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28.05.2008
 

Verdacht auf Insiderhandel

Polizei nimmt Ex-EADS-Chef in Gewahrsam

Von Susanne Amann und Anselm Waldermann

Es wird eng für Noël Forgeard: Der ehemalige Co-Chef des Rüstungsriesen EADS ist von der französischen Polizei wegen des Verdachts auf Insiderhandel in Gewahrsam genommen worden. Forgeard hat die Vorwürfe bisher immer abgestritten - das beeindruckt die Ermittler nicht.

Paris - Manchmal gibt es Zufälle, die eine unfreiwillige Symbolik entfalten: Die Straße, die der ehemalige EADS Chart zeigen-Konzernchef Noël Forgeard am späten Mittwochvormittag zum Verhör entlang ging, ist eine Einbahnstraße. Der Smart, mit dem der 61-Jährige von seinem Anwalt Jean-Alain Michel zu der Vernehmung gefahren wurde, musste um die Ecke parken.

Ex-EADS-Chef Forgeard (Mitte) vor seiner Vernehmung: Der ehemalige Top-Manager trat eher unscheinbar auf
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AFP

Ex-EADS-Chef Forgeard (Mitte) vor seiner Vernehmung: Der ehemalige Top-Manager trat eher unscheinbar auf

Auch sonst begann die Vernehmung des ehemaligen Topmanagers bei der Finanzaufsicht erst einmal unauffällig: Bekleidet mit einem sportlichen, braunen Jackett und nur in Begleitung von Anwalt Michel betrat Forgeard das Gebäude, wo er zu den Vorwürfen des Insiderhandels vernommen werden sollte. Die französische Börsenaufsicht AMF und die Polizei werfen Forgeard vor, 2005 und 2006 Aktien mit Insiderwissen verkauft zu haben. Forgeard soll wenige Tage, bevor die Lieferverzögerungen beim Großraumjet A380 bekannt wurden, in großem Stil Aktien verkauft und damit Millionen verdient haben.

Bislang hatte Forgeard diese Vorwürfe entschieden zurückgewiesen. Im Laufe der Vernehmung wurde aber klar, dass sich die Ermittler dadurch wenig beeindrucken lassen: Forgeard wurde in Polizeigewahrsam genommen - was zur Folge hat, dass die Ermittler den ehemaligen Rüstungschef ohne richterlichen Beschluss 48 Stunden festhalten und befragen können.

Neben der Finanzpolizei hat auch die französische Börsenaufsicht AMF ein Sanktionsverfahren eingeleitet. Und zwar nicht nur gegen Forgeard, sondern auch gegen 17 EADS-Manager, darunter den amtierenden Airbus-Chef Thomas Enders, der vor der A380-Krise zwei Aktienpakete verkauft hatte. Im Bericht der AMF, der an die Staatsanwaltschaft übermittelt wurde, ist von "massivem Insiderhandel" zwischen Ende 2005 und Anfang 2006 die Rede.

Die Vorgeschichte der Affäre beginnt am 7. März 2006. Damals kam der EADS-Verwaltungsrat zu einer alles entscheidenden Sitzung zusammen. Laut "La Tribune" sprachen die obersten Konzernaufseher erstmals über mögliche Lieferprobleme beim Riesenflugzeug A380. Diskutiert wurde unter anderem über "schwere industrielle Schwierigkeiten und sich daraus ergebende Lieferverzögerungen".

Ergebnis der Sitzung: Statt 29 Maschinen wie geplant werde man im darauf folgenden Jahr wohl nur 24 ausliefern können. Pikant dabei: Im Protokoll der Aufsichtsratssitzung wurde nichts davon festgehalten.

Trotzdem wurden die beteiligten Personen aktiv - und zwar am Aktienmarkt. Noch am selben Tag begannen Spitzenmanager, EADS-Optionen zu verkaufen. Allen voran Konzern-Co-Chef Forgeard: Im gesamten Monat März soll er dadurch einen Gewinn von 2,5 Millionen Euro erzielt haben.

