Paris - Aus dem Verfahren gegen Jérôme Kerviel sickern erste Informationen durch: "Ich kann nicht glauben, dass meine Vorgesetzten nicht über die Beträge, die ich eingesetzt habe, im Bilde waren", sagte der Aktienhändler in seiner Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft. Die Internet-Seite MédiaPart veröffentlichte Auszüge aus den Protokollen, Justizkreise bestätigten den Inhalt.
Kerviel soll der Société Générale mit unerlaubten und vertuschten Spekulationen auf europäische Aktienindizes einen Verlust von fast fünf Milliarden Euro beschert haben. Er wird seit gestern verhört.
Laut Kerviel hat der Bank-Vorstand nicht nur über die riskanten Geschäfte Bescheid gewusst, sondern sie sogar zeitweilig gedeckt: Er verwies darauf, dass er im vergangenen Jahr zunächst einen enormen Gewinn von bis zu 1,6 Milliarden Euro gemacht habe. Solange seine Ergebnisse positiv gewesen seien, "haben die Vorgesetzten die Augen geschlossen über die Modalitäten und das Volumen meiner Einsätze".
"Management fragte schon 2007 nach riskanten Geschäften"
Kerviel räumte zudem ein, dass er seine riskanten Spekulationen durch fiktive Geschäfte deckte, so dass seine Positionen ausgeglichen schienen. Er sei dennoch überzeugt, dass seine Mitarbeiter Bescheid wussten. Die Abteilung für Risikomanagement habe seine Vorgesetzten 2007 in mehreren E-Mails um Erklärungen zu seinen Operationen gebeten - Konsequenzen hatten die Anfragen offenbar nicht. Die Société Générale habe die Mails bislang nicht an die beiden Ermittlungsrichter weitergeleitet, berichtet "MediaPart".
Die Bank setzt sich unterdessen gegen die Vorwürfe zur Wehr, ein Verwaltungsratsmitglied habe vor dem Bekanntwerden der Verluste Aktien der Bank verkauft: Sie erklärte, dass Vorstandsmitglied Robert Day vor dem Verkauf von Aktien Anfang Januar keine Insiderinformationen besessen habe.
Gestern hatte die Börsenaufsicht AMF mitgeteilt, dass Day am 9. Januar Aktien im Wert von 85,7 Millionen Euro verkauft habe. Der Kurs habe zu diesem Zeitpunkt bei 95,27 Euro gestanden. Zusätzlich hätten zwei Stiftungen, die Robert-A.-Day-Stiftung und die Kelly-Day-Stiftung, Aktien für weitere 9,6 Millionen Euro veräußert. Eine Vereinigung kleinerer SocGen-Aktionäre hat inzwischen Klage wegen mutmaßlichen Insiderhandels und Manipulation des Aktienkurses eingereicht.
In dem laufenden Verfahren werden Kerviel Vertrauensbruch und unerlaubter Computerhandel zur Last gelegt, nicht aber Betrug oder Fälschung. Bei einer Verurteilung drohen ihm drei Jahre Gefängnis. Nach zwei Tagen in Untersuchungshaft war Kerviel gestern auf freien Fuß gesetzt worden, muss sich den Justizbehörden aber zur Verfügung halten.
"Ich wollte 600.000 Euro Provision"
Die Polizisten befragten Kerviel heute auch nach seinem Motiv für die riskanten Spekulationen. Der antwortete, er habe in erster Linie "Geld für seine Bank verdienen" wollen - und dadurch auch für sich selbst. "Ich wollte durch meine hohen Gewinne mit hohen Boni belohnt werden", sagte der Händler. "Für 2007 wollte ich einen Bonus von 600.000 Euro, das Management ließ mich aber wissen, dass ich nicht mit mehr als 300.000 rechnen könne." Die Provision sollte laut Kerviel im März ausgezahlt werden.
Die Bank, die durch die verzockten Milliarden finanziell schwer angeschlagen ist, bekommt derweil Unterstützung von der französischen Regierung. Man werde nicht zulassen, dass die Société Générale "zum Gegenstand eines feindlichen Angriffs" werde, sagte Premierminister François Fillon. Dies habe Präsident Nicolas Sarkozy klargestellt. Die Regierung werde sehr wachsam beobachten, ob es Versuche gebe, die Bank zu destabilisieren.
Analysten sehen noch weiteren Abschreibungsbedarf bei Société Générale im Bereich Subprime sowie bei US-Monolinern. Ungeachtet der jüngsten Wertberichtigung belaufe sich das Engagement der Bank im Segment Subprime noch auf 6,6 Milliarden Euro, sagt Analyst Jean-Pierre Lambert von Keefe, Bruyette & Woods.
ssu/sam/AP/Dow Jones/dpa-AFX/AFP
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