Wirtschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
29.05.2008
 

Telekom und die Presse

Pannen, Panik, Paranoia

Verfolgungswahn in Bonn: 2005 und 2006 drangen ständig Telekom-Interna an die Presse, der Konzern fahndete mit Geheimdienstmethoden nach Verrätern. Tatsächlich waren nicht Einzelne Schuld an den Indiskretionen - sondern verheerende Managementfehler, analysiert Thomas Hillenbrand.

Hamburg - Jedes Frühjahr veranstaltet die Telekom ihr Internationales Pressekolloquium, kurz IPK. Es ist das Medienevent des Dax-Konzerns. Die Bonner laden Dutzende Journalisten aus aller Herren Länder ein, zeigen neue Produkte, präsentieren ihre Geschäftsstrategie. Höhepunkt der Zusammenkunft für die Presse ist eine Party, auf der man sich ungezwungen mit Telekom-Vorständen und anderen Top-Managern austauschen kann. Wenn es neben der Hauptversammlung einen Pflichttermin für den Telekom-Boss gibt, dann ist es diese Feier.

Ex-Telekom-Chef Ricke: Panische Angst vor der Presse
Zur Großansicht
AP

Ex-Telekom-Chef Ricke: Panische Angst vor der Presse

Vorstandschef Kai-Uwe Ricke tauchte im März 2006 auf seiner eigenen Party nicht auf. Warum? Der ohnehin medienscheue Telekom-Boss hatte ganz offenkundig panische Angst vor der Presse entwickelt. Nicht ganz ohne Grund: Er hatte gerade seine Gewinnprognose verfehlt und einen umfangreichen Stellenabbau angekündigt. Die Kunden flohen in Scharen. Da geht man unangenehmen Fragen gerne aus dem Weg. Nach diesem Pflichttermin im Berliner Funkturm schwänzte Ricke 2006 auch die obligate Party bei der Computermesse Cebit.

Den meisten meiner Kollegen war Rickes U-Boot-Taktik zu diesem Zeitpunkt egal. Mir auch, denn die Informationen aus dem Inneren der Magenta-Behörde flossen überreichlich. Ob "Capital", "Wirtschaftswoche", "Financial Times Deutschland" oder SPIEGEL - alle paar Tage grub ein auf die Telekom angesetzter Fachredakteur eine exklusive Geschichte aus und gab die Meldung an die Nachrichtenagenturen: "Russen wollen bei Telekom einsteigen" (FTD), "Machtkampf im Telekom-Vorstand" (WiWo) - und so weiter.

Krieg der Sparten

Bei der Telekom gab es im Umgang mit Journalisten zu diesem Zeitpunkt keinerlei Disziplin mehr. Ricke soll intern beklagt haben, dass die Telekom "löchrig wie ein Schweizer Käse" sei. Schuld daran war auch er selbst: Der Ende 2006 wegen fortgesetzter Erfolglosigkeit abgesägte Vorstandschef hatte in seiner vierjährigen Amtszeit nach meinem Eindruck ein Klima der Paranoia und der Missgunst geschaffen, wie ich es bis dahin in keinem anderen Großkonzern erlebt habe. Er ließ es zu, dass die drei Konzernsparten T-Mobile (Mobilfunk), T-Com (Festnetz) und T-Systems (Geschäftskunden) von ihren Chefs René Obermann, Walter Raizner und Lothar Pauly wie eigenständige Fürstentümer geführt wurden.

Zwischen den Dreien herrschte Krieg. Mal fand es Obermann ärgerlich, dass Raizner auch Handys verkaufen durfte. Mal wollte Pauly Raizner eine neue EDV bauen, Raizner kaufte die aber lieber bei IBM. In internen Sitzungen gab es Schreiduelle zwischen den Vorständen. Entsprechend bekämpften sich auch die Vasallen der verschiedenen Chefs bis aufs Blut. Jeder bei der Telekom - ob Manager, Gewerkschafter oder externer Dienstleister - war 2006 auf irgendwen sauer, weil der ihm das Projekt zerschossen oder sonst wie Steine in den Weg gelegt hatte. Und alle wollten der Presse ihre Sicht der Dinge darlegen.

