Frankfurt am Main - Jean-Claude Trichet ist für vorsichtige Formulierungen bekannt. Umso erstaunlicher ist das, was der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) heute auf einer Pressekonferenz in aller Offenheit sagte: "Neueste Daten bestätigen Risiken für die Konjunktur. Es gibt ungewöhnlich hohe Unsicherheiten über die Auswirkungen der Finanzmarktturbulenzen auf die Realwirtschaft." Die wirtschaftliche Abkühlung in den USA werde auch das Wachstum in Europa dämpfen.
An den europäischen Börsen sorgten diese Aussagen für Unruhe. Natürlich war den Anleger schon vorher klar, dass die Rezessionsängste in den USA an Europa nicht einfach vorbei gehen würden. Wenn dies aber der oberste europäische Banker offen ausspricht, dann hat das schon Gewicht. Der Stoxx 50
lag am Nachmittag 1,7 Prozent im Minus. Der Dax
notierte gut zwei Prozent im Minus.
Trotz des düsteren Ausblicks hat die EZB die Leitzinsen für den Euroraum heute konstant bei 4,0 Prozent gehalten. Ein geringeres Wirtschaftswachstum würde - nach dem Vorbild der US-Notenbank Fed - eigentlich für Zinssenkungen sprechen. Hauptknackpunkt ist aber die Inflation. Weil die in Europa zurzeit recht hoch ist, will die EZB die Zinsen nicht so schnell senken wie die Fed in den USA.
Die Inflation dürfte in den kommenden Monaten weiterhin merklich über 2,0 Prozent liegen, sagte Trichet. Außerdem werde die EZB die Lohnverhandlungen besonders genau beobachten.
Die Wachstumsaussichten würden vor allem durch die Finanzmarktturbulenzen, schärfere Kreditvergabe und eine eingetrübte Wirtschaftsstimmung getrübt, sagte Trichet. Zudem könnten auch steigende Energiepreise die Konjunktur belasten. Der EZB-Chef warnte die Regierungen der Eurozone aber vor aktivistischen Ausgabenprogrammen zur Stabilisierung der Konjunktur. Die Regierungen müssten sich an den europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakt halten.
Beobachter reagierten auf Trichets Worte ernüchtert. Der Markt habe auf klare Signale zur Stützung der Wirtschaft und damit auf Zinssenkungen gehofft, sagte LBBW-Aktienstratege Ingo Frommen.
Immerhin: Mit seinen Aussagen zu den Wachstumsrisiken hat sich Trichet erstmals die Option für eine Zinssenkung eröffnet. Nach Einschätzung der Commerzbank bewegt sich die Europäische Zentralbank weg von ihrer Neigung zu Zinserhöhungen. "Die EZB bewegt sich langsam aber sicher in Richtung unveränderter Zinsen, möglicherweise auch schon in Richtung von Zinssenkungen", sagte EZB-Experte Michael Schubert von der Commerzbank.
wal/dpa/Reuters
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