Paris - Es ist ein brisantes Papier, aus dem die französische Internetzeitung "Mediapart" zitiert. "Das ist der Bericht, auf den die ganze Welt wartet", heißt es auf der Seite, die von dem ehemaligen "Le Monde"-Chefredakteur Edwy Plenel gegründet wurde. Das ist nicht übertrieben. Die französischen Journalisten zitieren erstmals aus einem Bericht der französischen Börsenaufsicht AMF, der angebliche Insidergeschäfte beim Flugzeugbauer EADS untersucht.
Seit vergangenem Oktober versucht die Börsenaufsicht, umstrittene Aktienverkäufe von Airbus-Chef Thomas Enders und seinen Kollegen aufzuklären. Sie sollen ebenso wie Führungskräfte des Mutterkonzerns EADS und ihrer Großaktionäre Daimler und Lagardère illegale Insidergeschäfte getätigt haben - weil sie vorab über Produktionsprobleme beim Megajet A380 informiert waren und deshalb Ende 2005 und Anfang 2006 im großen Stil Aktien verkauften. All dies, bevor die Probleme bei Airbus öffentlich bekannt wurden und der Kurs der Aktie abstürzte.
Seit Dienstag vergangener Woche wird immer klarer, dass die Behörde dabei nicht nur die Airbus-Manager, sondern auch die Konzernmutter EADS und deren Anteilseigner im Visier hat. "Sowohl EADS
als auch Lagardère und DaimlerChrysler hätten davon absehen sollen, Aktien zu verkaufen, weil sie mindestens drei exklusive Informationen hatten", schreibt "Mediapart" über die Erkenntnisse der AMF. Dies belege ein Haushaltsplan, der eine deutliche Abschwächung der künftigen Gewinne bei Airbus ab Juni 2005, die Probleme des A380 und eine komplette Überprüfung des A350-Programms voraussagte.
Bislang streiten sowohl betroffene EADS-Manager als auch Daimler und Lagardère jede Verantwortung ab. EADS zeigte sich heute in einer Stellungnahme "schockiert", dass "Mediapart" einige Seiten des Berichts sogar zum Download bereitstellte. Die Rechte der Verteidigung würden damit ignoriert, sagte ein Unternehmenssprecher. Die AMF müsse sicherstellen, dass die Betroffenen nicht ohne eigenen Zugang zu den Dokumenten öffentlich beschuldigt werden könnten und dass die Unschuldsvermutung gewahrt werde. "Der Konzern kann natürlich keinen Kommentar geben, solange er das vollständige Dokument und seine Schlussfolgerungen nicht gelesen und bewertet hat."
Auch EADS-Rüstungsvorstand Stefan Zoller, der ebenfalls in dem Bericht beschuldigt wird, bestritt jede Verwicklung in Insidergeschäfte. "Ich habe kein Verfahren", sagte Zoller vor Journalisten im Werk Unterschleißheim. "Ich habe mich völlig korrekt verhalten." Aktien seien Teil seiner Bezahlung, bei Verkäufen habe er stets rechtmäßig gehandelt. "Ich habe bisher keine Chance gehabt, mich auf qualifizierte Art und Weise zu äußern", sagte Zoller. "Ich hoffe, das wird in absehbarer Zeit geklärt."
Laut "Mediapart" heißt es in dem Bericht: "Der Aufsichtsrat und die Führungsebene hatten, als sie ihre Aktien verkauft haben, Informationen, die der Markt nicht hatte, und wen hat das dazu gebracht, von einem Verkauf abzusehen?". Zu klären sei deshalb vor allem der Aktienverkauf zwischen November 2005 und April 2006 - also zwei Monate, bevor die Probleme beim A380 und A350 bekannt wurden.
"Zwischen dem 19. Juli 2005 und dem 13. Juni 2006 haben 17 von 21 Mitgliedern des Exekutivausschusses Aktienoptionen im Gesamtwert von etwa 20 Millionen Euro ausgeübt. Elf von ihnen haben damit zum 13. Juni ihre Optionen vollständig in Anspruch genommen", zitiert "Mediapart" weiter. Überraschend sei dabei: "95 Prozent der Aktienverkäufe habe zwischen dem 9. und dem 29. November und dem 8. bis 24. März stattgefunden, aber es gab keinen Verkauf im ebenfalls möglichen Zeitfenster zwischen 16. Mai bis 5. Juni 2006 und dem Zeitfenster zwischen 27. Juli und 16. August 2005", heißt es in dem Bericht. Dazu befragt hätten mehrere der Führungskräfte erklärt, es habe sich nicht gelohnt, ihre Optionen zu diesem Zeitpunkt auszuüben, weil der Aktienkurs deutlich unter dem der Option gewesen sei.
Airbus-Chef Enders selbst hatte zuletzt im November 2005 Aktien verkauft. Damals, so seine Argumentation, sei das gesamte Ausmaß des A380-Debakels noch nicht absehbar gewesen. Sollten sich die Vermutungen der französischen Börsenaufsicht bestätigen, drohen Enders und seinen Mitstreitern nicht nur Geldbußen in Millionenhöhe, sondern womöglich sogar Haftstrafen.
sam
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