Von Anne Seith
Berlin - Pascal Fourmont filmt die Rede seines Gewerkschaftsführers Manfred Schell mit einer kleinen Videokamera. Schell schwärmt gerade von einem "historischen Tag in der Geschichte der GDL". Doch bei Fourmont will sich Feierstimmung nicht einstellen. Und vielen seiner Kollegen gehe es ähnlich, sagt er: "Die Atmosphäre an der Basis ist zum Teil schlimm." Mit dem, was die Lokführergewerkschaft an diesem Abend als große Einigung im Tarifstreit mit der Bahn verkauft, seien viele extrem unzufrieden.
GDL-Chef Schell: "Nun wartet doch erst einmal ab!"
Aus Protest gegen die Beschlüsse hat sich Fourmont mit einem halben Dutzend anderer Berliner Lokführer an diesem Abend unter die Journalisten gemischt, die Gewerkschaftschef Schell geladen hat. Nicht um zu rebellieren - sie wollen nur einmal direkt mitkriegen, was da so auf den oberen Ebenen ausgehandelt wurde. "Die Informationspolitik war ziemlich mies", sagt einer.
Schell bemerkt die Gruppe gar nicht, die still um einen runden Tisch im Hotel Marriott steht und ihm zuhört. Der Gewerkschaftschef will sich feiern lassen für den Abschluss, den er nach mehr als zehn Monaten Streit "und 190 Stunden Arbeitskampf" erreicht hat. In zwei Schritten - Anfang März und Anfang September - bekommen die Lokführer nun im Schnitt elf Prozent mehr Gehalt:
Inhaltlich ein Minimalergebnis: Zu Beginn der Auseinandersetzung hatte die GDL bis zu 31 Prozent mehr Gehalt verlangt. "Viele Kollegen sagen: Dafür habe ich doch nicht gekämpft", sagt einer von Fourmonts Kollegen, der seinen Namen nicht nennen will. Bei einem Basisgehalt von rund 2000 Euro reichten elf Prozent "nicht einmal für eine Tankfüllung", sagt der Mann bitter. Es ist eine Anspielung auf eine viel zitierte frühere Bemerkung Schells - er hatte ein Bahn-Angebot mit der Begründung abgelehnt, das gebotene Geld reiche nicht einmal für eine Ladung Benzin.
Es ging um die Macht der GDL, nicht um Geld, sagen Mitglieder
Doch solche Parolen seien inzwischen offenbar vergessen, sagt der Lokführer jetzt. Die GDL-Führung habe viel zu früh nachgegeben, sich auf Verhandlungen mit der Bahn eingelassen - und die noch immer wütende Basis zur Ruhe gebeten. In erster Linie sei es nicht ums Geld gegangen, "sondern um die Existenzberechtigung der Gewerkschaft GDL", sagt der Mann. Die Lokführergewerkschaft habe in der Bedeutungslosigkeit zu versinken gedroht, weil die ganze Verhandlungsmacht bei den beiden Konkurrenzorganisationen Transnet und GDBA gelegen habe.
Mehr noch als für mehr Geld kämpfte Gewerkschaftschef Schell mit seinem Stellvertreter und wahrscheinlichem Nachfolger Claus Weselsky deshalb für einen "eigenständigen Tarifvertrag". Nach Interpretation der GDL sollte das heißen, dass sie allein die Arbeitszeiten und Gehälter für die Lokführer verhandeln kann und "niemand reinfummelt" - so drückt es Schell selbst heute aus.
Die Bahn bestand unter Hinweis auf die Tarifeinheit stets darauf, die "Einheitlichkeit des Tarifwerks" müsse gewahrt bleiben. Die Gewerkschaften müssten deshalb - bevor überhaupt Weiteres verhandelt wird - einen Kooperationsvertrag untereinander abschließen. Immer wieder setzte man sich an einen Tisch, immer wieder kam es zum Eklat. Auch das Ergebnis einer Moderation mit den beiden CDU-Politikern Heiner Geißler und Kurt Biedenkopf wurde schon kurze Zeit nach der Unterschrift wieder verworfen.
"Brandenburger-Tor-Modell" als Lösung
Das nun erzielte Ergebnis der Auseinandersetzung feierte heute auch Bahnvorstand Margret Suckale als "Brandenburger-Tor-Modell" - mit womöglich richtungweisendem Charakter für ganz Deutschland, sagt sie. Die Streitparteien einigten sich auf sogenannte funktionsspezifische Tarifverträge. Dabei verhandelt eine Gewerkschaft nicht nur für ihre Klientel, sondern für eine gesamte Berufsgruppe Löhne und Arbeitszeiten. Die GDL soll dabei die Lokführer vertreten. Alle restlichen Bestimmungen - zum Beispiel die Altersvorsorge - werden in einem übergreifenden Vertrag festgehalten.
Das Brandenburger Tor muss deshalb als Namenspate herhalten, weil die einzelnen Branchenverträge die Säulen sein sollen und der übergreifende das Dach. Dieses Modell sei vielleicht richtungweisend für die deutsche Tarifpolitik, sagte Suckale. Dass noch nicht ganz klar ist, ob auch die Rangierlokführer des Konzerns in den Verhandlungsbereich der GDL fallen, störte heute weder sie noch Schell.
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