Wirtschaft



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12.04.2008
 

Handel mit gefrorenem Wasser

Der Eiskönig von Boston

Von Peter Korneffel

2. Teil: Wachsende Binnennachfrage nach dem kalten Gut

Mitte der 1820er Jahre erfindet Tudors Freund Nathaniel Jarvis Wyeth den Eispflug. Die Eisernte, bei den Arbeitern als "kältester Job der Welt" gefürchtet, wird allmählich zur Industrie. Mit dampfendem Atem laufen die Pferde jetzt über die Seen, Spikes an den Hufen, hobeln den Schnee vom Eis und kerben die Fläche mit Wyeth’ ice cutters zu einem Schachbrett, in cakes von 55 mal 55 Zentimetern, denn gleichförmige Eisblöcke lassen sich später besser stapeln. Die "Kuchen" für den See-Export sind fast doppelt so groß. Die Eisflächen werden zu Blöcken gesägt und über eisfrei geschlagene Kanäle an die Rampen der Eishäuser geflößt. Frederic Tudor fährt die Eisernten mit seinen Pferdewaggons sogar direkt aufs Schiff.

1833 schließlich startet er sein kühnstes Unternehmen. Tudor ist jetzt fast 50, die Geschäfte laufen blendend, da fragt er sich, der selbst die Schwüle in den Tropen hasst, wie es wohl den kühlen Briten in der Mittagshitze Kalkuttas geht. Nüchtern kalkuliert, dürfte die Fracht in die englische Kronkolonie bei Sonneneinstrahlung nur 50 Pfund je Stunde verlieren, wenn er einen schnellen Eissegler auftreibt. Wenige Tage später chartert Frederic Tudor die Brigg "Tuscany" und macht sich mit seinen Tischlern ans Werk. Der Frachtraum wird mit drei isolierenden Hohlräumen von den Außenwänden getrennt. Luft, Tannenrinde und Heu bilden Tudors Schichtung für Ostindien. Am 5. Mai 1833, bei bedecktem Himmel über Massachusetts, beginnt die Beladung des Seglers mit 180 Tonnen Neuenglandeis, jeder Block gut verpackt in Stroh. Eine Woche später macht die "Tuscany" die Leinen los.

Am 10. September landet der Eissegler in Kalkutta am Ganges. Auch Indiens Presse wähnt die "erfinderischen Yankees" in "hoffnungsloser" Mission, bevor ein Reporter der "India Gazette" in den Laderaum blickt und den Atem anhält. "Wir sind glücklich zu verkünden, dass der Ausschuss für Zoll, Salz und Opium die steuerfreie Anlandung der Eisfracht autorisiert hat", schreibt der Journalist. "Der Offizier ist angewiesen, das Löschen des Eises bei Nacht zu genehmigen."

Durchbruch für den verspotteten Außenseiter

Auch Lord William Bentinck, Generalgouverneur der Kronkolonie, ist begeistert. Er überreicht Tudors Kalkutta-Agenten eine Tasse aus vergoldetem Silber der "British Authority in Bengal". Erst Monate später erfährt Tudor in einem Brief von dem sensationellen Erfolg, als er bereits das erste Schiff für Rio de Janeiro belädt. Selbst auf der Ostindienpassage von 121 Tagen über 16.000 Seemeilen mit zwei Überquerungen des Äquators sollen nur 30 Prozent der Eisfracht geschmolzen sein, verkündet Tudor.

Jetzt öffnen sich Amerikas Eisexporteuren die Märkte in aller Welt, von Afrika über China bis Japan. Die Mechanisierung der Eisernte, die gut isolierten Eissegler, das wachsende Handelsnetz der USA und die großen Mengen ganzjährig verfügbaren Natureises machen den US-Eishandel sogar zum Geschäft in Ländern, die im Hinterland selbst Eis in den Bergen haben. 1847 registriert das Zollhaus von Boston Harbor eine Flotte von 247 Eisseglern, neben den Schiffen vom Kennebec River in Maine die größte Eisflotte der Welt. Allein Tudor verschifft 1846 insgesamt 175 Schiffsfrachten von zusammen 65.000 Tonnen Eis. Zehn Jahre später sind es bereits 146.000 Tonnen auf 363 Frachten.

Für den einst verspotteten Außenseiter hat das Geschäft mit Indien den Durchbruch gebracht. Tudor, mittlerweile ein Herr mit weißem Haar und feinem blauen Gehrock, ist in den 1850er Jahren ein angesehener Unternehmer, er erwirbt ein stattliches Landgut auf der Halbinsel Nahant bei Boston. Hier lädt er gern zum Dinner oder Ball. Der globale Eishandel wächst unterdessen weiter.

Europa sperrt sich gegen Eis aus Übersee

Nur Europa setzt nicht auf die "Crystal Blocks of Yankee Coldness", wie es in der Chronik des amerikanischen "Wenham Lake Ice" von Chad Foster Smith heißt. Tudor und andere Exporteure Neuenglands versuchen immer wieder, den britischen Markt zu erobern. Doch treffen sie vor der Einfahrt in die Themse erstmals auf Konkurrenz. Denn bereits seit 1822 verkaufen norwegische Eishändler gefrorenes Wasser aus ihren kristallklaren Seen. Europa wird ein norwegischer Markt.

