Wirtschaft



ThemaFinanzkrise ab 2007RSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
14.05.2008
 

Großbaustelle New York

Kreditkrise stoppt Mega-Projekt in Manhattan

Von Marc Pitzke, New York

Herber Rückschlag für New York: Manhattans ehrgeizigstes Bauprojekt seit Jahrzehnten ist geplatzt, die Umwandlung der Hudson Railyards in ein futuristisches Geschäftszentrum wurde abgeblasen. Schuld ist die Kreditkrise.

New York - Es war der größte Immobilien-Coup in Manhattans jüngster Geschichte: Ende März sicherte sich der Bau- und Investmentkonzern Tishman Speyer die letzte Industriebrache der Stadt, 10,5 Hektar auf der West Side der Skyscaper-Insel. Eine Milliarde Dollar wollte Tishman für die Hudson Railyards hinblättern. Auf dem Gleisgelände, das fast doppelt so groß ist wie Ground Zero, versprach das Unternehmen ein völlig neues Stadtviertel zu errichten - gläserne Wolkenkratzer, Wohnblocks, Parks, Plazas.

Doch knapp sieben Wochen später ist das ambitionierte Mega-Projekt jetzt vorerst geplatzt. New Yorks Verkehrsgesellschaft MTA, der das Areal gehört, und Tishman trennten sich im Streit, noch bevor der Pachtvertrag unterzeichnet war. Stattdessen wird das teuerste verbliebene Großbaugrundstück New Yorks - dessen futuristische Reinkarnation als Geschäfts- und Finanzzentrum zeitweise sogar als "eine neue Wall Street" vermarktet wurde - jetzt womöglich häppchenweise verscherbelt.

So sterben Visionen. Der Hauptgrund dieses Milliardendebakels: die Kreditkrise. Die Idee einer neuen Mitte Manhattans scheiterte an der Finanzierung, ein herber Schlag für die Stadt - wie auch für eine der prominentesten Immobilien- und Investmentfirmen vor Ort, der unter anderem das legendäre Rockefeller Center und das Chrysler Building gehören.

Es war schon ein schlechtes Omen, dass Tishmans Finanzpartner Morgan Stanley Chart zeigen absprang. Die Investmentbank, die auf den Railyards eine ganz neue Firmenzentrale errichten wollte, wäre als Hauptmieter für den Löwenanteil der enormen, fortlaufenden Projektkosten aufgekommen. Denn außer der Milliardenpacht, die Tishman an die MTA zahlen sollte, würde es allein mindestens zwei Milliarden Dollar kosten, das aktive Gleisgestrüpp mit einer gigantischen Plattform zuzudeckeln - noch bevor ein einziges der sündhaft teuren Gebäude darauf entstehen könnte.

Offizielle Begründung für Morgan Stanleys Rückzug: die Planungsunsicherheit des Vorhabens, das auch noch einer langwierigen Umweltverträglichkeitsprüfung unterzogen werden müsste. Stanley erklärte, man fürchte, dass die Bauten bis 2013, wenn die Bank aus ihrem jetzigen Hauptquartier am Times Square ausziehen muss, nicht fertig würden.

Eine weitere, inoffizielle Begründung kann man sich aber denken: Wegen der Kreditkrise fuhr Morgan Stanley im vierten Quartal 2007 einen Verlust von 3,6 Milliarden Dollar ein - der erste Quartalsverlust in der Geschichte des Unternehmens. Auch wird es, wie jetzt bekannt wurde, rund 1500 Stellen streichen müssen. Da bleibt vorerst wenig Luft für Wolkenkratzer-Gigantomanien.

Und so blieb Tishman auf sich gestellt. Vergeblich versuchte das Unternehmen, andere Geldgeber und Mieter für die geplanten Bürotürme aufzutreiben. Doch selbst die Großverlage Condé Nast ("Vanity Fair", "New Yorker") und Rupert Murdochs News Corporation ("Wall Street Journal"), die beide selbst mit einer Umsiedlung auf die Railyards geliebäugelt hatten, winkten ab. Die Zeit wurde knapp. Eine erste Anzahlung von 20 Millionen Dollar auf ein Treuhandkonto war bald fällig.

Dann trennte sich Tishman nach US-Presseberichten auch noch von dem deutsch-amerikanischen Stararchitekten Helmut Jahn, der schon das Sony Center am Potsdamer Platz in Berlin entworfen hatte. In Manhattan entwickelte Jahn den Masterplan, der mit großem Brimborium und opulenten Computergrafiken der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

Jahns erste Entwürfe für die Railyards sahen vier Glas-Wolkenkratzer mit insgesamt einer Million Quadratmetern Bürofläche vor. Dazu Wohnhäuser mit rund 3000 Apartments, eine Schule, ein Kulturzentrum sowie fünf Hektar Freifläche und Parks. Eine Plaza mit einer Freitreppe, die auf den Designskizzen mit der Spanischen Treppe in Rom verglichen wurde, sollte als "New Yorks neuer Marktplatz" dienen. All dies wird nun wohl nicht mehr Realität.

Überdies stritten sich Tishman und die MTA über den teils noch ungewissen Bebauungs- und Nutzungsplan für das Areal - sowie über den weiter fraglichen Anschluss an die U-Bahn, die vom Times Square herübergezogen werden müsste. Tishman forderte angeblich neue Finanzgarantien, sollte dies mehr als 2,1 Milliarden Dollar kosten.

Vergeblicher Appell des Bürgermeisters

Alle diese Argumente, vermuten Beobachter, waren am Ende aber nur Vorwände für den von den Kosten überwältigten, plötzlich partnerlosen Konzern. "Wahrscheinlich hat Tishman es sich wegen der Kreditkrise einfach anders überlegt", schreibt der stets gut informierte Immobilienblog Curbed. Das glaubt auch Steve Cuozzo, Lokalkolumnist der "New York Post": "Konzernchef Jerry Speyer spürt die Kreditschraube, er bekam kalte Füße und sucht nun einen Ausweg, bei dem er das Gesicht wahren kann."

Als Tishman die Bedingungen des Deals schließlich zu seinen Gunsten revidieren und Vertragsabschluss und Zahlungsfristen verzögern wollte, hatte die MTA die Nase voll und kündigte den Deal. "Wir waren außer Stande, zu einem Konsens zu kommen", sagte MTA-Finanzchef Gary Dellaverson. Selbst eine persönliche Intervention von Bürgermeister Michael Bloomberg ("Der Plan ist keineswegs tot") und zwei letzte Krisentreffen halfen nichts: Am Dienstag war endgültig Schluss.

Nun werden Alternativpläne für die Railyards erwogen - meist eine Nummer kleiner als die Tishman-Pläne. Die MTA erwägt, das Gelände erneut auszuschreiben, was eine Reihe früherer Interessenten zurück ins Spiel bringen könnte, darunter die Tishman-Rivalen Durst, Vornado und Related Companies. Die konnten beim ersten Wettbieten nicht mithalten, dürften jetzt aber auf eine Billig-Chance hoffen, da sich die Verhandlungsposition der MTA natürlich dramatisch verschlechtert hat.

"Wir müssen genau überlegen, wie wir das bezahlen"

Der demokratische Landesabgeordnete Richard Brodsky brachte unterdessen im Parlament von New York ein Gesetz an, um die Railyards der MTA ganz zu entreißen und einer neuen Behörde zu unterstellen. Die, so sagte er dem "New York Observer", könnte das Gelände dann "Stück für Stück an Bauunternehmer verkaufen, so wie sie dazu in der Lage sind".

Kleinkram statt Großkotz: Mit den Railyard-Visionen stirbt ein weiteres Mega-Projekt New Yorks wegen der Kreditkrise. Zuvor war schon die Expansion des Kongresszentrums sang- und klanglos beerdigt worden. Die seit Jahrzehnten erträumten und kürzlich fast greifbaren Neubauten der Pennsylvania Station und des alten Madison Square Gardens stehen nun wieder in den Sternen. Der sensationelle Entwurf des spanischen Architekten Santiago Calatrava für den neuen U-Bahnhof an Ground Zero wurde aus Budgetgründen kleingestutzt. Kein Wunder, dass Bürgermeister Bloomberg hoffte, jetzt wenigstens die Railyards zu retten.

Doch Bloomberg weiß nur zu gut, was er selbst vorige Woche seinem Stadtrat verordnet hat, als er seinen neuen Sparhaushalt vorlegte: Sogar New York, das mit am Tropf der Wall Street hängt, schnallt dieser Tage den Gürtel enger. "Es ist klar, dass wir uns nicht mehr alles leisten können", sagte der Stadtplaner Robert Yaro der "New York Times". "Wir müssen uns genau überlegen, was wir bauen wollen - und wie wir das dann bezahlen."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
alles zum Thema Finanzkrise ab 2007

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP