Wirtschaft



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22.04.2008
 

Standort Deutschland

Deutsche Firmen bremsen Job-Verlagerung ins Ausland

Von Susanne Amann

Experten sprechen schon von einer Renaissance des Industrie-Standortes: Weniger Unternehmen als bisher verlagern Arbeitsplätze ins Ausland, oft genug beschert der Job-Export ihnen nur Probleme. Deutschland wird wettbewerbsfähiger - denn gleichzeitig schwinden die Kostennachteile.

Hamburg - Es sind ungewohnte Meldungen, die Standortskeptiker verwundern dürften: Deutschland hat als Produktionsstandort an Attraktivität gewonnen - das ist das Ergebnis einer Studie des Fraunhofer Instituts, die am Dienstag auf der Hannover Messe vorgestellt wurde. Die Produktionsverlagerung ins Ausland sei merklich zurückgegangen, ein Drittel der Verlagerung bringe nicht die erwünschten Effekte, sagte Steffen Kinkel vom Fraunhofer Institut.

Siemens-Mitarbeiter bei der Fertigung von Dampfturbinen: Betriebe denken bei der Verlagerung ins Ausland zu kurzfristig
DDP

Siemens-Mitarbeiter bei der Fertigung von Dampfturbinen: Betriebe denken bei der Verlagerung ins Ausland zu kurzfristig

1600 zumeist mittelständische Unternehmen hat das Institut nach ihrer Erfahrung mit der Produktion im Ausland befragt und dabei kam Erstaunliches heraus: Bei der Standortverlagerung zögen die Unternehmen oft die tatsächlichen Kosten nicht in Betracht, vor allem Anlaufzeiten und die Kosten für die Betreuung der ausländischen Betriebe würden unterschätzt. "Unternehmen agieren teilweise sehr kurzsichtig, da sie einfach viele Kosten nicht berücksichtigen", sagte Bruno Braun, Präsident des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI).

Zwar gehen der deutschen Wirtschaft durch Produktionsverlagerungen ins Ausland jedes Jahr 74.000 Jobs verloren - doch sei der Trend rückläufig. Jedes vierte bis fünfte Unternehmen mache seine Entscheidung außerdem nach späterer Einsicht rückgängig: "Wir erleben eine Renaissance des Standorts Deutschland."

Eine Einschätzung, die auch von anderen Faktoren gestützt wird: So hat das Statistische Bundesamt an diesem Dienstag Zahlen veröffentlicht, nach denen die Arbeitskosten in Deutschland im EU-Vergleich am wenigsten gestiegen sind. Tatsächlich kommt Deutschland bei seinen Arbeitskosten nach Dänemark, Schweden, Belgien, Luxemburg, Frankreich und den Niederlanden erst auf Rang sieben.

Im Schnitt liegen die Arbeitskosten pro geleistete Stunde in Deutschland bei 29,10 Euro - während Dänemark und Schweden mit 35,00 Euro beziehungsweise 33,40 Euro an der Spitze liegen. Am unteren Ende der Skala liegen - wenig überraschend - vor allem osteuropäische Länder: So kostet eine Arbeitsstunde in Polen 6,70 Euro, in Litauen 5,20 Euro, in Rumänien 3,90 Euro und in Bulgarien 2,10 Euro.

Arbeitsmarktexperten freuen sich über das vergleichsweise geringe Wachstum der Kosten - mit einem Prozent war es das geringste in allen europäischen Ländern: "In der Industrie sind wir immer noch in der Spitzengruppe, hier war es bitter nötig, dass wir einen moderaten Anstieg der Kosten hatten", sagte Christoph Schröder, Arbeitskostenexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Das habe die Chancen der deutschen Unternehmen gestärkt, sich im Wettbewerb zu behaupten. Auch der jüngste Beschäftigungsaufbau sei unter anderem auf die gemäßigten Steigerungen der Lohnkosten zurückzuführen.

Arbeitkosten*
Land Euro Veränderung in Prozent
EU gesamt 22,80 3,4
Dänemark 35,00 3,6
Schweden 33,40 3,5
Belgien 33,10 3,7
Luxemburg 32,70 1,9
Frankreich 31,90 3,3
Niederlande 29,29 2,5
Deutschland 29,10: 1,0
Österreich 28,50 3,2
Finnland 28,30 3,0
Großbritannien 27,90 4,9
Irland 25,50 -
Italien 24,50 -
Spanien 18,30 4,2
Polen 6,70 14,5
Rumänien 3,90 30,2
Bulgarien 2,10 16,9
* Je geleisteter Stunde im Jahr 2007 Quelle: Statistisches Bundesamt
Ein ähnliches Bild auch bei den Lohnnebenkosten, also den Sozialbeiträgen der Arbeitgeber - von denen gerade Wirtschaftsverbände und -politiker immer wieder jammern, sie seien zu hoch. Hier zeigt die Statistik Überraschendes: Im Schnitt mussten die Arbeitgeber im vergangenen Jahr in Deutschland pro 100 Euro Bruttolohn 32 Euro Lohnnebenkosten zahlen. Damit lag Deutschland nicht nur unter dem europäischen Durchschnitt von 36 Euro, sondern nahm mit Rang 14 innerhalb der Europäischen Union auch nur einen Mittelplatz ein. Spitzenreiter hier sind Frankreich und Schweden mit jeweils 50 Euro, am unteren Ende liegen Irland und Malta mit 17 Euro und 10 Euro.

Das ist umso erstaunlicher, weil gerade die Lohnnebenkosten laut der Studie des Fraunhofer Instituts immer wieder als Hauptmotiv für die Verlagerung ins Ausland angegeben werden. Genau dies sei aber problematisch, sagte Steffen Kinkel vom Fraunhofer Institut. Denn die Lohnkosten machten in vielen Betrieben nur noch rund zehn Prozent der Gesamtkosten aus. Profitieren könnten Betriebe von Produktionsverlagerungen vor allem dann, wenn dadurch auch neue Märkte erschlossen würden.

Tatsächlich dauert der Studie zufolge der Anlauf neuer Betriebsstätten im Ausland meist doppelt so lange wie geplant. Die Führung des ausländischen Standorts von Deutschland aus und die Qualifizierung der lokalen Belegschaft seien oft mehr als doppelt so teuer wie geplant. Zudem sei die Beschaffung von Rohstoffen im Ausland vielfach teurer als in Deutschland, wo die Firmen häufig auf ein lokales Zuliefernetz zurückgreifen könnten. Außerdem wird der Standort Deutschland in einem weiteren Punkt unterschätzt: Bei Entscheidungen für ausländische Standorte werde zudem oftmals nicht in Betracht gezogen, dass sich an Standorten in Deutschland meist 15 und 30 Prozent Kosteneinsparungen im Jahr erzielen ließen, heißt es in der Studie weiter.

Lohnnebenkosten
Land Lohnnebenkosten*
EU Gesamt 36
Frankreich 50
Schweden 50
Belgien 45
Italien 45
Ungarn 42
Litauen 40
Österreich 39
Griechenland 38
Rumänien 37
Slowakei 37
Estland 36
Deutschland 32
Niederlande 31
Portugal 30
Vereinigtes Königreich 28
Finnland 28
Lettland 27
Bulgarien 27
Polen 25
Slowenien 22
Dänemark 20
Malta 10
*Auf 100 Euro Bruttolohn und -gehalt, Quelle: Statistisches Bundesamt
Wie man den Standort Deutschland noch attraktiver machen kann, verraten übrigens auch Daten, die das Statistische Bundesamt am Montag veröffentlicht hat: Danach trifft die Verlagerung von Jobs in Billiglohnländer vor allem Beschäftigte mit geringer Qualifikation - denn nur ein Drittel der abgebauten Arbeitsplätze werden durch vergleichbare Stellen im Inland ersetzt. Zwischen 2001 und 2006 wurden insgesamt rund 125.000 Jobs für Geringqualifizierte im Zuge von Auslagerungen abgebaut, nur 37 Prozent davon aber hierzulande als neue Stellen eingerichtet. Bei Höherqualifizierten lag die Rate dagegen bei 94 Prozent.

Mit Reuters und AP

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