Wirtschaft



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07.04.2008
 

Anlegerprozess

Klägeranwälte greifen Telekom scharf an

16.000 Kläger, 800 Anwaltskanzleien, tonnenweise Papier: In Frankfurt hat der größte Anlegerprozess in der Geschichte Deutschlands begonnen. Der Verhandlungsbeginn verzögerte sich, weil der Richter wegen des Wintereinbruchs zu spät kam - die Angriffslust der Kläger minderte das nicht.

Frankfurt am Main - Schon zu Beginn kochten die Emotionen hoch. Mit scharfer Kritik an der Verteidigungsstrategie des früheren Staatskonzerns meldete sich die Kläger-Seite als erste zu Wort. "Die damalige Werbestrategie und die heutige Verteidigungslinie des Unternehmens passen nicht zusammen", sagte Kläger-Anwalt Andreas Tilp.

Rechtsanwälte mit Aktenordnern: 800 Kanzleien beteiligt
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DPA

Rechtsanwälte mit Aktenordnern: 800 Kanzleien beteiligt

Die Telekom Chart zeigenhabe ihre Aktie vor den drei Börsengängen in den neunziger Jahren und im Jahr 2000 als renditesichere "Volksaktie" beworben. Dabei habe der Konzern aber erhebliche finanzielle Risiken verschwiegen, so zum Beispiel die geplante Übernahme des US-Mobilfunkunternehmens Voicestream. Um eine Schlappe vor Gericht zu verhindern, versuche die Telekom nun, die T-Aktie als "Zocker-Papier" darzustellen, sagte Tilp.

Ein von den Klägeranwälten erneut gefordertes Vergleichsangebot lehnte Telekom-Anwalt Bernd-Wilhelm Schmitz ab. Das Unternehmen müsse schon im Sinne der rund drei Millionen nicht klagenden Aktionäre so handeln, erklärte er. Der Vorsitzende Richter Christian Dittrich bezeichnete einen umfassenden Vergleich mit allen fast 17.000 Klägern schon wegen der hohen Zahl der Parteien als "schlicht undenkbar".

Die Klägeranwälte verwiesen dagegen auf einen in den USA geschlossenen Vergleich zu ähnlichen Rechtsfragen, bei dem sich die Telekom zur Zahlung von 120 Millionen Dollar verpflichtet hatte. Telekom-Anwalt Schmitz ließ den Hinweis nicht gelten. Die Prozessrisiken im US-Rechtssystem seien für das Unternehmen ungleich höher gewesen. Außerdem sei kein Prospektfehler anerkannt worden.

Mit dem Prozess vor dem Oberlandesgericht Frankfurt betritt die deutsche Justiz Neuland. Um das Musterverfahren zu ermöglichen, wurde eigens das Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) geschaffen. Es wurde bisher allerdings noch nicht in einem Verfahren dieses Umfangs erprobt.

Die klagenden Kleinanleger verlangen insgesamt rund 80 Millionen Euro - in Frankfurt ist ein Musterverfahren aus den 17.000 ausgewählt worden. Als wichtigste Streitpunkte außer der Übernahme von Voicestream gelten die Bewertung der Telekom-Immobilien und der Kauf der milliardenschweren UMTS-Lizenzen.

Die Verhandlung am Montag begann wegen des plötzlichen Wintereinbruchs in Hessen mit mehr als einer Stunde Verspätung. Der Vorsitzende Richter beim Oberlandesgericht Frankfurt, Christian Dittrich, war mit seinem Zug auf dem Weg von Gießen steckengeblieben, wie das Gericht mitteilte. Vor Gericht erschienen ist nur ein kleiner Teil der mehr als 800 beteiligten Anwaltskanzleien.

Aktionärsschützer beurteilen die Erfolgsaussichten des Prozesses skeptisch. Der Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger, Lars Labryga, sagte im ZDF-Morgenmagazin, der Prozess werde "sehr lange dauern" und auch nur Teilfragen klären können. "Die Erfolgsaussichten sind, auch gegeben durch die Besonderheiten des deutschen Prozessrechts, eher schlechter als zum Beispiel in den USA", sagte Labryga.

Der Prozess ist zunächst auf 17 Verhandlungstage bis Ende Mai angesetzt. Ein Urteil noch in diesem Jahr gilt allerdings als extrem unwahrscheinlich. Zeugen sollen erst ab der kommenden Woche befragt werden: am Montag (14. April) zunächst Ex-Telekom-Chef Ron Sommer, am Dienstag der noch amtierende Finanzchef Karl-Gerhard Eick. Für 29. April ist auch Sommers Nachfolger an der Spitze der Telekom, Kai-Uwe Ricke, geladen.

Bei dem dritten Börsengang hatte die T-Aktie einen Ausgabekurs von 66,50 Euro beziehungsweise 63,50 Euro für Frühzeichner. Das Wertpapier hatte damals seine beste Zeit schon hinter sich. Nach dem Höchststand von 103,50 Euro am 6. März 2000 ging es stetig bergab, bis zum Tiefststand von 8,14 Euro im Juni 2002.

Seitdem kam das Papier nicht mehr über 20 Euro hinaus.

mik/itz/dpa/AFP/AP

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