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Viehtransporte per Schiff Seeweg zum Schlachthof

3. Teil: In den meisten Exportstaaten gibt es überhaupt keine gesetzlichen Standards.

Jeder Schiffstransport mit einer Sterberate von mehr als zwei Prozent zieht eine Inspektion durch Aqis nach sich. Die Behörde versucht zu klären, welche Missstände zum Tod der Tiere führten. Haben sie sich vor der Abreise mit Krankheiten angesteckt? Gab es Salmonellenbefall, der zu starken Durchfällen führte? Hatten die Tiere ausreichend Wasser und Futter? Wurden die Exkremente regelmäßig beseitigt? Waren zu viele Tiere an Bord? Gab es technische Defekte wie einen Ausfall der Ventilation bei feuchtheißer Witterung? Die nächste Fahrt des fraglichen Schiffes wird von Anfang an genau begutachtet.

Sogar erklärte Tiertransportgegner zollen dem detaillierten australischen Regelwerk Respekt. "Australien hat international die strengsten Auflagen zum Schiffstransport von Tieren", konstatiert Animals' Angels. Die EU-Bestimmungen beispielsweise seien in wichtigen Punkten - darunter die Beladung des Schiffes mit Tieren, ihre Versorgung mit Futter und Wasser und ihre Überwachung während des Transports - weit weniger konkret.

In den meisten Exportstaaten existieren überhaupt keine gesetzlichen Standards zum Transport der Tiere auf Schiffen. Meat & Lifestock Australia evaluierte kürzlich seine Hauptkonkurrenten auf dem Schlachtviehexportmarkt und fand in Brasilien und Argentinien, in Uruguay und Mexiko keinerlei konkrete Hinweise auf ein Regelwerk. Über die afrikanischen Staaten heißt es aus australischer Perspektive nur resignierend, dass Tierschutz dort "keine hohe Priorität genießt" und es von daher kaum Anlass gebe, "Standards zum Transport von Tieren in irgendeiner Form zu entwickeln".

Die australische Schlachtviehlobby nutzt die prekäre Situation bei der Konkurrenz geschickt für ihre eigene Kampagne. "Wenn Australien die Kunden in Übersee künftig nicht mehr mit Lebendvieh versorgt", verkündet der Viehexporteurverband Livecorp leise drohend, "dann werden unsere Lieferungen eben von Ländern ohne jegliche Tierschutzbestimmungen übernommen."

Für eine Reihe alter Schiffe, überwiegend rostige ehemalige Containerfrachter aus den Sechzigern und Siebzigern, die in australischen Häfen längst auf der Schwarzen Liste stehen und kein Vieh mehr an Bord nehmen dürfen, haben die Reeder diesen Ausweg schon gesucht. In Brasilien beispielsweise ist die Nachfrage nach preiswertem Laderaum, gern auch auf älteren Schiffen, derzeit groß. Zu diesen älteren Schiffen gehörte - mit stattlichen 37 Jahren - auch die "D.M. Spiridon", die Anfang November 2006 mit 1750 Rindern an Bord auf ihrer Fahrt von Brasilien in den Libanon vor Venezuela sank. Das Schiff gehörte Rouba Ghassan El Murr, dem Bruder des libanesischen Schlachtviehgroßimporteurs Bassam Spiridon El Murr.

Den extremen klimatischen Bedingungen in der Golfregion sind allerdings auch moderne Schiffe fast schutzlos ausgesetzt. Wenn bei Temperaturen von 40 Grad Celsius, hoher Luftfeuchtigkeit und Windstille die Ventilation der Ladedecks ausfällt, ist das Massensterben auch mit einem Tierarzt an Bord nicht mehr aufzuhalten. So geschehen im August 2002 auf der MV "Corriedale Express" im Golf von Oman. Durch einen Ausfall des Generators fiel die komplette Ventilation fünf Minuten lang aus, danach arbeitete sie noch eine Stunde mit verringerter Leistung. "Von dem Ausfall der Ventilation und dem damit verbundenen Sauerstoffmangel konnte sich der Viehbestand körperlich nicht mehr erholen", sagt der Aqis-Untersuchungsbericht. Im Klartext: Mehr als 6000 Schafe erstickten qualvoll.