EADS-Marketing- und Strategiechef Jean-Paul Gut soll 1,15 Millionen Euro eingenommen haben, vier weitere EADS-Vorstandsmitglieder machten offenbar Gewinne zwischen 365.000 und 1,2 Millionen Euro. Der deutsche Chef der Rüstungssparte, Stefan Zoller, soll 492.880 Euro verbucht haben.

Auch Daimler steht in Verdacht

Offiziell teilte EADS die A380-Probleme erst am 13. Juni 2006 mit - drei Monate nach der Aufsichtsratssitzung. Der Aktienkurs des Unternehmens rauschte daraufhin 26 Prozent in die Tiefe. Seitdem stehen die verantwortlichen Manager im Verdacht, marktrelevante Informationen zurückgehalten und sich mittels ihres Insiderwissens selbst bereichert zu haben.

In der Folgezeit weitete sich der Skandal sogar noch aus. So gerieten auch die Hauptaktionäre Daimler und Lagardère ins Zwielicht: Sie hatten in den fraglichen Monaten ebenfalls Aktien verkauft - und zwar nicht gerade wenige. In beiden Fällen ging es um je 7,5 Prozent des EADS-Kapitals, ein Viertel des jeweiligen Aktienpakets. Nach Ermittlungen der französischen Börsenaufsicht sollen hochrangige Daimler-Manager schon seit der entscheidenden Verwaltungsratssitzung am 7. März 2006 von den A380-Problemen gewusst haben.

Zusätzliche Nahrung erhielt der Insiderverdacht durch eine Äußerung des früheren EADS-Co-Chefs und jetzigen Airbus-Chefs Thomas Enders, im Unternehmen bekannt als "Major Tom". Im kleinen Kreis erklärte er Ende 2006, warum er im Gegensatz zu anderen Managern Mitte März auf die Ausübung der ihm zustehenden Aktienoptionen verzichtet habe: "Ich hielt einen Verkauf aufgrund der mir damals vorliegenden Informationen nicht für opportun." Das klingt, als habe Enders von den Schwierigkeiten beim A380 gewusst, ein Aktienverkauf hätte sich für ihn auch gelohnt, aber er wollte sich nicht in Verdacht bringen.

Abfindung von sechs Millionen Euro

Gebracht hat das Enders allerdings nichts. Denn seit Oktober 2007 untersucht die französische Börsenaufsicht AMF auch seine eigenen Aktienkäufe. Enders hatte zuletzt im November 2005 EADS-Aktien verkauft. Er selbst argumentiert, damals sei das A380-Debakel definitiv nicht absehbar gewesen.

Insgesamt gehen die AMF-Kontrolleure gegen 17 Manager vor, außerdem gegen Daimler und Lagardère. Alle Beschuldigten streiten die Vorwürfe ab. Selbst der ehemalige französische Regierungschef Dominique de Villepin soll von den umstrittenen Aktiengeschäften gewusst haben. Das behauptet zumindest EADS-Großaktionär Arnaud Largadère, Villepin selbst weist dies zurück. Sollten sich die Anschuldigungen erhärten, drohen den Verantwortlichen Geldbußen in Millionenhöhe und sogar Haftstrafen.

Besonders bitter ist das Versagen der EADS-Manager, weil die Mitarbeiter die Hauptlast tragen. Denn wegen der A380-Probleme legte Airbus im vergangenen Jahr das Sanierungsprogramm "Power 8" auf. Wichtigster Punkt der Maßnahme: 10.000 Jobs fallen weg.

Nur einer konnte sich freuen: Ex-Chef Forgeard. Presseberichten zufolge hat sich der Manager seinen EADS-Abgang mit einer ordentlichen Summe versüßen lassen. Die Rede war von mehr als sechs Millionen Euro.

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