Von Alexandra Sillgitt
Hamburg - Der Bergbau erschüttert das Saarland - mal wieder: Ein Beben hat am Samstag Furchen in Böden und Wände gerissen - und damit die Zukunft der saarländischen Steinkohleförderung zur Debatte gestellt. Landeswirtschaftsminister Joachim Rippel (CDU) machte heute unmissverständlich klar: "Wir müssen das endgültige Ende des Bergbaus erwarten." Für die Stromwirtschaft im Saarland ist das eine Katastrophe.
Es war bereits der 35. Erdstoß in der Region - in diesem Jahr. Im Schnitt bedeutet das ein Beben alle anderthalb Tage. Das letzte erreichte eine Stärke von 4,0 auf der Richterskala und verursachte Schäden in noch unbekannter Höhe. Seit Jahren fordert der Landesverband der Bergbaubetroffenen Saar ein Ende des Kohleabbaus - jetzt dürfte es soweit sein.
Für die deutsche Steinkohle und die rund 5000 Beschäftigten sieht es düster aus. Politisch standen die Zeichen zwar schon längst auf Ausstieg. 2018 sollte die Förderung auslaufen und die Zeche geschlossen werden. Doch das verfrühte Aus bringt das Land und vor allem die saarländischen Kohlekraftwerke in die Bredouille: Sie sind auf die Kohle aus der einzigen saarländischen Zeche angewiesen.
Die Kraftwerke Bexbach, Ensdorf oder auch Fenne sind das Herzstück der saarländischen Stromwirtschaft, die sich zu über 90 Prozent aus Steinkohle speist. Immerhin: Ausfälle beim Strom könnten zur Not durch Zukäufe aufgefangen werden. Problematischer gestaltet sich allerdings die Versorgung von rund 11.000 Haushalts- und Gewerbekunden mit Wärme, die bei der Kohleverbrennung entsteht und in die Fernwärmeschiene Saar eingespeist wird - so wie beim Kraftwerk Ensdorf.
Dieses verfügt laut Betreiber RWE über Steinkohle-Reserven von zwei bis vier Wochen. Derzeit prüfe das Unternehmen, ob die Deutsche Steinkohle weitere Vorräte zur Verfügung stellen könne, um den Betrieb am Laufen zu halten. Das Unternehmen habe Reserven für zusätzliche zwei Monate. Danach müsse Kohle von außen ins Land transportiert werden. "Wir untersuchen derzeit, Ensdorf von Saar- auf Importkohle umzustellen", sagte ein RWE-Sprecher zu SPIEGEL ONLINE.
Kohle ist nicht gleich Kohle
Daraus ergibt sich ein nicht unwesentliches Problem. Denn Kohle ist nicht gleich Kohle - sie unterscheidet sich je nach Abbauort in ihrer chemischen Zusammensetzung. Die saarländischen Kraftwerke sind deshalb allein auf saarländische Kohle geeicht. Selbst Kohle aus dem Ruhrpott kann laut RWE nicht ohne weiteres verwendet werden. Die Kraftwerke müssten umgerüstet werden, was nicht nur Geld, sondern vor allem auch Zeit kostet.
"Das lässt sich nicht von heute auf morgen bewältigen", sagt Uwe Rentmeister von der IHK Saarland. Die Umrüstung könne Monate dauern, der Bau eines neuen Kraftwerks mit Behördengang und Genehmigung sogar Jahre. Diese Zeit gilt es zu überbrücken. Wirtschaftsminister Rippel spricht von einer "historischen Herausforderung".
Wirkliche Alternativen zur Importkohle gibt es keine. "Wir brauchen Kohlekraftwerke", sagt Michael Frondel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung. Ihrem Ruf in der Öffentlichkeit als "Dreckschleudern" zum Trotz sei zumindest momentan keine umweltfreundliche Alternative in Sicht, die den Bedarf decken könne. Erdgas sei zu teuer und biete keine Versorgungssicherheit.
Infrastruktur nicht auf Importkohle ausgelegt
Dem stimmt Rentmeister von der IHK zu. Erneuerbare Energien seien ebenfalls keine Option. Photovoltaikanlagen oder Windkraftparks, die eine Vollversorgung garantierten, seien nach wie vor Zukunftsmusik.
Alles scheint auf Importkohle aus dem Ruhrgebiet oder aus Polen, Russland, Südafrika und Australien hinauszulaufen. Dafür seien aber weder die Kraftwerke noch die saarländische Infrastruktur ausgelegt, sagt Christoph Meer von der Industriegewerkschaft Bergbau Chemie Energie (IG BCE). "Schon allein aus logistischen Gründen ist die Versorgung mit Importkohle nicht denkbar." Mosel und Saar seien noch nicht entsprechend ausgebaut, um die benötigten Mengen von den internationalen Kohlemärkten in die Region zu schaffen.
Bis vor wenigen Monaten plante RWE an der Saar eine neue Schiffsanlegestelle und eine Transportanlage für Kohleanlieferungen zu bauen. Der Energiekonzern wollte sein altes Kraftwerk am Standort Ensdorf durch ein neues ersetzen. Dieses sollte mit Importkohle betrieben werden und 2012 ans Netz gehen. Doch aus den Plänen wurde nichts: Die Ensdorfer Gemeinde wollte kein größeres Kraftwerk und stoppte das Prestigeprojekt per Bürgerentscheid.
Mit Material von dpa/ddp
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