Von Alexandra Sillgitt
Hamburg - Die Liste der Stellenstreicher wächst fast täglich: T-Systems verlagert 3000 Arbeitsplätze ins Billiglohnland Indien, der Autobauer BMW
streicht 8100 Jobs und der Düsseldorfer Konzern Henkel
3000. Demgegenüber steht die vollmundige Bekundung von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU), Deutschland sei auf dem besten Weg zur Vollbeschäftigung.
Wenn die Weichen richtig gestellt würden, "ist nach meiner Meinung Vollbeschäftigung im nächsten Jahrzehnt zu erreichen", sagte Glos der "Bild am Sonntag". Jeden Tag entstünden derzeit 1400 neue Arbeitsplätze. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" macht indes eine ganz andere Rechnung auf: Ihr zufolge planen deutsche Großunternehmen künftig mehr Entlassungen als Neueinstellungen. Hierzu hat sie alle öffentlich angekündigten Personalstandsveränderungen von mehr als hundert Stellen in der Wirtschaft einbezogen. Demnach stehen 40.000 geplanten Stellenstreichungen nur 23.000 neue Arbeitsplätze gegenüber. Die Übersicht sei ein Frühindikator - und zeige, dass der Arbeitsmarkt auf der Kippe stehe.
"Ich halte davon gar nichts", sagt Klaus Brenke vom Deutschen Institut für Weltwirtschaft (DIW). Auch das Bundeswirtschaftsministerium sieht die Analyse skeptisch: "Vollbeschäftigung wird über mehrere Jahre hinweg erreicht, die aktuellen Stellenstreichungen rühren daran nicht", sagt Ministeriumssprecher Steffen Moritz.
Brenke fordert eine differenzierte Sicht: "Stellenabbau ist nicht gleich Stellenabbau." Die Arbeitsplätze würden über Jahre abgebaut - und zudem häufig auch einfach ausgelagert. "Die werden im großen Unternehmen erst gestrichen und dann im Mittelstand neu geschaffen." Doch dies werde in dem "FAZ"-Artikel ebenso wenig berücksichtigt wie der Zeithorizont, in dem sich Stellenstreichung und -aufbau vollzögen.
Auch Holger Schäfer vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) warnt davor, von den Großunternehmen eine pauschale Übertragung auf die gesamte deutsche Wirtschaft vorzunehmen. Metallindustrie und Zeitarbeitsbranche boomen, wie er zu bedenken gibt. Eine Entwicklung, die sich Schäfer zufolge 2008 fortsetzen wird. Dies wirke ausgleichend auf den Job-Kahlschlag großer Konzerne. Schäfers Fazit: "Derzeit werden mehr Arbeitsplätze geschaffen als abgebaut." Zumindest noch.
Denn klar ist, dass nach dem kräftigen Wachstum der deutschen Wirtschaft im Jahr 2007 die konjunkturelle Dynamik nachlassen wird. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnet 2008 mit rund 40 Millionen Erwerbstätigen. Das waren knapp 250.000 mehr als im Vorjahr und damit so viele wie nie zuvor in der Bundesrepublik. "Doch die Zuwächse fallen geringer aus als im Vorjahr", sagt Eugen Spitznagel vom IAB.
Befeuert wird die Entwicklung durch immer weniger offene Stellen. Ende 2007 gab es immerhin zehn Prozent weniger offene Stellen im Vergleich zum Vorjahr. Tendenz: weiter fallend. Im Februar waren bei den Arbeitsagenturen 565.000 offene Stellen gemeldet. Die Zahl der Arbeitslosen lag dagegen bei 3,3 Millionen. Das Angebot reicht bei weitem nicht aus.
Finanzmarktkrise als unkalkulierbarer Faktor
Sorgen bereitet den Experten vor allem die noch nicht absehbaren Auswirkungen der weltweiten Finanzmarktkrise - gerade auch auf den Mittelstand, der die meisten Jobs schafft. Dieser trotzt zwar noch den Turbulenzen an den Märkten. Doch aus einer Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers (PwC) geht hervor, dass die mittelständischen Unternehmen skeptisch auf die mittelfristigen Folgen der Finanzmarktkrise blicken. So rechne gut jeder fünfte Mittelständler (22 Prozent) damit, sein Finanzierungskonzept überdenken zu müssen.
Auch Spitznagel vom IAB gibt zu bedenken, dass bei allem Optimismus Unsicherheiten über die weitere Entwicklung an den Finanzplätzen berücksichtigt werden müssten. Nicht absehbar sei zudem, wie die Einführung von Mindestlöhnen die Beschäftigungszahlen von gering qualifizierten Personen ändere.
Gegen den Mindestlohn trommelt neben Bundeswirtschaftsminister Glos Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt besonders laut. Beide sehen im Mindestlohn die größte Gefahr für Vollbeschäftigung in Deutschland. Die Reformen der Agenda 2010 hätten maßgeblich dazu beigetragen, dass in den vergangenen beiden Jahren mehr als eine Million neue Arbeitsplätze entstanden seien. "Wir sind damit der Vollbeschäftigung ein beträchtliches Stück nähergekommen." Die Einführung eines Mindestlohns stünde diesem Ziel jedoch im Wege.
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