Frankfurt am Main - Unmittelbar vor der Leitzinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) ist der Euro auf einen neuen Rekordstand gestiegen. In der Spitze kletterte die Gemeinschaftswährung bis auf 1,5912 Dollar. Damit wurde die alte Rekordmarke vom 17. März leicht übertroffen. Die EZB hatte den Referenzkurs am Mittwoch noch auf 1,5726 (Dienstag: 1,5694) Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete 0,6359 (0,6372) Euro.
"Es gibt keinen konkreten Auslöser für diese Kursbewegung. Es gibt halt durchaus einige Marktteilnehmer, die die 1,60 Dollar jetzt auch sehen wollen", sagte Helaba-Analyst Ralf Umlauf. Die meisten Marktteilnehmer warten nun auf die Zinsentscheidung der EZB, die um 13.45 Uhr bekannt gegeben wird, sowie auf die Aussagen von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet auf der anschließenden Pressekonferenz.
Experten rechnen nicht mit einer Änderung des Zinssatzes von aktuell vier Prozent. Viele Ökonomen fordern zwar seit Längerem wegen der Finanzmarktkrise und der sich abzeichnenden US-Konjunkturprobleme eine Zinssenkung der EZB. Die Rekord-Inflation von 3,5 Prozent im März in der Eurozone und die im Gegensatz zu den USA vergleichsweise robuste Konjunktur im Euroraum halten die EZB den Experten zufolge davon aber vorerst ab.
Nach Einschätzung der DekaBank hat sich die Notenbank schon sehr klar positioniert, indem sie auf die hohen Inflationsgefahren und eine stabile Konjunktur hingewiesen hat. "Die anhaltende Kreditkrise wird die EZB weiter mit Liquiditätsmaßnahmen und nicht mit Zinssenkungen bekämpfen", heißt es in einem Ausblick der Bank. Da Zinssenkungen derzeit mit den Inflations- und Konjunkturperspektiven nur schwierig zu begründen wären, sei eine aus Sicht der Anleihemärkte erneut eher enttäuschende Pressekonferenz der Notenbank zu erwarten. "Mit einer höheren Bereitschaft der EZB zu Zinssenkungen ist nicht zu rechnen", schreibt auch die Commerzbank.
Die Mehrheit der Experten erwartet, dass die EZB im weiteren Jahresverlauf angesichts der Konjunkturabkühlung in den USA doch noch den Leitzins senken wird. Die Abkopplung der Wirtschaft der Eurozone dürfte nur teilweise Bestand haben und dürfte früher oder später nach Europa herüberschwappen, schreiben die Volkswirte der UniCredit. Zudem könne eine moderate Austrocknung der Kreditmärkte in Europa noch nicht ausgeschlossen werden.
Steinbrück erwartet weitere Milliarden-Abschreibungen
Auch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) erklärte heute, die Finanzmarktkrise sei noch nicht zu Ende. Er erwarte weiteren Abschreibungsbedarf bei den Banken weltweit. "Es hängt entscheidend davon ab, wie sich der Markt für die strukturierten Wertpapiere entwickelt", sagte er dem "Handelsblatt". Die Halbwertszeit, in denen die weltweiten Risiken wüchsen, sei erschreckend und ein Beleg für die Ernsthaftigkeit der Krise. Steinbrück fürchtet zudem, dass sich eine solche Finanzmarktkrise wiederholen könnte. Nach Ansicht des Finanzministers funktionieren die Bestrafungsmechanismen des Marktes nicht richtig, wenn die mit der Insolvenz einer großen Geschäftsbank verbundenen Risiken so hoch sind, dass der Staat oder die Notenbanken am Ende doch eingreifen.
In Europa herrscht laut Steinbrück trotz der weltweiten Finanzkrise aber keine Rezession. "Das ist nicht Wunschdenken von mir, sondern ein Fakt", sagte er mit Blick auf die Entwicklungen am Arbeitsmarkt.
Auch der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, sieht Europa weniger betroffen als die USA. Zudem sei er überzeugt, dass sich die Situation in den USA durch die Maßnahmen des Staates, der Zentralbank und der Marktteilnehmer in der zweiten Jahreshälfte beruhige, sagte er am Mittwochabend im ZDF- "heute-journal". Deshalb gehe er davon aus, dass Deutschland und Europa von schlimmeren Auswirkungen verschont blieben. Ackermann, der auch Vorsitzender des Weltbankenverbands IIF ist, plant gemeinsam mit dem Verband eine globale Taskforce aus international angesehenen Finanzexperten, die künftig frühzeitig über riskante Entwicklungen und Schwächen an den Finanzmärkten informieren sollen .
ase/AFP/dpa-AFX
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