Die großen Schlachtviehcarrier, allen voran die zur niederländischen Reederei Vroon gehörende Dens Ocean, sind - nach eigenem Bekunden - auch an strengste Bestimmungen bestens angepasst und müssen keine Kontrollen fürchten. Einige Schiffe wurden von der Meyer-Werft in Papenburg von Container- auf Tierfracht umgerüstet. "Tierschutz hat für uns höchste Priorität", erklärt das Management der Flotte, die im vergangenen Jahrzehnt 15 Millionen Schafe aus Australien in den Mittleren Osten transportiert hat, "die Offiziere und Mannschaften an Bord unserer Schiffe stehen dafür persönlich ein."

Zweifel sind angebracht. Auch die derzeit 15 Dens-Ocean-Viehfrachter bringen es auf ein Durchschnittsalter von immerhin 19 Jahren. Einige der Schiffe, die Vroon vor knapp vier Jahren von einer Reederei in Singapur gekauft hat, standen bis dato in äußerst zweifelhaftem Ruf und wurden wegen schwerwiegender technischer Mängel wiederholt von den australischen Hafenbehörden festgehalten.

Der neue Eigentümer hat den Schiffen erst einmal, wohl aus unternehmenshygienischen Gründen, neue Namen verpasst. So hieß die "Jersey Express" früher "Janet 1"; in einem Inspektionsreport von Animals' Angels aus dem Jahr 2003 wurde sie wegen ihres insgesamt bedenklichen Zustands in der Kategorie "indiskutabel" geführt. "Ein ganz schlimmes Schiff", schreiben die Tierschützer. Was die Exporteure aber nicht davon abhält, den Laderaum bis zur letzten Ecke mit Rindern zu füllen. "Die Tiere litten unter Hunger und Durst. Die Boxen waren völlig überfüllt, die schwergewichtigen Bullen lagen in ihren Exkrementen." Ein anderes Schiff, die "Dealco 1", heute als "Hereford Express" für Dens Ocean unterwegs, wurde ebenfalls im Jahr 2003 wegen beengter Platzverhältnisse und ungenügender Ventilation als "komplett ungeeignet für den Transport von Tieren" eingestuft. "Die Rinder auf der vierten und fünften Ladeebene litten unter extremer Hitze und hohem Ammoniakgehalt der Luft", befand Animals' Angels. "Der Kot stand bis zu zehn Zentimeter hoch."

Auch ein Schiff namens "Merino Express", mit 28 Jahren das älteste der Flotte, findet sich im Dens-Ocean-Schiffsportfolio. Hier tat die Umbenennung besonders not. Vorher hieß der Viehfrachter nämlich "Cormo Express". Mit dem "Todesschiff" und seiner wochenlangen Odyssee mit 58.000 Schafen an Bord hätten wohl auch hartgesottene Viehexporteure nichts mehr zu tun haben wollen. Mittlerweile verrichtet das Schiff wieder profitable Dienste auf der Route von Australien in den Mittleren Osten.

Die strengen gesetzlichen Bestimmungen in Australien werden in der Praxis offenbar nicht immer konsequent gehandhabt. Nach der Häufung von Transporten mit hohen Verlusten in den Jahren 2002 und 2003 inspizierte Aqis 13 Exporteure, auf deren Schiffen auffallend viele Tiere verendet waren. Nur in einem einzigen Fall wurde eine Exportlizenz entzogen. Als im Jahr 2006 auf einem Transport von Australien nach Israel 248 Rinder verendeten, die meisten an Infektionen, brachte die anschließende Inspektion katastrophale hygienische Bedingungen an Bord des Schiffes zutage. Gegen den Exporteur wurde ein Ausfuhrverbot verhängt - für gerade zwei Monate.

Die tierärztliche Kontrolle vor der Abfahrt der Schiffe lässt in der Praxis offenbar ebenfalls zu wünschen übrig. Die Veterinäre verlassen sich in der Regel auf die Angaben der Exporteure. "Außerdem haben sie meist nicht genug Zeit zu überprüfen, ob beispielsweise die zulässige Ladedichte an Bord eingehalten wird", kritisieren die australischen Tiertransportgegner von Live Export Shame. Dazu müssten sie die Zahl der laut Ladedokumente zum Transport vorgesehenen Rinder oder Schafe mit der tatsächlichen Anzahl verladener Tiere vergleichen - was nur selten geschieht. Live Export Shame befürchtet, dass die Aqis-Veterinäre "im Wesentlichen Häkchen an eine Liste machen". In einem Fall, so kam heraus, hatte der Tierarzt eigene Rinder an Bord des Schiffes, das er kontrollieren sollte.

