Von Barbara Schmid
Hamburg - Es war eine konzertierte Aktion, der Termin stand seit Wochen fest: Am frühen Morgen, Punkt sieben Uhr, fuhren Staatsanwälte und Steuerfahnder zeitgleich vor der Zentrale der Post und vor der Villa von Post-Chef Klaus Zumwinkel im Kölner Stadtteil Marienburg vor. Seit Wochen war die Operation unter strengster Geheimhaltung geplant worden, nur wenige waren eingeweiht.
Durchsucht wurden die Wohn- und Büroräume, weil dem dienstältesten Chef eines Dax-Unternehmens - Zumwinkel leitet die Post seit 18 Jahren - Steuerhinterziehung mit Hilfe einer Stiftung im Fürstentum Liechtenstein vorgeworfen wird. Dieses Steuersparmodell soll Zumwinkel, der sich selbst als Multimillionär bezeichnet, schon seit Mitte der achtziger Jahre praktizieren. Das Vermögen der Stiftung betrug zuletzt mehr als zehn Millionen Euro. Aus umfangreichen Aufzeichnungen eines Liechtensteiner Geldinstituts soll hervorgehen, dass der Post-Chef auch überlegte, sein Vermögen nach Asien oder auf die Cayman-Inseln zu verlagern.
Um kurz vor neun Uhr fuhr schließlich Zumwinkels Anwalt in einem schwarzen Porsche-Cabrio vor. Der Postchef wird ihn brauchen: Denn für den Fall, dass sich bei den heutigen Durchsuchungen die Gefahr einer Verdunkelung herausstellt, ist ein Haftbefehl gegen ihn schon vorbereitet.
Am späten Vormittag sperrte die Polizei das Haus von Zumwinkel ab. Kurz darauf verließ der Post-Chef, gut fünf Stunden nach Beginn der Durchsuchung, in einem Polizeiwagen das Gelände. Der Wagen war zuvor rückwärts auf die Einfahrt des Anwesens gefahren und hatte dann direkt vor der Haustür geparkt. Somit musste Zumwinkel nur wenige Treppenstufen hinabsteigen, bevor er in das Fahrzeug gelangte.
Anonyme Anzeige
Das Fahrzeug - ein Mercedes-Zivilwagen mit Blaulicht - fuhr eskortiert von einem Polizeimotorrad davon. Offenbar befindet sich Zumwinkel auf dem Weg zur Staatsanwaltschaft nach Bochum. Dort soll er vernommen werden, sagte ein Sprecher der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftssachen. Er gehe davon aus, dass Zumwinkel freiwillig mitgekommen sei.
Kurz nach Zumwinkel verließ auch dessen Anwalt das Haus. Wenige Minuten später trugen Ermittler Kisten mit Unterlagen aus der Villa, die sie anschließend in die Kofferräume ihrer Autos verstauten.
Gegen einen Familienangehörigen Zumwinkels wird bereits seit Sommer vergangenen Jahres wegen Steuerhinterziehung ermittelt. In diesem Fall soll es um Millionen in Liechtensteiner Stiftungen gehen. Eine anonyme Anzeige hatte dieses Steuerverfahren ausgelöst.
Zumwinkel ist einer der einflussreichsten Strippenzieher unter den Dax-Konzernchefs. Er sitzt den Aufsichtsräten der Postbank und der Telekom vor. Er hegt Pläne, die Postbank mit einem anderen Institut, etwa der Deutschen Bank, zu fusionieren und so eine Mega-Bank zu gründen. Damit wollte sich Zumwinkel einen glanzvollen Abgang verschaffen. Daraus wird nun wohl nichts.
Die Post selbst hält ihren Vorstand trotz der Ermittlungen gegen den Konzernchef für "voll handlungsfähig", wie ein Sprecher sagte. "Die Geschäfte laufen normal." Hinter den Kulissen gibt es aber offenbar schon Vorbereitungen für die Zeit nach Zumwinkel. Laut "Financial Times Deutschland" hat Vorstandsmitglied Frank Appel vorerst die Führung des Konzerns übernommen. Appel stimme sich dabei mit Aufsichtsratschef Jürgen Weber ab, berichtet die Zeitung auf ihrer Internetseite. Die Deutsche Post wollte dies nicht kommentieren. Der 46-jährige Appel ist seit 2002 Logistik-Vorstand der Post und designierter Nachfolger von Zumwinkel, der seinen Posten bis Ende des Jahres ohnehin aus Altersgründen abgeben wollte.
Zumwinkel schon im Dezember in der Kritik
Erst im vergangenen Dezember war Zumwinkel ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, als er unmittelbar nach der Verabschiedung des Post-Mindestlohn-Gesetzes ein umfangreiches Aktienpaket abgestoßen hatte. Der Kurs der Papiere war nach der Verabschiedung deutlich gestiegen. Zumwinkel verdiente an dem Verkauf zwar mehrere Millionen, musste sich aber hinterher für sein Verhalten entschuldigen.
Die Post selbst hat heute zwar ein Ermittlungsverfahren gegen ihren Vorstandschef bestätigt, will sich derzeit aber nicht näher zu den Umständen und zur Lage nach den Durchsuchungen äußern. Die Staatsanwaltschaft Bochum bestätigte die Durchsuchungen in Bonn und Köln "wegen eines Steuerstrafverfahrens".
Nicht äußern wollte sich die Bundesregierung: Die Angelegenheit sei Sache der Staatsanwaltschaft. "Das haben wir nicht zu kommentieren", sagte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums. Ähnlich äußerte sich ein Vertreter des Finanzministeriums. Der Bund ist nach wie vor größter Einzelaktionär der Post.
Die Börse reagierte uneinheitlich auf die Nachricht des Ermittlungsverfahrens: Während die Aktie der Deutschen Post in der ersten Stunde nach Handelsbeginn um fast fünf Prozent nach oben sprang, rutschten die Papiere der Postbank mit 0,88 Prozent leicht ins Minus. Offenbar spekulieren die Anleger auf einen neuen Post-Chef - sehen aber einen möglichen Verkauf der Postbank kritisch.
Mit Material von dpa/ddp/AFP
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