Von Arvid Kaiser
Hamburg - "Vielleicht verkauft sich eine leere Wohnung besser." Das, sagt Brigitte Alexander aus dem holsteinischen Wedel, seien die letzten Worte ihrer Mutter gewesen, bevor sie Selbstmord beging. Nach Alexanders Darstellung stand sie selbst unter Druck, die von der Mutter bewohnte Eigentumswohnung zu verkaufen. Der Grund: Die örtliche Stadtsparkasse hatte ihr im Rückstand befindliches Darlehen an die Großbank Credit Suisse
weitergereicht.
Die Sparkasse weist einen Zusammenhang mit dem Verkauf der Kreditforderungen zurück. Aber der Fall hat über die Wedeler Stadtgrenzen hinaus für Empörung gesorgt, zumal der ehemalige Sparkassenchef Achim Thöle fröhlich für ein Foto in der Mitarbeiterzeitung beim "Abtransport der Akten" posierte, als die Sparkasse sich von einem ganzen Paket fauler Kredite mitsamt der Kundenakten trennte.
Für Banken und Sparkassen sind diese Geschäfte oft ein Rettungsanker, um die Bilanz zu bereinigen. Sie verkaufen Forderungen, die sie nicht mehr eintreiben zu können glauben, zu einem Bruchteil des Nennwerts weiter - immer noch besser, als sie ganz abzuschreiben.
Die Käufer trauen sich entweder zu, die Schulden schneller und effizienter einzutreiben als die Bank, oder sie setzen auf die zugrundeliegende Sicherheit, in der Regel eine Immobilie. Rücksichten muss der Investor dabei nicht nehmen. "Er will ja nicht unbedingt neue Verbraucher werben und ihr Vertrauen gewinnen", sagt Frank-Christian Pauli vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Auf dem erst fünf Jahre alten Markt tummeln sich neben Investmentbanken wie Credit Suisse oder Goldman Sachs
auch Finanzinvestoren wie der texanische Fonds Lone Star.
Zunächst bekommen die Schuldner nichts vom Wechsel des Gläubigers mit. Statt ein Gespräch über eine Umschuldung zu führen, setzen die Investoren lieber gleich auf eine Zwangsversteigerung.
Verbraucherschützer und Anwälte stellen jetzt kritische Fragen: Was ist mit dem Bankgeheimnis, was mit dem Datenschutz? Und, ganz grundsätzlich: Darf ein Vertragspartner überhaupt einseitig aus dem Vertragsverhältnis aussteigen, ohne zu kündigen? Diese Fragen sind durch alle Gerichtsinstanzen gegangen. Einhelliges Urteil bisher: Die Verkäufe sind legal.
Umso mehr wächst der Druck auf die Politik, neue Regeln zu schaffen. Besonders die Sparkassen - die aber nur einen kleinen Anteil der Verkäufer ausmachen, obwohl sie vergleichsweise viele faule Kredite in den Büchern haben - stehen unter Beschuss, weil sie dem Gemeinwohl verpflichtet sind und ihre Vorstände Amtsträger sind.
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