Auch in Europa bewirken Sanktionen offenbar wenig. Im November 2004 kippte ein Lkw-Hänger auf einer Fähre von Barcelona ins italienische Civitavecchia bei stürmischer See um; elf von 13 Pferden verendeten qualvoll. Die Behörden stellten anschließend mehr als ein halbes Dutzend Verstöße gegen EU-Bestimmungen fest. Vor allem die Art der Beladung des Anhängers - die Pferde auf der unteren Ebene, 33 Rinder darüber -, die riskante Überfahrt bei starkem Seegang ohne ausreichende Sicherung des Lastzugs und die lange Transportzeit ohne Pause verstießen massiv gegen EU-Direktiven.

Animals' Angels forderte daraufhin, der Transportfirma Montalban die Lizenz zu entziehen, merkte aber resignierend an: "Der Entzug der Lizenz bringt in der Regel wenig. Entweder ändert die Firma schnell ihren Namen oder sie vermietet ihre Fahrzeuge an andere Unternehmen, die in der gleichen Weise arbeiten."


Andreas Molitor, Jahrgang 1963, lebt in Berlin und schreibt vor allem für das Wirtschaftsmagazin "brand eins". Seine Recherche machte ihm klar, wie hoch der Preis der weltweiten Verfügbarkeit von preiswertem Frischfleisch ist.

