Wirtschaft



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24.05.2008
 

Steuerskandal bei Security-Firma

Phantom im Wachdienst

Von Barbara Schmid

Gehaltsschecks für Tote, Praktikanten als Fachpersonal: Eine Düsseldorfer Sicherheitsfirma soll im großen Stil Steuern hinterzogen und Sozialmissbrauch betrieben haben. Eine bundesweite Razzia brachte erste Beweise - doch die Ermittler interessiert vor allem: Wie viel wusste Firmenchef Klüh?

Düsseldorf - Für das Unternehmen Klüh arbeiten offenbar ganz besondere Menschen. Männer im Greisenalter, die ohne fremde Hilfe kaum noch laufen können, bewachen Messe-Stände; ein frisch Verstorbener soll noch mal eben seine eigene Kündigung unterschreiben; und Gehaltsschecks werden auf Personen ausgestellt, die gar keinen Schimmer davon haben, dass sie bei Klüh beschäftigt sind.

Zur Klärung solcher Mysterien rückte am vergangenen Dienstag unter der Leitung der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft eine mächtige Truppe aus: 246 Steuerfahnder, Staatsanwälte und Fachleute der Finanzkontrolle Schwarzarbeit vom Zoll. Sie führten eine bundesweite Razzia in 21 Objekte der Klüh-Tochterfirma Security GmbH durch. Der Vorwurf lautet auf Steuerhinterziehung und Schädigung der Sozialkassen in Millionenhöhe.

Es geht, sollten die Anschuldigungen zutreffen, einmal mehr um ein perfides Sparmodell, für das die Branche der Gebäudereiniger und Sicherheitsunternehmen traditionell anfällig scheint. Eine Praxis, die viele Verlierer kennt: Menschen mit kleinen Einkommen, bei denen es nie zu einer vernünftigen Rente reichen wird; der Staat, dem Milliarden an Steuern entgehen; und nicht zuletzt auch die Sozialversicherungen, denen Beiträge vorenthalten werden und die zugleich für Sozialfälle aufkommen müssen, die ein solches System produziert.

Märchenhochzeit mit Graziella

Der Umsatz von Klühs Security hingegen ist im vergangenen Geschäftsjahr kräftig gewachsen, um 17,2 Prozent. Weltweit arbeiten mehr als 35.000 Menschen für den Düsseldorfer Unternehmer Josef Klüh, 66, der sich vom Fensterputzer zu einem der Größten in dem Gewerbe hochgearbeitet hat. Ein Düsseldorfer Lokalmatador, der "Express" berichtete im Sommer 2006 groß über seine Märchenhochzeit mit der 30 Jahre jüngeren Graziella.

Im letzten Herbst war Josef Klüh ganz oben, durfte Kanzlerin Angela Merkel zum Staatsbesuch nach Indien begleiten. Der kleine Saubermann in den teuren Maßanzügen bekam von den Mitreisenden schnell einen Spitznamen verpasst: "Ebby Thust", in Anlehnung an den schrillen Boxpromoter – Klühs überdimensionierte Sonnenbrille hatte sie darauf gebracht.

Seine Leute feudeln Klinikböden in China, erledigen Hausmeisteraufgaben in Wolkenkratzern von Abu Dhabi, machen die Betten im Ritz-Carlton nahe dem Roten Platz in Moskau, bewachen Bundeswehrkasernen in der Eifel und filzen das Gepäck am Düsseldorfer Flughafen.

Nicht der erste Steuerskandal

Im Visier der Behörden befindet sich der global operierende Dienstleister seit Jahren. Als Klüh noch Präsident der Düsseldorfer Eislauf-Gemeinschaft (DEG) war, bunkerte er in den neunziger Jahren Geld in schwarzen Kassen, um damit die Nettowünsche der Eishockeyprofis zu erfüllen – seine DEG war damals eine Art FC Bayern auf Kufen.

Wegen Steuerhinterziehung musste Klüh Ende 2000 anderthalb Millionen Mark Strafe nachzahlen. Eine hohe Geldstrafe war fällig, als Unregelmäßigkeiten bei einer seiner Reinigungsfirmen aufgedeckt wurden. Ganz aktuell läuft ein Verfahren gegen die Klüh-Tochter Proper. Hier sollen über Jahre die Unterlagen von abgelehnten Bewerbern missbraucht worden sein, um Arbeitsverträge zu fingieren. Das Unternehmen konnte dazu am vergangen Freitag keine Erklärung abgeben.

Das nun die Security GmbH unter Verdacht stehe, so lässt Klüh erklären, habe mit den "haltlosen" Vorwürfen von zwei geschassten Mitarbeitern zu tun. Er hält es für eine "Frechheit", ihn nach seiner Verantwortung für die Vergehen in seinen Firmen zu fragen. Zwar gehört ihm das verschachtelte Imperium ganz allein, die Firmentöchter seien aber über deren Geschäftsführer selbst verantwortlich.

Praktikanten als Fachpersonal

Die Ermittler haben keine Zweifel an der betrügerischen Buchhaltung, ihnen liegen viele Aussagen und eindeutige Belege vor. Wenn etwa ein offiziell Angestellter Überstunden machte, wurden diese mit Barschecks der SEB Bank bezahlt. Ausgestellt waren die Schecks auf die Namen von Mitarbeitern, die früher mal für Klüh gearbeitet haben und nun als Mini-Jobber weitergeführt werden. Mindestens einer von ihnen lag schon im Pflegeheim, während immer noch Gehaltsschecks eingelöst wurden, die seinen Namen trugen. Als das auffiel, sollte er seine Kündigung unterschreiben – doch da war der Mann gerade verstorben.

Wochen wird es dauern, bis die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft die sichergestellten Computer und Akten durchforstet hat. In die Litanei der Vorwürfe aufnehmen werden die Ermittler, dass Klüh Hartz-IV-Empfänger länger als zulässig für sich arbeiten ließ; und dass eigene Kunden betrogen wurden, indem man Praktikanten als Fachpersonal in Rechnung stellte. Solche Praktikanten werden aber vom Arbeitsamt bezahlt, zur Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen.

Ob und was der Firmen-Patriarch Klüh von all dem gewusst hat, wollen die Ermittler in den nächsten Wochen von seinen Mitarbeitern herausbekommen. Die Nervosität ist groß, nachdem man ihnen bedeutet hat, dass sie darüber auch gerne in Untersuchungshaft nachdenken können.

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