SPIEGEL ONLINE: Herr Schneider, die Empörung über reiche Steuerhinterzieher ist groß. Verstehen Sie das?
Schneider: Natürlich. Man denkt sich: Die verdienen sowieso schon so viel und zahlen trotzdem keine Steuern. Man muss aber bedenken: Auch untere und mittlere Einkommensschichten, also der Normalbürger, hinterziehen Steuern - von der Summe her insgesamt sogar mehr.
SPIEGEL ONLINE: Wie denn das?
Schneider: Durch Schwarzarbeit oder dadurch, dass sie zum Tanken ins Ausland fahren und geschmuggelte Zigaretten rauchen. Dadurch entgehen dem Staat direkte und indirekte Steuern wie etwa die Mehrwertsteuer. Dazu kommen die kleinen Tricksereien bei der Steuererklärung - dass etwa Belletristik als Sachbuch angegeben wird. Das ist das berühmte Kleinvieh, das auch Mist macht.
SPIEGEL ONLINE: Steuerhinterziehung ist längst ein Volkssport?
Schneider: So wird es von drei Vierteln aller Deutschen praktiziert und empfunden. Die meisten haben ja einen offiziellen Job und arbeiten dann eben nach Feierabend oder am Wochenende schwarz. Weil sie in ihrem offiziellen Job Steuern zahlen, haben sie kein Unrechtsbewusstsein. Wenn dann noch so prominente Fälle wie Zumwinkel bekannt werden, denken sie sich: Jetzt erst recht, wenn nicht mal der Steuern zahlt.
SPIEGEL ONLINE: Aber es macht volkswirtschaftlich einen Unterschied, ob jemand sein Geld nach Liechtenstein schmuggelt oder schwarz arbeitet.
Schneider: Einen enormen Unterschied. Von dem Geld, etwa durch Schwarzarbeit verdient, werden zwei Drittel sofort wieder ausgegeben - für Urlaub, das Zweitauto, Nachhilfe. Wer schwarz arbeitet, tut das nicht für sein Sparbuch, das Geld kommt dem Staat wieder zugute. Deshalb kostet diese Art der Steuerhinterziehung den Staat letzten Endes nur die verhältnismäßig moderate Summe von 12 bis 15 Milliarden - obwohl die unmittelbare Wertschöpfung sich zunächst auf 340 Milliarden Euro summiert.
SPIEGEL ONLINE: Was kann der Staat machen, damit weder die Reichen noch die Normalbürger Steuern hinterziehen?
Schneider: Für den Normalbürger würde es reichen, wenn die Absetzbeträge für haushaltsnahe Dienstleistungen auf 2000 Euro erhöht und die Minijobs von 400 Euro auf 500 Euro angehoben würden. Außerdem könnte man für arbeitsintensive Dienstleistungen - etwa bei der Sanierung von Altbauten - die Mehrwertsteuer aussetzen. Das wäre ein Anreiz, solche Arbeiten offiziell zu machen. Insgesamt bräuchte es eine radikale Steuerreform mit einfachen, aber dafür tiefen Sätzen.
SPIEGEL ONLINE: Das würde reiche Bürger kaum von Steuerdelikten abhalten.
Schneider: Ich halte gar nichts von den Überlegungen, die Strafe für Steuerhinterziehung jetzt von 10 auf 15 Jahre heraufzusetzen - denn eine Strafe in dieser Höhe wird sowieso nicht verhängt. Viel einfacher wäre es, wenn jeder, der mehr als zwei Millionen Euro Steuern hinterzieht, für mindestens ein halbes Jahr ins Gefängnis muss. Die Stigmatisierung gerade bei Managern wäre dermaßen groß, das wirkt besser als wenn man eine Millionen Euro Strafe zahlen muss.
Das Interview führte Susanne Amann
Auf anderen Social Networks posten:
...und die Masse hält das sowieso für ein Kavaliersdelikt. sh. http://www.frankenpost.de/_/tools/tedstat.html?_CMELEM=789116 mehr...
Ich finde es von den Medien sehr dreist auf den kleinen Mann zu zeigen. Hat man denn eine Wahl? Viele im Volk müssen jeden Cent zweimal umdrehen und müssen sparen wo es nur geht um überhaupt "überleben" zu können (nicht [...] mehr...
Die allergrößte Frechheit und Raubzug ist ja die, daß zwar vo n Urlaubs- und Weihnachtsgel die Rentenversicherung fleißig das GEld einzieht, dies aber nicht bei der Rentenversicherung berücksichtigt wird, selbst eine [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Liechtensteiner Steuerskandal | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH