Frankfurt am Main - Auf Finanzwerte verlassen sich die Anleger seit Monaten nicht mehr - nach dem Notverkauf der Traditionsbank Bear Stearns
aber eskaliert die Krise weiter. Und Siemens
wurde nach der Gewinnwarnung regelrecht abgestraft. Hinzu kamen die negativen Vorgaben aus Fernost und die alarmierenden Nachrichten aus den USA. Trotzdem stehen Experten der dramatischen Entwicklung ratlos gegenüber.

Händler an der Börse in Frankfurt: Ratlosigkeit angesichts der Baisse
Der Dax baute seine Verluste bis zum Mittag zeitweise auf 3,45 Prozent oder 6229,22 Zähler aus und notierte damit auf dem niedrigsten Stand seit November 2006. Der MDax
sackte um 3,40 Prozent auf 8369,27 Punkte ab, und der TecDax
fiel um 3,47 Prozent auf 706,45 Punkte.
"Derzeit kommt einiges zusammen, weshalb mich die aktuelle Entwicklung auch nicht wundert", sagte Marktstratege Matthias Jörss von Sal. Oppenheim. Zum einen belaste die Gewinnwarnung bei Siemens die Stimmung gerade in Bereichen, bei denen der Markt positive Erwartungen gehabt habe. Dazu kämen die Schwierigkeiten im Finanzbereich und die Entwicklung des Euro, die einigen Unternehmen Probleme bereite. "Die Frage ist nicht, um wie viel Basispunkte die Fed morgen den Leitzins senkt, da wir nicht mehr nur ein Liquiditätsproblem haben, sondern eins mit den Bilanzen", fügte er mit Blick auf die anstehende Sitzung der US-Notenbank hinzu. Gegen die aktuelle Entwicklung müssten die Währungshüter andere Mittel finden.
Finanzwerte unter Druck
Bei den Finanzwerten dominierte die Nachricht von der Übernahme der angeschlagenen Investmentbank Bear Stearns
durch JPMorgan Chase ebenso das Geschehen, wie die verpuffte Senkung des Diskontsatzes durch die US-Notenbank Fed. Das schüre neue Sorgen für den Sektor, hieß es am Markt. "Wer kann nun noch garantieren, dass sich das Gleiche nicht bei jeder anderen Bank weltweit abspielen kann?", beschrieb ein Börsianer die Angst der Anleger. Hypo-Real-Estate-Papiere
verloren 8,28 Prozent und sanken auf 13,63 Euro, und Commerzbank
verbilligte sich um 7,15 Prozent auf 16,75 Euro. Auch Anteilsscheine der Postbank
konnten sich dem Abwärtstrend nicht entziehen und verloren zuletzt 5,21 Prozent auf 55,64 Euro. Der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Klein drängt beim Verkauf des Instituts auf eine rasche Entscheidung.
Siemens-Titel standen gegen Mittag als Dax-Schlusslicht bei 12,41 Prozent auf 70,16 Euro im Minus. Der Technologiekonzern hat seine Gewinnerwartungen gesenkt und rechnet im laufenden Quartal nach einer Überprüfung von Großprojekten mit einer Ergebnisbelastung von rund 900 Millionen Euro. Einem Händler zufolge sind die Probleme in der Energiesparte zwar nicht ganz neu. Eine so deutliche Gewinnwarnung sei aber schockierend und treffe den angeschlagenen Markt unvorbereitet. Ein weiterer Händler sagte, mit dem Rutsch der Aktien unter die 80-Euro-Marke trübe sich auch der Chart deutlich weiter ein.
Wenige Aktien im Plus
Zu den wenigen Lichtblicken gehörten die Linde-Papiere, die mit einem Plus von 0,45 Prozent auf 87,00 Euro deutlich besser abschnitten als der Markt. Der Technologiekonzern peilt für das laufende Geschäftsjahr erneut einen Umsatz- und Ergebniszuwachs an. Der Ausblick für das laufende Jahr sieht nach Einschätzung eines Händlers "auf den ersten Blick gut aus".
Auch TUI gehörten mit minus 1,39 Prozent auf 17,75 Euro zu den besseren Werten im Leitindex. Vor der Sitzung des Aufsichtsrates haben sich Spekulationen um eine mögliche Abspaltung der Schifffahrtstochter Hapag-Lloyd weiter verstärkt. Der russische Großaktionär Alexej Mordaschow will laut "Welt am Sonntag" seinen Anteil an dem Touristik- und Schifffahrtskonzern aufstocken. Fresenius Medical Care
stemmten sich gegen den sehr schwachen Markttrend und gewannen an der Dax-Spitze 1,34 Prozent auf 31,83 Euro. Händlern zufolge ist das Unternehmen als defensiver Wert besonders für Fonds interessant, die nur eine geringe Cash-Quote haben dürfen.
Im MDax hielten sich HeidelbergCement mit plus 0,18 Prozent auf 106,55 Euro gut. Der Zementhersteller will nach einem deutlichen Gewinnsprung im vergangenen Jahr die Dividende leicht erhöhen. "Das Ergebnis ist überraschend, da die Integration von Hansen
deutlich besser zu verlaufen scheint als zunächst erwartet", sagte Analyst Marc Gabriel in einer ersten Einschätzung.
Solarwerte leiden unter der schlechten Stimmung
Bei den Technologiewerten litten Solartitel laut Händlern unter einem SPIEGEL-Bericht, demzufolge die Union Subventionen für die Solarstromförderung reduzieren will. ErSol Solar Energy
verloren 7,61 Prozent auf 51,97 Euro. Centrotherm gaben um 6,81 Prozent auf 41,75 Euro nach. Conergy
verzeichneten Abschläge von 6,37 Prozent auf 15,13 Euro - hier belastete zusätzlich der Rücktritt des für das operative Geschäft zuständigen Vorstands Pepyn R. Dinandt.
Die jüngsten Sorgen vor einer Ausweitung der Kreditkrise hatten auch den Euro auf neue Rekordhöhen getrieben. In der Nacht zum Montag hatte die europäische Gemeinschaftswährung zeitweise bis auf 1,5903 Dollar zugelegt. Im frühen Handel ging der Wert wieder etwas zurück. Ein Dollar war 0,6324 Euro wert. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs am Freitag noch auf 1,5561 Dollar festgesetzt.
Die Diskontsatzsenkung und die anhaltende Finanzkrise in den USA hatten den Dollar weiter unter Druck gebracht, sagten Händler. Die US-Notenbank (Fed) hatte am Sonntag überraschend den Diskontsatz um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Der Satz, zu dem sich Banken bei der Fed Liquidität verschaffen können, liegt nunmehr bei 3,25 Prozent. Zum japanischen Yen sank der Dollar auf 95,72 Yen und erreicht damit den niedrigsten Stand seit zwölf Jahren. Beobachter erwarten, dass die US-Notenbank den Leitzins am Dienstag um 0,75 Prozentpunkte auf dann 2,25 Prozent senken wird.
Ölpreis markiert neues Rekordhoch
Auch der Ölpreis erreichte ein neues Rekordniveau. Ein Barrel (159 Liter) der US-Sorte WTI kostete in der Nacht zum Montag 111,42 Dollar. Händler berichteten vor dem Hintergrund des auf neue Rekordtiefs gesunkenen Dollar von starkem Kaufinteresse institutioneller Anleger. Diese suchten angesichts des Zusammenbruchs der US-Investmentbank Bear Stearns und anhaltender Kursverluste an den weltweiten Aktienmärkten Schutz durch Investments in Öl, hieß es.
mik/dpa-AFX/dpa/Reuters/AP
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