"Rufen Sie dazu bitte deren Pressestelle an"

Selbst die Pressestellen des Konzerns bekämpften einander. Ganz richtig, Plural: Die Ricke-Telekom hatte nicht eine Anlaufstelle für Journalisten, sonder vier. Eine für jeden der Spartenfürsten, eine für Ricke. "Rufen Sie dazu bitte deren Pressestelle an", war ein Standardsatz. Ich habe selbst erlebt, wie der Kommunikationschef der Sparte X eine Medienveranstaltung hinter dem Rücken der Sparte Y organisierte. Irgendwann rief mich dann eine der anderen Pressestellen an und riet mir, die Rede des betreffenden Vorstands von Sparte X nicht so ernst zu nehmen.

Miteinander sprachen die verschiedenen Kommunikationsleute offenbar selten. "Ich bekomme die Pressemitteilungen von T-Mobile auch erst eine halbe Stunde, bevor sie eine Meldung rausgeben", klagte etwa ein PR-Mann einer verfeindeten Konzerneinheit.

Personalien, Gewinnprognosen, Produktstarts - dass in einem derartigen Klima alles irgendwo durchsickert und niemand mehr in der Pressestelle anruft, hätte bei der Telekom eigentlich niemanden verwundern dürfen. Trotzdem hatte sich in Bonn bei einigen Herren wohl die fixe Idee festgesetzt, es gebe die eine undichte Stelle, das eine Leck, das man nur stopfen müsse - und dann werde sich die Lage beruhigen.

Mehrfach bin ich mit dieser Leck-Theorie konfrontiert worden. Obwohl ich, wie jeder Journalist, auf die Frage "Wo haben Sie das denn her?" beharrlich schwieg, breiteten Presseleute und Manager immer wieder ungefragt ihre Hypothesen vor mir aus. Das Maß an Realitätsferne war dabei erschreckend.

Bloß nicht das T-Mobile-Handy benutzen

Festnetz-Boss Raizner etwa glaubte, es sei "das verdammte Middle-Management", das andauernd quatsche. Ein Pressesprecher hatte einen bestimmten Ex-Mitarbeiter im Verdacht. Ein anderer mutmaßte, die Betriebsräte würden der Presse ständig geheime Unterlagen zuschustern. Oder ein intriganter Unternehmensberater. Dass die Telekom in Wahrheit an hundert Stellen leckte, weil sich alle im Konzern irgendwie hassten, kam anscheinend niemandem in den Sinn.

Als der Konzern Mitarbeiter, Aufsichtsräte und Journalisten zu bespitzeln begann, um "das Leck" zu finden, fiel das den Betroffenen zunächst nicht auf. Allerdings erscheint einem so manches im Nachhinein seltsam. Einige meiner Kontakte bestanden seinerzeit darauf, nicht über ein Telekom-Handy zu telefonieren, sondern verwendeten Geräte von E-Plus oder Vodafone.

Ich fand das damals ein bisschen paranoid. Aber offenbar wussten die Telekom-Insider besser als ich, wozu ihr Unternehmen fähig war.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 14 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
30.05.2008 von a_guy_called_gerald: zumwinkel, ricke etc. und die verantwortung

zumwinkel, ricke und co. können ruhig schlafen. man kann ihnen maximal nachweisen, dass sie den sicherheitschef beauftragt haben nach dem leck zu suchen. für exaufsichtsrats- und exvorstandsvorsitzenden ist das nur ein lästiges [...] mehr...

29.05.2008 von rabenkrähe: Stasi ist doch Alltag

..... Das triffts es ja nun nicht so ganz, weil bei der Telekom eben nicht nur die Kunden und untere Chargen ausspioniert wurden, sondern leitende Mitarbeiter. Witzig ist die Aufregung darüber in einem Staat, in dem [...] mehr...

29.05.2008 von cfweber: Sachverstand ist gefragt - von wem eigentlich?

Manager - die Blinden ordnen die Farbenlehre. Betroffen sind alle Bereiche, in denen Manager vorkommen. Bildung ist nicht mehr nötig, ob in Wirtschaft, Kultur oder Politik. Wo der Sachverstand fehlt, wird ein Alibi gebastelt [...] mehr...

29.05.2008 von Fensterladen: @keymac,

vor allem keine Führungskräfte, die nicht(!) an Selbstüberschätzung, jungdynamischer Arroganz und/oder Überheblichkeit leiden! Versteckt werden gegenüber den Angestellten und Kunden soll dies durch "jugendliche Werbung" [...] mehr...

29.05.2008 von the_flying_horse: Nieten...

Das traurige dabei ist, daß diese Nieten für so viele Arbeitsplätze verantwortlich sind und mit menschlichen Schicksalen spielen wie andere Monopoly. Aber es wird, wie so immer, nicht viel dabei heraus kommen. Die [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
alles zum Thema Spitzelaffäre bei der Telekom

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP