Von Susanne Amann
Hamburg - Es sind ungewohnte Meldungen, die Standortskeptiker verwundern dürften: Deutschland hat als Produktionsstandort an Attraktivität gewonnen - das ist das Ergebnis einer Studie des Fraunhofer Instituts, die am Dienstag auf der Hannover Messe vorgestellt wurde. Die Produktionsverlagerung ins Ausland sei merklich zurückgegangen, ein Drittel der Verlagerung bringe nicht die erwünschten Effekte, sagte Steffen Kinkel vom Fraunhofer Institut.
Siemens-Mitarbeiter bei der Fertigung von Dampfturbinen: Betriebe denken bei der Verlagerung ins Ausland zu kurzfristig
Zwar gehen der deutschen Wirtschaft durch Produktionsverlagerungen ins Ausland jedes Jahr 74.000 Jobs verloren - doch sei der Trend rückläufig. Jedes vierte bis fünfte Unternehmen mache seine Entscheidung außerdem nach späterer Einsicht rückgängig: "Wir erleben eine Renaissance des Standorts Deutschland."
Eine Einschätzung, die auch von anderen Faktoren gestützt wird: So hat das Statistische Bundesamt an diesem Dienstag Zahlen veröffentlicht, nach denen die Arbeitskosten in Deutschland im EU-Vergleich am wenigsten gestiegen sind. Tatsächlich kommt Deutschland bei seinen Arbeitskosten nach Dänemark, Schweden, Belgien, Luxemburg, Frankreich und den Niederlanden erst auf Rang sieben.
Im Schnitt liegen die Arbeitskosten pro geleistete Stunde in Deutschland bei 29,10 Euro - während Dänemark und Schweden mit 35,00 Euro beziehungsweise 33,40 Euro an der Spitze liegen. Am unteren Ende der Skala liegen - wenig überraschend - vor allem osteuropäische Länder: So kostet eine Arbeitsstunde in Polen 6,70 Euro, in Litauen 5,20 Euro, in Rumänien 3,90 Euro und in Bulgarien 2,10 Euro.
Arbeitsmarktexperten freuen sich über das vergleichsweise geringe Wachstum der Kosten - mit einem Prozent war es das geringste in allen europäischen Ländern: "In der Industrie sind wir immer noch in der Spitzengruppe, hier war es bitter nötig, dass wir einen moderaten Anstieg der Kosten hatten", sagte Christoph Schröder, Arbeitskostenexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Das habe die Chancen der deutschen Unternehmen gestärkt, sich im Wettbewerb zu behaupten. Auch der jüngste Beschäftigungsaufbau sei unter anderem auf die gemäßigten Steigerungen der Lohnkosten zurückzuführen.
| Arbeitkosten* | ||
| Land | Euro | Veränderung in Prozent |
| EU gesamt | 22,80 | 3,4 |
| Dänemark | 35,00 | 3,6 |
| Schweden | 33,40 | 3,5 |
| Belgien | 33,10 | 3,7 |
| Luxemburg | 32,70 | 1,9 |
| Frankreich | 31,90 | 3,3 |
| Niederlande | 29,29 | 2,5 |
| Deutschland | 29,10: | 1,0 |
| Österreich | 28,50 | 3,2 |
| Finnland | 28,30 | 3,0 |
| Großbritannien | 27,90 | 4,9 |
| Irland | 25,50 | - |
| Italien | 24,50 | - |
| Spanien | 18,30 | 4,2 |
| Polen | 6,70 | 14,5 |
| Rumänien | 3,90 | 30,2 |
| Bulgarien | 2,10 | 16,9 |
| * Je geleisteter Stunde im Jahr 2007 Quelle: Statistisches Bundesamt | ||
Das ist umso erstaunlicher, weil gerade die Lohnnebenkosten laut der Studie des Fraunhofer Instituts immer wieder als Hauptmotiv für die Verlagerung ins Ausland angegeben werden. Genau dies sei aber problematisch, sagte Steffen Kinkel vom Fraunhofer Institut. Denn die Lohnkosten machten in vielen Betrieben nur noch rund zehn Prozent der Gesamtkosten aus. Profitieren könnten Betriebe von Produktionsverlagerungen vor allem dann, wenn dadurch auch neue Märkte erschlossen würden.
Tatsächlich dauert der Studie zufolge der Anlauf neuer Betriebsstätten im Ausland meist doppelt so lange wie geplant. Die Führung des ausländischen Standorts von Deutschland aus und die Qualifizierung der lokalen Belegschaft seien oft mehr als doppelt so teuer wie geplant. Zudem sei die Beschaffung von Rohstoffen im Ausland vielfach teurer als in Deutschland, wo die Firmen häufig auf ein lokales Zuliefernetz zurückgreifen könnten. Außerdem wird der Standort Deutschland in einem weiteren Punkt unterschätzt: Bei Entscheidungen für ausländische Standorte werde zudem oftmals nicht in Betracht gezogen, dass sich an Standorten in Deutschland meist 15 und 30 Prozent Kosteneinsparungen im Jahr erzielen ließen, heißt es in der Studie weiter.
| Lohnnebenkosten | |
| Land | Lohnnebenkosten* |
| EU Gesamt | 36 |
| Frankreich | 50 |
| Schweden | 50 |
| Belgien | 45 |
| Italien | 45 |
| Ungarn | 42 |
| Litauen | 40 |
| Österreich | 39 |
| Griechenland | 38 |
| Rumänien | 37 |
| Slowakei | 37 |
| Estland | 36 |
| Deutschland | 32 |
| Niederlande | 31 |
| Portugal | 30 |
| Vereinigtes Königreich | 28 |
| Finnland | 28 |
| Lettland | 27 |
| Bulgarien | 27 |
| Polen | 25 |
| Slowenien | 22 |
| Dänemark | 20 |
| Malta | 10 |
| *Auf 100 Euro Bruttolohn und -gehalt, Quelle: Statistisches Bundesamt | |
Mit Reuters und AP
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