Wirtschaft



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04.05.2008
 

McKinsey-Studie

Millionen droht sozialer Abstieg

Agenda 2020: Der Beraterkonzern McKinsey hat die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands in einer Studie untersucht. Ihr Ergebnis: Großen Teilen der Mittelschicht droht der soziale Abstieg - es sei denn, das Land schafft in entscheidenden Zukunftsbranchen deutlich mehr Wachstum.

Hamburg - Die Warnungen der Unternehmensberater sind nicht zu überhören. Die Wirtschaft in der Bundesrepublik ist längst nicht dynamisch genug, um den Wohlstand und die Sozialstandards im Land zu halten, ergibt die neue McKinsey-Studie "Deutschland 2020".

Die Botschaft der Studie: Wenn das Wachstum nicht deutlich anzieht, bekommt Deutschland ein soziales Problem. Die Mittelschicht "gerät weiter unter Druck, weil die wirtschaftliche Basis für den Wohlstand breiter Bevölkerungsteile entfällt".

McKinsey legt in zwei Szenarien dar, dass einige Branchen zum entscheidenden neuen Wachstumsmotor werden dürften. Im sogenannten Basisszenario wird die Entwicklung der vergangenen Jahre fortgeschrieben: Wenn es bis 2020 bei 1,7 Prozent jährlichem Wachstum bleibt, sind 2,5 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze zu erwarten. Das klingt zunächst vielversprechend, zumal Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten oft eine deutlich schlechtere Konjunktur hatte.

Doch in Wahrheit droht schon bei diesem Wachstumstempo der Mittelschicht ein empfindlicher Wohlstandsverlust: Bis 2020 würden zehn Millionen Menschen weniger zur Mitte zählen als noch Anfang der neunziger Jahre. Bisher bekommen 54 Prozent der Deutschen ein Einkommen im mittleren Bereich (70 bis 150 Prozent des Durchschnittseinkommens von 25.000 Euro pro Kopf der deutschen Bevölkerung). 2020 wären es dann weniger als 50 Prozent.

"Erhebliche Dynamik" nötig für heutigen Lebensstandard

Im sogenannten Chancenszenario entwerfen die Unternehmensberater eine Alternativrechnung mit drei Prozent jährlichem Wachstum. Eine solche "erhebliche Dynamisierung der Wirtschaft" sei ebenso möglich wie erforderlich, "um die gewohnten Lebens- und Sozialstandards zu halten". Nur so könnten breite Schichten der Bevölkerung vom Aufschwung profitieren und Sozialsysteme gesichert werden.

Konkret: Das mittlere Einkommen würde 2020 gegenüber 2006 von 25.000 Euro auf rund 36.000 Euro steigen. Insgesamt gebe es 6,1 Millionen zusätzliche Jobs, mehr Ältere und Frauen müssten arbeiten, junge Menschen schneller ausgebildet werden. Der Mangel an hochqualifizierten Fachkräften wäre "das vordringliche Problem", die Sozialsysteme würden deutlich entlastet, schreiben die Berater. Auch gering Qualifizierte bekämen als Haushaltshilfen oder im Einzelhandel verstärkt Jobs. Am Ende gebe es zwar noch 700.000 Arbeitslose - faktisch würde dies allerdings Vollbeschäftigung bedeuten.

Boombranchen im Basis- und Zukunftsszenario: Die McKinsey-Prognose für 2020
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McKinsey

Boombranchen im Basis- und Zukunftsszenario: Die McKinsey-Prognose für 2020

Nicht alle bisherigen klassischen Wachstumsbranchen werden für einen solchen Boom noch wichtig sein. Die Autobranche wird der Studie zufolge zwar eine Schlüsselindustrie bleiben, aber ihre Rolle als Jobmotor im Inland verlieren und trotzdem enorme Anstrengungen unternehmen müssen. Sie wächst den Prognosen zufolge deutlich schwächer als alle anderen untersuchten Branchen in Deutschland (siehe Grafik und Fotostrecke).

