Wirtschaft



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04.02.2008
 

Untreue-Vorwurf

Wie Unicef mit Spendengeldern umgeht

Von Anselm Waldermann

Chaos bei Unicef in Deutschland: Das Kinderhilfswerk steht im Verdacht, Spendengelder verschlampt oder gar veruntreut zu haben. Ein Prüfbericht stellt formale Fehler fest, aber keine persönlichen Bereicherungen. Trotzdem tritt die Vorsitzende Heide Simonis zurück. Was ist los bei Unicef?

Hamburg - Es geht um Kinder, Moral - und viel Geld. Rund 90 Millionen Euro sammelt Unicef in Deutschland jährlich ein. Tausende Menschen spenden in dem Glauben, dass sie damit notleidenden Kindern helfen. Doch kommt das Geld tatsächlich dort an, wo es gebraucht wird?

Unicef-Büchse: Saftige Provisionen für Spendensammler
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DDP

Unicef-Büchse: Saftige Provisionen für Spendensammler

In der Presse werden schwere Vorwürfe gegen Unicef erhoben. Die Organisation soll hohe Verwaltungskosten haben, sie soll saftige Provisionen an Spendensammler zahlen und sie soll teure Beraterdienste in Anspruch genommen haben.

Am Wochenende dann der Eklat: Heide Simonis, die Vorsitzende von Unicef Deutschland, tritt zurück. Die ehemalige Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein galt als Aufklärerin, die in dem Kinderhilfswerk für mehr Transparenz sorgen wollte. Sie stieß auf heftigen Widerstand. Laut "Frankfurter Rundschau" erhoben bei der vergangenen Vorstandssitzung zahlreiche Funktionäre das Wort gegen Simonis.

Die "Bild"-Zeitung berichtet, mehrere Vorstände hätten Simonis vorgeworfen, die Kölner Staatsanwaltschaft mit Informationen versorgt zu haben, die sich gegen Unicef-Geschäftsführer Dietrich Garlichs richten. Garlichs galt als Simonis' Gegenspieler. Simonis selbst sagt, sie habe den Vorstand sofort informiert, als sie sich an die Staatsanwaltschaft wandte. An der Basis wiederum gibt es Arbeitsgruppen, die sich hinter Simonis gestellt haben - und den Rückzug des Geschäftsführers verlangen.

Für zusätzliche Verwirrung sorgt ein Bericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Unicef hatte die externen Kontrolleure im Dezember beauftragt, massive Anschuldigungen zu untersuchen, die gegen die Organisation erhoben wurden.

Mitte Januar stellte KPMG die Ergebnisse dem Unicef-Vorstand vor. Kurze Zeit später gab das Kinderhilfswerk eine Pressemitteilung heraus. Deren Kernaussage: Alle Vorwürfe seien widerlegt, es habe keine Unregelmäßigkeiten gegeben. Eine starke Übertreibung, wie sich heute herausstellt.

Aus der Kurzfassung des KPMG-Berichts geht hervor, dass bei Unicef längst nicht alles in Ordnung ist. Die Prüfer entdeckten in vier von fünf Fällen Verstöße gegen Vergaberichtlinien, immer wieder fehlte unter wichtigen Dokumenten die Unterschrift. Ein KPMG-Mitarbeiter forderte Unicef deshalb auf, die auf der Homepage veröffentlichte Pressemitteilung "sofort aus dem Netz zu nehmen".

Immerhin: Hinweise auf "persönliche Bereicherungen" oder "Vorteilsnahmen der handelnden Personen" hat es laut KPMG nicht gegeben. Den in Rechnung gestellten Beträgen stünden "entsprechende Gegenleistungen" gegenüber, auch sei die Vergabe von Aufträgen betrieblich "nachvollziehbar".

Also alles nur formale Fehler - und sonst alles okay? Die Prüfergebnisse im einzelnen:

  • Umbau der Bundesgeschäftsstelle von Unicef in Köln: Der Vorwurf war laut geworden, dass die Organisation zu viel Geld für ihr Verwaltungsgebäude ausgegeben habe. Außerdem geriet Geschäftsführer Garlichs in Verdacht, weil er sein Privathaus vom selben Architekten gestalten ließ wie die Unicef-Räume. Laut KPMG gibt es jedoch "keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten". Die Kosten für den Umbau liegen "in einem Rahmen, der angemessen ist". Auch hätten die von Garlichs zur Verfügung gestellten Unterlagen zu seinem Privathaus "keine Hinweise auf eine Vorteilsnahme" ergeben.
  • Freie Beratertätigkeit: Herr Z. war zunächst Mitarbeiter bei Unicef, nach seinem altersbedingten Ausscheiden wurde er als freier Berater weiter beschäftigt. Dafür gebe es "betrieblich nachvollziehbare Gründe", schreibt KPMG. Z.'s Vergütung habe sich an den "Gegebenheiten am Markt" orientiert. Allerdings: Für Z.'s Beratertätigkeit gab es von August 2005 bis Mai 2007 keine schriftliche Vereinbarung.
  • Freie Spendenmittelbeschaffung: Der ehemalige Mitarbeiter Herr L. war nach seinem Ausscheiden weiterhin als Spendensammler für Unicef tätig. Seine Vergütung basierte auf vereinbarten Provisionssätzen. Wegen der Tsunami-Katastrophe schoss das Spendenaufkommen in die Höhe - und damit die Provision. L.'s Arbeit lag laut KPMG "keine schriftliche Vereinbarung zu Grunde".
  • Externe Marketing-Dienstleistungen: Seit August 2005 wurde eine außenstehende Firma mit verschiedenen Projekten beauftragt. Dabei ging es unter anderem darum, neue Spender zu werben. Laut KPMG erfolgte die erstmalige Auftragsvergabe "nach Kostenvergleichen zwischen Mitbewerbern bzw. Marktanalysen". Für insgesamt 16 Projekte gebe es schriftliche Vereinbarungen - aber nur in acht Fällen seien sie von Seiten Unicefs unterschrieben worden.
  • Wertvolle Erbschaft: Ein wohlhabender Sammler hatte Unicef Kunstgegenstände vermacht. Allerdings stellte er eine Bedingung: Aus dem Vermögen sollte weiterhin das Gehalt seines Privatsekretärs bezahlt werden - stolze 12.500 Euro im Monat. Trotzdem blieb noch etwas für das Kinderhilfswerk übrig: "Unicef sind hierdurch keine Kosten entstanden", heißt es im KPMG-Bericht.

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft will sich offiziell nicht zu dem Bericht äußern. Ein Insider betont allerdings, dass KPMG nur formale Verstöße festgestellt habe. "Ich kann daraus nicht den Schluss ziehen, dass Gelder veruntreut wurden." Allerdings müsse man in Zukunft darauf achten, dass Regeln tatsächlich eingehalten werden - also zum Beispiel Unterschriften nicht fehlen dürfen.

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