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insgesamt 72 Beiträge
Knütterer 17.02.2008
Solche Beiträge und Fotos kann der "Billigheimer" garnicht oft genug vorgesetzt bekommen! Die Vieh-Transportmafia nebst den Abnehmern ist wirklich zum kotzen und absolut verachtenswürdig! Und die Politik? Sie [...]
Zitat von sysopGeschäftsmodell Tierquälerei: Beim globalen Handel mit Vieh zählt nur der Profit. Wochenlang harren Rinder oder Schafe qualvoll auf Schiffen aus, bevor sie zum Sterben an Land kommen - notfalls auf gebrochenen Beinen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,533052,00.html
Solche Beiträge und Fotos kann der "Billigheimer" garnicht oft genug vorgesetzt bekommen! Die Vieh-Transportmafia nebst den Abnehmern ist wirklich zum kotzen und absolut verachtenswürdig! Und die Politik? Sie schaut zu und deckt je nach Verbandelung zu der Transport-Mafia, auch noch deren Aktivitäten!
mi7ke 17.02.2008
Der Regulierungswahn der EU hört genau dort auf wo er am nötigsten wäre.. es ist zum Heulen. Irgendwann wird sich die Natur an uns rächen für das was wir anderen Geschöpfen antun...
Der Regulierungswahn der EU hört genau dort auf wo er am nötigsten wäre.. es ist zum Heulen. Irgendwann wird sich die Natur an uns rächen für das was wir anderen Geschöpfen antun...
volkmargrombein 17.02.2008
Selten habe ich bisher einen derart abscheulichen Artikel über Tierquälerei und skrupelloser Geschäftemacherei gelesen. Um keinen Irrtum aufkommen zu lassen: Es geht nicht um die Recherche, sondern darum, wie barbarische [...]
Zitat von sysopGeschäftsmodell Tierquälerei: Beim globalen Handel mit Vieh zählt nur der Profit. Wochenlang harren Rinder oder Schafe qualvoll auf Schiffen aus, bevor sie zum Sterben an Land kommen - notfalls auf gebrochenen Beinen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,533052,00.html
Selten habe ich bisher einen derart abscheulichen Artikel über Tierquälerei und skrupelloser Geschäftemacherei gelesen. Um keinen Irrtum aufkommen zu lassen: Es geht nicht um die Recherche, sondern darum, wie barbarische Menschen ihr dekadentes Handwerk für Dollars betreiben. Dies geschieht auch noch unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit. Denn kaum ein Mensch weis etwas von den Machenschaften- nicht nur bei Tieren - siehe Gammelfleischskandale in Deutschland - sondern auch bei einer Reihe anderer Gelegenheiten. Die Tiertransporte sind derweil besonders perfide. Da macht die EU - wohl keine große Ausnahme. Andererseits werden durch hohe Subventionen die einheimischen Bauern in den Empfängerländern um ihre Existenz gebracht, weil sie diesem Wahnsinn nicht stand halten können. Die handelnden Personen halten sich wahrscheinlich auch noch für außerordentlich clever!
douaneeddy 17.02.2008
Insider haben es gewußt und konnten nichts dagegen machen: Wenn die EU die die Ausfuhrerstattungen für lebende Rinder (Männlich) stoppt, gehen andere Länder in die entstandene Lücke (Argentinien, Brasilien...). Aus meiner [...]
Zitat von sysopGeschäftsmodell Tierquälerei: Beim globalen Handel mit Vieh zählt nur der Profit. Wochenlang harren Rinder oder Schafe qualvoll auf Schiffen aus, bevor sie zum Sterben an Land kommen - notfalls auf gebrochenen Beinen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,533052,00.html
Insider haben es gewußt und konnten nichts dagegen machen: Wenn die EU die die Ausfuhrerstattungen für lebende Rinder (Männlich) stoppt, gehen andere Länder in die entstandene Lücke (Argentinien, Brasilien...). Aus meiner langjährigen Erfahrung kann ich bestätigen, dass Transporte mit LKW zu den Mittelmeerhäfen von allen Beteiligten (Viehhandel, Vetärinär, Fahrzeugführern, Zoll, Polizei usw.) nach den geltenden Tierschutzbestimmungen durchgeführt worden sind. Überall waren Kontrollen angesagt. Nach ganz gewiß anfänglichen Problemen und Unzulänglichkeiten war das Verfahren eingespielt und niemand wagte es, die Linie der Humanität zu verlassen. Schlachtvieh wurde wie Zuchtvieh, also sorgsam, ohne Schläge und Verletzungsgefahr transportiert. Stroh und Wasser wurden frisch in die Fahrzeuge vor der Verladung gebracht, Lüftung etc. kontrolliert. Verladung/Verwiegung erfolgte weitgehend stressfrei. Liebe EU, liebe Tierschützer, soweit es diesen Teil der Tiertransporte betrifft (vom Bauern bis zum Schiff am Mittelmeer)wurde ohne Zweifel mit dem Auslaufen der Ausfuhrerstattung (= Folge: keine oder nur wenige Verladungen in dieser Weise mehr) eindeutig ein Eigentor geschossen. Jeder, der sich mit der Materie befasst hatte (insbesondere nenne ich hier auch die für die Ausfuhrerstattungen zuständigen Beamten der BLE, mit denen ich damals das kommende Problem angesprochen hatte)wußte, dass nun die überseischen Exporteure in die Lücke einfallen würde - und - so ist es auch geschehen, mit den geschilderten (s. Bericht Spiegel - online) fatalen Folgen für den Tierschutz. Der Fall zeigt eindeutig, dass es vor dem Anprangern einzelner Mißstände und großen Forderungen (Stoppt den Lebendviehtransport aus der EU)wichtig gewesen wäre, auch über den Tellerrand zu schauen! Das Ergebnis kennen wir nun! Schämt Euch ihr selbsternannten Tierschützer, denn ihr habt nur unsere Tiere vor einem Seetransport (kurz, weil nur über das Mittelmeer) geschützt und andere aus fernen Ländern in ein weit häßlicheres Verderben gestürzt. Das kotzt mich an, und wie! Anmerkung:Ich lebe auf dem Lande zusammen mit anderen Menschen, züchte weder Tiere noch verkaufe diese oder bin am Transport von Tieren beteiligt. Ich bin auch kein Veterinär, hatte aber unter anderem mein Aufenmerk auf all das zu werfen, was dem Tierschutzgedanken beim Transport von lebenden Tieren betrifft.
Baikal 17.02.2008
Ich hoffe nur, daß diese Menschen dereinst von den Tieren genauso gequält werden - wenn es denn einen gerechten Gott gibt.
Ich hoffe nur, daß diese Menschen dereinst von den Tieren genauso gequält werden - wenn es denn einen gerechten Gott gibt.
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