Aus Nangahar berichtet Martin Fütterer
Die Rosenernte beginnt jeden Morgen um zehn Uhr. Die Bauern aus der Sippe der Wadam wandern dann über ihre fast fünf Hektar großen Blumenfelder im kleinen Tal Inseray und zupfen die Blüten von den Stauden. Ab April ist Erntezeit, jeder Rosenstrauch wirft im Verlauf der Saison zwei bis drei Kilo Blüten ab.
Die Pflege der Pflanzen, die Ernte - das alle ist ein mühsames, ein zeitraubendes Geschäft. Bis eine Rosenstaude voll trägt, wächst sie vier Jahre. Die Felder brauchen viel Hege, damit sie nicht verwildern. Alle Blüten müssen eingesammelt sein, bevor die Sonne das Öl aus den Pflanzen saugt. An der Sammelstelle für Blüten hängt deshalb ein warnendes Transparent: "Bauern, pflückt eure Rosenblüten früh", steht darauf, "sonst blast ihr euer Geld in den Wind".
Der Rosenanbau ist trotz alledem zu einem Boomgeschäft geworden in diesem Teil der afghanischen Provinz Nangarhar, nicht weit von der Qaida-Festung Tora Bora. Und das hat auch mit deutscher Hilfe zu tun. Es war die private Entwicklungshilfeorganisation Deutsche Welthungerhilfe, die den Bauern vorschlug, hier Rosen zu pflanzen - anstelle von Schlafmohn, dem Agrarrohstoff, aus dem Opium gewonnen wird.
Der Mohnanbau ist Big Business in Afghanistan, rund 90 Prozent der Opium-Weltproduktion kommt von hier. Bis 2004 hat auch die Sippe der Wadam vom Volk der Paschtunen noch Schlafmohn gepflanzt. "Wir wissen, dass Opium schlecht ist, und auch der Islam verbietet ja den Genuss von Drogen", gesteht Mohammad, der zweitälteste der Brüder Wadam. "Aber unsere Familien hatten Hunger und wir keine andere Wahl."
Die Wadam gehörten zu den ersten, die sich umbesannen, als sich eine Alternative bot. Die Welthungerhilfe errichtete in ihrem Tal zwei Destillen, in denen Rosenöl und Rosenwasser gewonnen werden. Das Öl wird nach Deutschland exportiert, der schwäbische Arzneihersteller Wala setzt es als Duft- und Wirkstoff in Naturkosmetik ein.
Rund 5000 Euro bezahlt Wala der Welthungerhilfe für einen Liter Rosenöl. Etwa sechzig Prozent davon geht direkt an die afghanischen Bauern - ein hoher Prozentsatz, wenn man bedenkt, dass die Bauern nur Rohware liefern. Denn die Verarbeitung und Vermarktung erledigt die Hungerhilfe. Sie sorgt auch dafür, dass die Rosen ordnungsgemäß zertifiziert werden - als "biologisch angebaut". Kunstdünger und Pestizide kommen hier nicht an die Pflanzen.
"Viele Bäume waren durch Handgranaten zerstört"
Mohammad, der zweitälteste der Brüder Wadam, sitzt im Versammlungshaus des Inseray-Tales, als er vom neuen Geschäft mit den Blütenblättern erzählt. Zwanzig Männer aus dem Dorf und der Nachbarschaft hören kritisch zu, als er die Fragen deutscher Gäste beantwortet. Zwei Kinder schmiegen sich an den Mann, während er spricht.
Die Wadam-Sippe hat Einfluss hier, schon seit rund tausend Jahren bewirtschaftet sie das Tal. Die Wadam leiten ihre Herkunft direkt von der Familie des Propheten Mohammed ab. Der Urgroßvater galt als besonders heilig. An seinem Grab binden Frauen Tücher an die Bäume, wenn sie sich Kinder wünschen oder einen hübschen Ehemann.
Doch auch die Wadam mussten während der Bürgerkriegswirren der neunziger Jahre ins nahegelegene Pakistan fliehen - ebenso wie fünf Millionen andere Afghanen. Es war eine der größten Flüchtlingsbewegungen weltweit seit dem Zweiten Weltkrieg. Zwölf Jahre schlugen die Wadam sich als Lastwagenfahrer und Tagelöhner durch. Als die Taliban eine trügerische Ruhe im Land geschaffen hatten, kehrte die Sippe in ihr Tal zurück - und fand es besetzt vor.
Die "Araber" von Osama Bin Laden hatten das herrenlose Gebiet für zehn Jahre gepachtet, nutzten es als Trainingsareal und Hauptquartier. Der Taliban-Gouverneur Maulawi Kabir entschied den Streit um das Land 1999 durch eine Volksbefragung. Die Bewohner der umliegenden Dörfer stimmten mehrheitlich dafür, den Wadam ihr Land zurückzugeben. Die Kämpfer sollten in ein anderes, unbewohntes Tal abziehen.
"Unser Land war verwahrlost", berichtet Mohammad seinen deutschen Gästen. "Die Felder lagen brach und waren verkrautet, viele Bäume waren durch Schießübungen und Handgranaten zerstört. Beim Abzug haben die Kämpfer aus Ärger noch vieles beschädigt und alles Wertvolle mitgenommen. Es hat uns fast das Herz gebrochen, unsere Heimat so geschunden zu sehen."
Der Traum: eine eigene Destille
Von diesen Schäden ist heute nichts mehr zu sehen. Über dem Tal liegt der angenehme Duft der Rosen. Insgesamt neun Hektar Ackerland bebauen die Wadam, die eine Hälfte mit ihren Rosen, die andere mit Weizen.
"Dieses Jahr werden wir dreimal mehr Rosen ernten als im vergangenen – Inschallah, wenn Gott will", sagt Mohammad Wadam. Die Prognose liegt bei 2,5 Tonnen für die ganze Sippe, wenn das Wetter mitspielt.
Bisher hatten die Bauern kein Glück damit: Nach einem harten Winter ließ ein scharfer Frühlingswind den Schnee verdunsten, der sonst mit Schmelzwasser die Flüsse gespeist hätte. Ein guter Teil der Getreideernte ist vertrocknet. Dafür regnete es zur Rosenernte ganz unerwartet. Der Niederschlag löst die Blüten von den Rosenstöcken und erhöht die Gefahr von Fäulnis und Pilzkrankheiten.
Die meisten der 266 Rosenbauern in der Region sind zufrieden. Nur einige, verschuldet oder in dringender Geldnot, denken daran, wieder zum Mohnanbau zurückzukehren. Doch auch Mohn ist als Einkommensquelle unzuverlässig. Dieses Jahr sind die Opiumpreise im Keller - denn nach der Rekordernte von 2007 sind die Lager der Großhändler voll.
Mohammad Wadam jedenfalls will beim Rosenanbau bleiben. "Der Weizenpreis steigt und fällt. Aber die Rosen sind ein Segen. Wir haben weniger Arbeit damit als mit dem Mohn und brauchen weniger Wasser. Wenn die Welthungerhilfe weiter stabile Preise bezahlt, werden wir dabei bleiben. Und vielleicht richten wir auch noch eine eigene Destille ein."
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