"Die Industrie wird ihre herausragende Rolle in Deutschland behaupten", schreiben die Autoren. "Wichtig sind aber auch die signifikanten Wachstumspotentiale im Dienstleistungssektor." Konkret sollen der Hightech-, Chemie- und Umwelttechniksektor, die Transport- und Logistikbranche, der Handel und das Gesundheitswesen die meisten neuen Jobs schaffen.

Unternehmerfreundliche Reformen gefordert

Bis zu 4,8 Prozent jährliches Wachstum in diesen Branchen bringt laut McKinsey bis zu 1,9 Prozent mehr Arbeitsplätze. Um die drei Prozent Wachstum zu erreichen, schlägt McKinsey mehrere Maßnahmen vor, die ausdrücklich nicht als "politische Agenda" für 2020 verstanden werden sollen, sondern als Diskussionsbeitrag. Deutschlands Wachstumsmodell habe zuletzt fast ausschließlich auf Produktivitätsgewinnen beruht. Dieses Konzept stoße an seine Grenzen. Jetzt brauche es Wachstum durch Innovation, einen guten Umgang mit den weltwirtschaftlichen Trends und bessere Rahmenbedingungen:

  • besserer Zugang zu den Kapitalmärkten für eine effizientere Unternehmensfinanzierung, außerdem eine nicht näher definierte Stärkung des Unternehmertums,
  • Reform der Hochschulen hin zu mehr Profilbildung und Wettbewerb, Chancengleichheit im Bildungswesen und Qualifizierung von Arbeitnehmern, insgesamt Ausbildung von einer Million Akademiker,
  • gezielte Investitionen in Infrastruktur wichtiger Branchen wie Telekom-, Energie- und Verkehrsnetze, denn ohne massive Investitionen sei die weltweite Spitzenposition in diesem Bereich in Gefahr.

Dass die Unternehmensberater dabei auch an einen Rückzug des Staates und Deregulierung denken, machen sie in mehreren Kapiteln klar. Damit es mehr Haushaltshelfer-Jobs gibt, brauche es "für Anbieter wie Nachfrager" einen attraktiven Rahmen - dann könne die Branche ein wichtiger Jobmotor werden.

Ähnliche Töne gibt es im Kapitel über das Gesundheitswesen, aus dem die "Welt" zitiert. Binnen Jahren könnte dort eine Million neuer Jobs entstehen - allerdings brauche es eine stärkere finanzielle Eigenbeteiligung der Patienten und einen weitgehenden Rückzug der öffentlichen Hand. Solche Reformen vorausgesetzt, könne die Branche überdurchschnittlich um 3,3 Prozent pro Jahr wachsen.

plö

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Die neuesten Beiträge:
14.05.2008 von mahrud: Wahre Worte

Vollkommen richtig. Michael1171 hat aber in einem Punkt nicht unrecht: Unternehmensberater wie McKinsey sind tatsächlich 1. "nicht umsonst" und 2. "sehr erfolgreich". Wobei sich "erfolgreich" vor [...] mehr...

14.05.2008 von jinky: sinnvoll

Schon klar. Deshalb habe ich auch 'sinnvoll' statt 'maximal profitabel' gesagt, was in meinem zugegebenermaßen etwas antiquierten Sprachgebrauch nicht synonym ist. mehr...

11.05.2008 von Rainer Daeschler: Zwitter zwischen Versorgungsauftrag und unternehmerischer Freiheit

Zitat von Sackaboner Früher hat die Bundespost jedem Einsiedler eine Telefonleitung bis nach Schwartenkrachdorf gelegt. Das war ein Riesenaufwand, aber das war Ehrensache. Ehrensache, das Wort existiert heute nicht mehr, weil [...] mehr...

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Diese Berater werden oft gebucht, um die Position eines Entscheidungsträger zu unterstützen, völlig unabhängig, ob es zum Wohl des Unternehmens, Amts oder Ministeriums und somit des Steuerzahlers ist. Ein Minister oder Leiter [...] mehr...

11.05.2008 von jinky: Schwartenkrachdorf

Nein, das war nicht Ehrensache, sondern schlicht und ergreifend vernünftig. Manche Dinge werden erst dann richtig sinnvoll, wenn sie flächendeckend zur Verfügung stehen. mehr...

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