Wirtschaft



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23.04.2008
 

Preisdumping

Bauern drohen mit Lieferboykott für Milch

Preisdiktat, Raubtierkapitalismus, Missbrauch der Marktmacht - Bauernpräsident Gerd Sonnleitner lässt keinen Zweifel daran, was er von den jüngsten Milchpreissenkungen hält. Der Verband der Milchbauern geht jetzt noch einen Schritt weiter - und droht mit einem Lieferboykott.

Berlin - Sollten die Bauern mit ihrer Drohung ernst machen, könnte es zu echten Lieferengpässen kommen. "Ein typisches regionales Lager fasst Milchvorräte für eineinhalb Tage", sagte der Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM), Thorsten Sehm, der "Berliner Zeitung". Und es ist gut möglich, dass es dazu kommt.

Protestierende Milchbauern: Lagerkapazität von eineinhalb Tagen
DPA

Protestierende Milchbauern: Lagerkapazität von eineinhalb Tagen

In einer Abstimmung hätten sich 88 Prozent der Mitglieder für einen Lieferboykott ausgesprochen, sagte Sehm. "Sinken die Preise wie zu erwarten weiter, dann bleibt uns kaum eine andere Möglichkeit als ein Lieferstopp." Der BDM vertritt rund ein Drittel der 100.000 Milchbauern in Deutschland.

Über die genaue Form des Protests äußerte sich der Verbandsvertreter nicht: "Genaues möchten wir aus taktischen Gründen nicht sagen, denn es soll ein Überraschungscoup werden. Aber soviel: Wir sind fest zum Handeln entschlossen." Die Aktion richtet sich gegen den deutschen Einzelhandel. Die Bauern werfen den großen Supermarktketten seit langem vor, ihre Marktmacht für ein Preisdiktat auszunutzen.

Baden-Württembergs Bauernverband will am heutigen Mittwoch gegen die Tiefpreise demonstrieren. Mehr als tausend Teilnehmer werden nach Angaben des Verbandes auf dem Stuttgarter Schlossplatz erwartet. In den kommenden Tagen soll es auch in Mecklenburg-Vorpommern Demonstrationen geben. Der dortige Bauernverband kündigte an, mit einem Traktoren-Corso die Stadt Teterow eine Stunde lang zu sperren.

Am Dienstag bereits hatten die Milchbauern ihrem Unmut mit Protesten vor Supermärkten Luft gemacht. Bauernpräsident Gerd Sonnleitner hatte vor allem den Discounter Aldi angegriffen. Er habe zum Schaden der Bauern seine Marktmacht missbraucht. "Das ist Raubtierkapitalismus."

Die führenden Discounter Aldi und Lidl sowie die Supermarktkette Rewe hatten den Milchpreis von 73 auf 61 Cent gesenkt. Der führende deutsche Lebensmittelhändler Edeka kündigte Milchpreissenkungen für die kommenden Tage an. Sonnleitner zufolge entsteht der deutschen Landwirtschaft dadurch ein Schaden von rund 650 Millionen Euro.

In Münster forderte der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) die Verbraucher - vor allem aber Bauernfamilien - auf, bis auf weiteres nicht in Aldi-Läden einzukaufen. Die neuen Preise seien Resultat eines Preisdiktats, mit dem vor allem Marktführer Aldi die Molkereien massiv unter Druck gesetzt habe, teilte der WLV mit.

Grund für die Senkungen sind nach Angaben des Milchindustrieverbandes, dass das Angebot derzeit größer ist als die Nachfrage. Zudem gebe es Exportschwierigkeiten durch eine geringere Preisstützung und den starken Euro.

Im Gegensatz dazu ziehen die Nahrungsmittelpreise weltweit seit Monaten um zweistellige, teils sogar dreistellige Raten an. Das Welternährungsprogramm der Uno muss deswegen bereits in den nächsten Tagen die ersten Hilfsprojekte einstellen. Bei der Organisation spricht man von einem "stillen Tsunami": Die hohen Kosten für Lebensmittel drohten auf allen Kontinenten der Erde mehr als hundert Millionen Menschen in den Hunger zu treiben.

Die Entwicklung führte in einigen Entwicklungsländern bereits zu sozialen Unruhen. Die Ursachen sind vielfältig: von einer steigenden Nachfrage über veränderte Ernährungsgewohnheiten bis hin zum verstärkten Einsatz von Agrarrohstoffen zur Biospritproduktion.

mik/AFP/Reuters/dpa

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