Von Susanne Amann
Hamburg - Die Botschaft der Landwirte war überdeutlich: "Was da passiert, ist Zerstörung pur, das ist Raubtierkapitalismus", wetterte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Gerd Sonnleitner, in der vergangenen Woche gegen den Lebensmitteleinzelhandel. Und er meinte die Discounter: Zuerst Aldi, später auch Lidl, Rewe und Edeka hatten die Preise für frische Milch um bis zu zehn Cent pro Liter gesenkt und damit den wütenden Protest der Milchbauern provoziert.
Dabei sind es nicht in erster Linie die Discounter, die den Preis für Milch drücken. Dass die Landwirte zu wenig an einem Liter verdienen, liegt auch an einer Instanz, die sich derzeit vornehm im Hintergrund hält: den rund 200 Molkereien, die es bundesweit gibt.
Alle sechs Monate handeln sie mit den großen Einzelhandelsketten die Preise aus. Bei den Molkereien bleibt ein Großteil des Geldes, das an der Milch verdient wird. Nach aktuellen Berechnungen des Instituts für Ernährungswirtschaft erhalten Milchbauern knapp 49 Prozent des Milchpreises, über Mehrwertsteuer und Grünen Punkt gehen zehn Prozent an den Staat, der vielgeschmähte Lebensmitteleinzelhandel bekommt ebenfalls knapp zehn Prozent - und satte 34 Prozent verbleiben bei den Molkereien.
Das Milchgesetz und seine absurden Folgen
An denen nämlich kommt keiner vorbei. Das liegt vor allem an dem deutschen Milchgesetz, das jeden Bauern verpflichtet, seine Frischmilch pasteurisieren, also erhitzen und damit keimfrei machen zu lassen. Die überwiegend genossenschaftlich organisierten Molkereien nehmen die Milch der Bauern ab und verhandeln hinterher über den Preis - und das nicht immer zugunsten der Landwirte.
Vor allem die Branchenriesen wie Alois Müller oder Campina stehen dabei immer wieder in der Kritik, denn von ihnen sind Hunderte von Milchbauern abhängig: Die Molkereien verhandeln mit den großen Abnehmern wie Aldi, Lidl und anderen Supermarktketten - und haben dabei nur ein Ziel: die Milch beim Bauern möglichst billig zu kaufen und beim Supermarkt möglichst teuer zu verkaufen. Das geht meist zu Lasten des schwächsten Gliedes in der Kette - den Bauern. "Wir erwarten von den Molkereien, dass sie sich endlich ihrer Verantwortung stellen und mit den Milcherzeugern im Hinblick auf einen funktionierenden Markt zusammenarbeiten", wütete deshalb auch schon der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter.
| Milchpreisvergleich | ||||
| Marke | Fettgehalt | Frisch-/H-Milch | Alter Preis* | Neuer Preis** |
| Landliebe | 3,8% | Frisch | 1,19 | 1,19 |
| Weihenstephan | 3,8% | Frisch | 1,09 | 1,09 |
| Weihenstephan | 1,5% | Frisch | 0,89 | 1,05 |
| Mark Brandenburg | 3,8% | Frisch | 0,89 | 0,85 |
| Tip | 3,8% | Frisch | 0,73 | 0,61 |
| *Preis pro Liter am 10.4.08 **Preis pro Liter am 26.4.08 Quelle: Foodwatch |
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"Im Gegensatz zur Milchpreiszusammensetzung der Durchschnittsmilch fließen hier zehn bis 25 Cent extra an die Molkerei", sagt Foodwatch-Experte Wolfschmidt. Und das, obwohl sich gerade Landliebe als "authentische" und "heimische" Milchmarke präsentiert: "Landliebe steht für ehrliche Produkte für den täglichen Konsum", heißt es bei der Großmolkerei Campina, deren wichtigstes Produkt Landliebe ist. 300 Millionen Euro Umsatz im Jahr macht Campina mit Landliebe - auch, weil der Name zu den bekanntesten Marken Deutschlands zählt.
Der Verbraucher werde im Glauben gelassen, für die "frische Landmilch" deshalb so viel zu zahlen, weil er damit eine besondere Qualität garantiert bekomme, kritisiert Foodwatch. Dabei ist gerade das nicht der Fall: "Versprechen wie 'artgerechte Tierhaltung', 'traditionelle Verfahren' und 'Art der Fütterung' sind weder klar definiert noch überprüfbar", kritisiert Wolfschmidt.
"Käufer haben keinen Einfluss"
Eine Kritik, die Campina nicht auf sich sitzen lassen will: Die Einhaltung der strengen Richtlinien würde intern, aber auch durch externe Institute kontrolliert und begutachtet, heißt es in einer Stellungnahme des Unternehmens. Und auch die Kritik am hohen Milchpreis versteht man nicht: "Wir zahlen das aus, was wir am Markt bekommen", sagt Sprecherin Ria van der Peet. Das seien derzeit 37 Cent. Der Rest des Geldes werde reinvestiert, man müsse schließlich auch an "morgen und übermorgen denken".
Eine Argumentation, die Foodwatch nicht überzeugt: Landliebe unterscheide sich nicht groß von anderer, konventioneller Milch - außer durch den 20- bis 50-prozentigen Preisaufschlag. "Die Verbraucher haben mit ihrer Kaufentscheidung tatsächlich keinen Einfluss auf den Preis, den die Bauern für ihre Milch bekommen - und können deshalb ihre konventionelle Milch auch gleich im Discounter kaufen", sagt Wolfschmidt von Foodwatch. Wer wirklich wolle, dass Bauern mehr verdienen, der sollte deshalb zu Biomilch greifen - denn die Hersteller zahlen ihren Bauern deutlich mehr.
Bestes Beispiel dafür ist die kleine Upländer Bauern Molkerei, die schon seit Oktober 2006 von jedem Liter Frischmilch einen sogenannten Erzeuger-Aufschlag an ihre Bauern weitergibt. "Steigende Betriebsausgaben und ein gleichzeitig sinkender Milchpreis machen es den Betrieben immer schwerer, ihre Existenz zu sichern", heißt es dazu bei der Molkerei. Deshalb gehen von jedem Liter Milch noch einmal fünf Cent extra an den Bauern.
Was die Bauern freut, kommt auch beim Kunden an: "Es wird deutlich mehr gekauft, die Käufer entscheiden sich bewusst für die teurere Milch", sagt Andreas Siegert von der Upländer Molkerei. Tatsächlich scheint das Konzept die Verbraucher zu überzeugen - die Molkerei verkauft inzwischen 30 Prozent mehr Milch.
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