Wirtschaft



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14.02.2008
 

Warnstreik im Öffentlichen Dienst

Kliniken verschieben Operationen

Chaos in Kliniken, Kindergärten und Pflegeheimen: Tausende Mitarbeiter des Öffentlichen Diensts haben heute gestreikt, vielerorts wurden Patienten nach Hause geschickt. In den kommenden Tagen wollen die Gewerkschaften den Druck noch erhöhen - auch mit Warnstreiks bei der Bundeswehr.

Frankfurt am Main - Die Gewerkschaft hat gerufen, Tausende sind gefolgt. Am ersten Tag des Warnstreiks im Öffentlichen Dienst haben heute Beschäftigte in ganz Deutschland die Arbeit niedergelegt. Vielerorts ging nichts mehr, vor allem in kommunalen Kliniken, Kindertagesstätten, Verwaltungen, Entsorgungs- und Verkehrsbetrieben. Bundesweit wurde in mehr als 100 Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen der Betrieb gestört.

Allein im Saarland beteiligten sich mehr als 1800 Beschäftigte an dem Arbeitskampf. In Nordrhein-Westfalen streikten laut Gewerkschaft Ver.di mehr als 4000 Mitarbeiter aus mehr als 50 Krankenhäusern und Altenpflegeeinrichtungen. Wegen des Ausstands mussten Operations- und Untersuchungstermine verschoben werden, auch bei der Essensversorgung kam es in den Kliniken zu Verzögerungen.

Grundsätzlich sei die Patientenversorgung aber sichergestellt, sagte ein Ver.di-Sprecher. Die Notfallbetreuung sei zu jedem Zeitpunkt gewährleistet gewesen.

In Hessen legten ebenfalls Hunderte Beschäftigte von Krankenhäusern und Pflegeheimen die Arbeit nieder. Im Lauf des Tages rechnet die Gewerkschaft hier mit mehr als 3000 Streikenden. Bundesweit fanden in mehr als der Hälfte aller Länder Warnstreiks statt, darunter in Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen und Bayern.

Zum Teil dauerten die Warnstreiks nur wenige Stunden, zum Teil den ganzen Tag. In München kamen viele Mitarbeiter der städtischen Kliniken nicht zur Frühschicht. Insgesamt hatte Ver.di in Bayern 3600 Beschäftigte in 32 Kliniken zu Warnstreiks aufgerufen. Auf dem T-Shirt einer Münchner Krankenschwester war heute Morgen zu lesen: "Alles wird teurer - wir auch!"

Ver.di, der Deutsche Beamtenbund und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft verlangen für insgesamt 1,3 Millionen Beschäftigte von Bund und Kommunen acht Prozent mehr Geld. Die Arbeitgeber bieten fünf Prozent - allerdings bei einer Aufstockung der Arbeitszeit im Westen auf 40 Stunden pro Woche. Konrad Freiberg, der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, nannte diesen Vorschlag "unverschämt".

So viel verdienen Mitarbeiter im öffentlichen Dienst (West) *
Monatsverdienst brutto in Euro Wochenarbeitszeit
in Stunden **
Altenpflegehelfer 1575-2081 38,5
Arbeiter 1449-1820 38,5
Büroangestellter 1449-1820 38,5
Facharbeiter 1602-2081 38,5
Facharbeiter mit erheblicher Verantwortung 2061-2730 38,5
Garderobier 1286-1440 38,5
Kinderpfleger 1575-1995 38,5
Kindertagesstättenleiter 2340-3470 38,5
Krankenpfleger 1850-2533 38,5
Krankenpfleger mit Leitungsfunktion 3200-4200 38,5
Museumsangestellter 1575-1995 38,5
* nur Gemeinden
** ohne Baden-Württemberg, Hamburg, Niedersachsen
Quelle: WSI Tarifarchiv

Der heutige Warnstreik ist laut Ver.di erst der Anfang. Die Gewerkschaft kündigte an, dass bis zum 22. Februar weitere Maßnahmen folgen werden. Bis Freitag kommender Woche sollen zahlreiche Bereiche des öffentlichen Dienstes in den Arbeitskampf einbezogen werden. Ausstände soll es dann auch bei der Bundeswehr, bei Stadtwerken, Sparkassen, Wasser- und Schifffahrtsverwaltungen sowie bei Bussen und Bahnen geben.

So viel verdienen Mitarbeiter im öffentlichen Dienst (Ost) *
Monatsverdienst brutto in Euro Wochenarbeitszeit
in Stunden
Altenpflegehelfer 1528-2019 40,0
Arbeiter 1406-1765 40,0
Büroangestellter 1406-1765 40,0
Facharbeiter 1554-2019 40,0
Facharbeiter mit erheblicher Verantwortung 1999-2648 40,0
Garderobier 1247-1397 40,0
Kinderpfleger 1528-1935 40,0
Kindertagesstättenleiter 2270-3366 40,0
Krankenpfleger 1795-2457 40,0
Krankenpfleger mit Leitungsfunktion 3104-4074 40,0
Museumsangestellter 1528-1935 40,0
* nur Gemeinden
Quelle: WSI Tarifarchiv

In der kommenden Woche soll der Arbeitskampf verstärkt auch in den neuen Bundesländern geführt werden. In Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt seien zwischen Dienstag, dem 19. Februar, und Freitag, dem 22. Februar, Warnstreiks "quer durch alle Bereiche der öffentlichen Versorgung geplant", sagte eine Ver.di-Sprecherin in Leipzig. Konkrete Angaben macht die Gewerkschaft aber immer erst einen Tag vor den geplanten Maßnahmen.

Verstärkt wird der Warnstreik ab morgen auch in Rheinland-Pfalz. In Worms und Idar-Oberstein rufen die Gewerkschaften die Mitarbeiter der Stadtverwaltungen, der kommunalen Kliniken, der Müllabfuhr und anderer Abteilungen auf, nicht zur Arbeit zu erscheinen. In Idar-Oberstein werden außerdem die Mitarbeiter der Bundeswehr-Standortverwaltung und der Artillerieschule zur Teilnahme am Warnstreik aufgefordert. Insgesamt werde am Freitag in Rheinland-Pfalz mit fast 1000 Teilnehmern gerechnet, sagte ein Ver.di- Sprecher.

Besonders heftig war der Warnstreik heute auch in Baden-Württemberg. In mehreren Städten legten die Beschäftigten des öffentlichen Diensts die Arbeit für Stunden nieder.

Leni Breymaier, die Ver.di-Landesbezirksvorsitzende, sagte, die Lohnquote sinke seit 20 Jahren, während die Reichen verschont würden. Die Folge sei unter anderem, dass 50.000 Pflegestellen in Krankenhäusern gestrichen und die Gebühren für Kindertagesstätten exorbitant gestiegen seien.

Die Arbeitgeber gaben sich trotz der Warnstreiks optimistisch. Thomas Böhle, der Chef der kommunalen Arbeitgeberverbände, sagte im ZDF, er setze darauf, dass die Gewerkschaft ihre Forderung modifiziere. "Wir werden bei unserem Angebot natürlich auch gesprächsbereit sein", sagte Böhle.

wal/AP/AFP/Reuters/dpa

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