Von Tobias Lill
Eine in der Öffentlichkeit bislang weitgehend unbeachtete Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2006 kommt zu einem anderen Ergebnis: Es könne "sowohl von Behinderungen als auch von einer systematischen Diskriminierung gegenüber Interessenvertretern gesprochen werden", heißt es darin. Die in elf H&M-Filialen befragten Betriebsräte bejahten durchweg die Frage nach Behinderungen der alltäglichen Arbeit ihres Gremiums. Zwei Drittel der Arbeitnehmervertreter berichteten, sie erlebten diese sogar "häufig" oder "sehr häufig".
"Einschüchterung, Ausgrenzung oder Diskriminierung einzelner Mitarbeiterinnen oder Betriebsräte, Beeinflussung der Stimmung in der Belegschaft gegen die Wahl eines Betriebsrates, Missachtung der Mitbestimmung" – die Liste der in der Studie enthaltenen Vorwürfe ist lang. Mehrere Betriebsräte schildern Fälle, in denen Mitarbeiterinnen wegen des hohen Drucks kündigen. Sie berichteten von Schlafstörungen, dem Gefühl, ausgegrenzt und stigmatisiert zu werden, wie die Probleme bei der Arbeit zu Schwierigkeiten mit dem Ehe- oder Lebenspartner führen. In zwei Filialen verloren Beschäftigte aufgrund des psychischen Drucks laut der Studie massiv an Gewicht.
Ein besonders krasser Fall von "Liebesentzug" soll sich in einer Darmstädter H&M-Filiale ereignet haben: Dort setzte der Gesamtbetriebsrat im Jahr 2004 einen Wahlausschuss zur Gründung eines Betriebsrates ein. Alle Wahlausschussmitglieder erkrankten laut dem Böckler-Bericht in den folgenden Monaten immer wieder an ihrer psychischen Belastung. In einem Fall bescheinigte ein Arzt einem Mitglied des Wahlvorstandes der Studie zufolge, seine Depression sei Folge "wiederholter Kränkungen im Zuge ungelöster Konflikte bedingt durch die Betriebsratswahlen". H&M beauftragte daraufhin eine Konfliktberatungsgesellschaft. Diese kam laut H&M-Sprecherin Ernst zu dem Ergebnis, dass zwar ein Konflikt vorliege, Mobbing aber nicht feststellbar sei. Gewerkschafterin Volkers mag das nicht glauben: "Das war eindeutig Mobbing."
Kündigungen scheiterten
Treusch und Glaser wollen sich von der Geschäftsführung in Augsburg nicht unterkriegen lassen. Sie nehmen ihre Arbeit ernst - und waren im Laufe der Jahre reichlich unbequem. "Wir haben uns gegen willkürliche Behandlung der Arbeitnehmer, gesetzeswidrige Arbeitsverträge und falsche Tarifeingruppierungen von Mitarbeitern gewehrt", so Treusch. Außerdem waren die beiden an rund einem Dutzend Betriebsratsgründungen in H&M-Filialen beteiligt.
Auch die Sache mit der geöffneten Post wollten sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie zeigten die Filialleitung an. Die versuchte, Glaser und Treusch daraufhin zu kündigen. Doch die Entlassung eines Betriebsrats muss vor dem Arbeitsgericht durchgefochten werden. Die Richter kamen zu dem Ergebnis, dass die beiden Betriebsräte mit der Anzeige "weder wissentlich falsch noch unverhältnismäßig" gehandelt hätten.
Derzeit ist Glaser trotzdem noch freigestellt. Treusch arbeitet jetzt im Lager ihrer Filiale. Beide wollen H&M trotz der Vorfälle auf keinen Fall verlassen. "Wir lassen uns nicht unterkriegen", sagt Treusch.
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