New York/Frankfurt am Main - Es war womöglich ein Schnäppchen, das JP Morgan mit Bear Stearns
gemacht hat. Die Anleger an der Wall Street jedenfalls scheinen davon überzeugt. Die JP-Morgan-Aktie ist mit einem Plus von mehr als acht Prozent das einzige Papier im Dow-Jones-30-Index, das ein ansehnliches Plus zu verzeichnen hat. Der üppige Gewinn reichte sogar aus, um die hohen Verluste der übrigen Finanztitel einigermaßen zu kompensieren: in der Summe hielten sich die Kursverluste im Dow Jones in Grenzen.
Händler an der New Yorker Börse: Nur JPMorgan gefragt
Doch die Ruhe ist trügerisch. Denn an der Wall Street brodelt es ebenso wie an den anderen Finanzmärkten weltweit. Allein die Aktien von Bear Stearns verloren zu Handelsbeginn mehr als 90 Prozent ihres Wertes, während Lehman Brothers
um fast 30 Prozent einbrachen. "Bei den Financials greift die pure Panik", sagte ein Händler vor Handelsbeginn in New York.
Überall hat die Nachricht vom Notverkauf der fünftgrößten Investmentbank der USA Panikverkäufe ausgelöst, die bis zum Nachmittag vor allem die Aktienkurse der Banken drückten - auch die an der Wall Street. Der US-Notenbank war es selbst mit einer eilends durchgeführten Senkung des Diskontsatzes noch in der Nacht nicht gelungen, die Nerven zu beruhigen. Rund um den Globus gingen die Kurse auf Talfahrt.
Experten kritisieren Fed-Maßnahmen
Händler sprachen von verlorenem Vertrauen. Der Kursverfall des Dollar trieb den Euro in Dollar
bis auf 1,5904 Dollar, womit die Gemeinschaftswährung so teuer war wie nie. Auch der Goldpreis erreichte mit 1030,80 Dollar je Feinunze ein Rekordhoch. Der Ölpreis kletterte ebenfalls auf einen neuen historischen Höchststand.
"Die Krise verschärft sich weiter", sagte der Chefstratege der Bremer Landesbank, Folker Hellmeyer, der die Fed-Maßnahmen als übereilt kritisierte. Mit der Übernahme von Bear Stearns durch den Rivalen JP Morgan erreiche die vom Kollaps des Subprime-Sektors ausgelöste Krise an den Finanzmärkten einen neuen Höhepunkt.
In Europa entwickelte sich der Kursverfall im Verlauf des Handelstages zum Flächenbrand. Der Stoxx-50-Index
für die größten europäischen Börsenwerte fiel bis zum frühen Nachmittag um 4,5 Prozent, der EuroStoxx 50
für die Euro-Zone verlor vier Prozent.
Im Einklang mit den europäischen Börsen gab der deutsche Leitindex Dax
4,18 Prozent auf 6182,30 Punkte nach und schloss damit auf dem tiefsten Stand seit Oktober 2006. Die Verluste wären womöglich glimpflicher verlaufen, hätte nicht Siemens
die Anleger nicht mit einer überraschenden Gewinnwarnung verschreckt. Der Absturz der Siemens-Aktien war allein für einen Abschlag von 100 Punkten verantwortlich.
Schwarzer Tag für Siemens-Aktionäre
Die Aktionäre von Siemens erlebten heute ihren schwarzen Montag, nachdem der Konzern angesichts unrentabler Großprojekte seine Gewinnprognosen für das laufende Geschäftsjahr aufgab. Die Aufräumaktion kostet Siemens fast eine Milliarde Euro. Bis zum Nachmittag verloren die Aktien 19 Prozent auf 64,89 Euro. Die Glaubwürdigkeit von Vorstandschef Peter Löscher habe "enormen Schaden genommen", stellten die Analysten der Citigroup
fest. Der Börsenwert von Siemens sank um fast 14 Milliarden Euro.
Im Schnitt verloren europäische Bankenwerte mehr als sechs Prozent. Die UBS-
Aktien traf es mit einem Abschlag von über elf Prozent am stärksten. Die Schweizer Großbank leidet unter ihrem Subprime-Engagement besonders. Die Aktien der britischen Hypothekenbank HBOS
brachen um mehr als zehn Prozent ein.
In Frankfurt traf es die Aktien des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate
mit einem Einbruch um zehn Prozent am härtesten. Die Aktien von Branchenprimus Deutsche Bank
notierten mit 66 Euro 5,7 Prozent tiefer. Commerzbank
verloren sieben Prozent, die Postbank
sechs Prozent.
"Wir können niemandem mehr vertrauen. Wem soll ich hier noch glauben?", fasste Dirk Müller von ICF Kursmakler in Frankfurt die Stimmung zusammen. "Jeder fragt sich: wer kommt als nächstes? Gibt es einen Fall wie Bear Stearns in Europa?", ergänzt Edmund Shing von BNP Paribas
. Immer mehr Börsianer halten jetzt eine Zinssenkung in den USA morgen um einen ganzen Punkt auf zwei Prozent für möglich.
mik/Reuters/dpa/dpa-AFX
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