Gesegnet mit immensen Fischgründen und milden Wintern, ist England der wichtigste Kunde für norwegisches "Blockeis". Anfangs holen die Briten das Eis noch selbst ab für ihren Traum von frischem Fisch, das Geschäft lassen sie sich nicht von den Amerikanern nehmen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts jedoch zimmern Norwegens Schiffsbauer eine der schnellsten Eisflotten der Welt und übernehmen den Transport. Englands boomende Fischindustrie dürstet nach Eis, während Königin Victoria zur wichtigsten Lobbyistin der isblokker aus Norwegen wird – der Buckingham Palace bezieht sein "Arctic Crystal" in dieser Epoche ausschließlich aus einem glasklaren Bergsee bei Røyken.

In Amerika macht der Eishandel frische Lebensmittel wie Fleisch, Milch, Butter und Fisch zum Handelsgut, fördert das rasante Wachstum von Städten wie New York, Baltimore und Philadelphia. Eis gewährleistet die Versorgung einer jungen Industriegesellschaft. Erst durch das Konservieren großer Mengen von verderblicher Nahrung können Großstädte überhaupt entstehen, denn Ballungsräumen fehlen Anbau- und Weideflächen. Gleichzeitig sind die Städte Garanten für die wachsende Binnennachfrage nach dem kalten Gut.

Denn Eis revolutioniert die Küche. Endlich muss man weder räuchern, salzen, dörren noch einlegen. Eis macht Verderbliches haltbar, ohne den natürlichen Geschmack zu verfälschen. Fleischtransporte lösen große Teile der Viehtransporte ab. Bananen und andere Tropenfrüchte erreichen die USA, gekühlt mit heimischen ice cakes. In fast jedem New Yorker Haus von 1860 steht nun ein hölzerner Eisschrank. 1870 verbraucht jeder Städter in den USA 660 Kilogramm Natureis, so die Statistik der "American Ice Industry".

Eis per Rolltreppe

Motorisierte, Rolltreppen ähnelnde elevators befördern in den 1880er Jahren in den USA jährlich 20 bis 25 Millionen Tonnen in die Eishäuser, vermerkt das "Popular Science Monthly". Von Dampfmaschinen angetriebene Motorsägen und Förderbänder ersetzen zunehmend die schwere Arbeit von Mensch und Pferd bei der Eisernte. Boston beliefert weltweit über 50 Häfen mit gefrorenem Wasser. Natureis wird das wichtigste Handelsgut der Neuenglandstaaten, wichtiger noch als Fisch und Holz. Auf dem Kennebec River in Maine arbeitet 1890 eine Flotte von 1700 Eisseglern.

1864 stirbt Frederic Tudor im Alter von 80 Jahren in Boston, er ist tatsächlich "unvermeidlich" reich geworden. Zwar war er in den letzten Jahren nicht mehr führend im Eisgeschäft. Doch seine Ländereien haben ihn zu einem der ersten Millionäre Amerikas gemacht, die Medien feiern ihn als "Boston Ice King" und sogar als den "Ice King of the World".

An dem Wendepunkt der amerikanischen Geschichte, als auf den Schlachtfeldern des Bürgerkriegs die Ärzte verzweifelt nach Eis schreien und die Nordstaaten die große Nachfrage nicht mehr befriedigen können, erreichen vier mysteriöse Apparate aus Frankreich die Südstaaten der USA: Eismaschinen, sogenannte "Ammoniakabsorptionskältemaschinen", mit denen der französische Ingenieur Ferdinand Carré 1859 erstmals künstliches Eis produzierte, indem er Wasser durch schnelle Verdunstung von kondensiertem Ammoniak zum Gefrieren brachte.

Konkurrenz durch die "Kompressionskältemaschine"

Auch in den USA wird nun Ende 1862 künstliches Eis hergestellt. Selbst beim Export des Frischfleischs, das Australien und Argentinien mit amerikanischen cakes nach England zu verschiffen pflegen, setzt man bald auf Kälteingenieure statt auf Eishändler. 1876 experimentiert das französische Kühlschiff "Le Frigorifique" erstmals mit maschinell gekühltem Fleisch zwischen Rouen und Buenos Aires. Dampfmaschinen liefern die nötige Energie.

In Deutschland entwickelt Carl von Linde mit seiner "Kompressionskältemaschine" in den 1870er Jahren einen weiteren Typus von Eismaschinen. Chemiker und Ingenieure läuten damit eine neue Epoche der Kühltechnik ein. Eis ist jetzt in großen Mengen überall und jederzeit künstlich herstellbar. 1880 erhält selbst Tudors einstige Handelshochburg Kalkutta die erste Eismaschine, was den Natureishandel mit Indien in kürzester Zeit zum Erliegen bringt.

Noch vor dem Ersten Weltkrieg bricht auch der amerikanische Natureisbinnenmarkt ein. Im Jahr 1915 schließlich kapituliert der Präsident des Eisverbands Henry W. Bahrenburg endgültig vor der künstlichen Kälte und gibt sich auf der Vollversammlung seines Verbands öffentlich geschlagen mit den Worten: "Die Pest ist in unseren Städten!"


Peter Korneffel, Jahrgang 1962, schreibt aus Lateinamerika unter anderem für die "Zeit" und "Geo Saison". In mare No. 49 schrieb er zuletzt über einen deutschen Havariekommissar in Cartagena an Kolumbiens Karibikküste.

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