu entwickeln - dabei wird das CO2 nicht mehr ausgestoßen, sondern unterirdisch gelagert.

SPIEGEL ONLINE: Diese Technologie ist höchst umstritten: Sie ist nicht wirtschaftlich. Und Umweltschützer bemängeln, es sei nicht sicher, dass das CO2 nicht doch aus dem Boden entweicht.

Josefsson: Es wird funktionieren, und nach 2015 wird die Technologie wirtschaftlich sein. Das sage ich nicht nur auf Basis unserer Fortschritte, sondern auch, weil es ein gesellschaftliches Muss ist. Volkswirtschaften wie Indien und China werden künftig immer mehr Energie verbrauchen, genauso Lateinamerika und Afrika. Sämtliche ernstzunehmende Prognosen sagen einen rasant steigenden Energieverbrauch voraus. Das ist ja kein Problem Europas oder der USA, sondern eines der ganzen Welt.

Das Interview führte Anne Seith.

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