Lebensmittelkrise
Uno-Ernährungsgipfel enttäuscht die Hungernden
Von Kristin Joachim
Es sollte der Auftakt für den weltweiten Kampf gegen Hunger werden: Doch am Ende bleiben vage Formulierungen und der Eindruck von mutlosen Politikern. Die Welternährungskonferenz in Rom ließ eine große Chance ungenutzt - konkrete Maßnahmen wurden nicht beschlossen.
Hamburg - Bis zum Schluss haben die 193 Teilnehmerländer um eine Einigung gerungen. Wegen heftiger Auseinandersetzungen über Randfragen wie die US-Sanktionen gegen Kuba drohte die Konferenz der Welternährungsorganisation der Uno (FAO) ohne eine Lösung für die Probleme der Hungerkrise zu enden. Am Donnerstag hatten die Teilnehmer über Biokraftstoffe und Gentechnik in der Landwirtschaft gestritten. Das Schlussdokument enttäuscht diejenigen, die mit realen Problemlösungen gerechnet haben.
Dabei hatten sich die Teilnehmer der Konferenz viel vorgenommen. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte "verbindliche Verpflichtungen" für den Kampf gegen Hunger und FAO-Generaldirektor Jaques Diouf sagte zum Auftakt in Rom: "Die Zeit des Redens ist vorbei. Jetzt ist die Zeit zu handeln."
Handeln wollten aber nur Staats- und Regierungschefs aus 40 Ländern. Sie waren seit Dienstag in Rom zur Konferenz der Welternährungsorganisation zusammengekommen. Gemeinsam suchten sie nach Strategien, um der weltweiten Hungerkrise ein Ende zu setzen.
In zahlreichen ärmeren Ländern war es in den vergangenen Monaten wegen der teuren Lebensmittel verstärkt zu krisenartigen Zuständen gekommen, in manchen Ländern kam es sogar zu gewaltsamen Protesten. Höhere Energiekosten, eine stärkere Nachfrage nach Nahrungsmitteln in Asien, Spekulationsgeschäfte auf Terminbörsen und der Biosprit-Boom werden als Hauptursachen für den Anstieg der Preise genannt. Und genau hier wollten die Teilnehmerländer der Konferenz ansetzen.
Im Schlussdokument tauchen jetzt nur wenige konkrete Maßnahmen auf.
Professor Manfred Zeller, Experte für internationale Agrar- und Entwicklungspolitik an der Universität Hohenheim, ist enttäuscht: "Meine Erwartungen und auch die der meisten Teilnehmerländer wurden nicht erfüllt. Es fehlen konkrete Maßnahmen und Zusagen der nationalen Geberländer. Es ist nur die Rede von Absichtserklärungen und von Etaterhöhungen. Die nationalen Regierungen hätten sich aber konkret entschließen müssen, ihre Hilfen zu verdoppeln oder zu verdreifachen, auf jeden Fall konkrete Zahlen zu nennen." Immerhin habe die Konferenz das Thema Hunger wieder in den Vordergrund gerückt. Insgesamt sei die Chance aber vertan worden, effizient gegen die Hungerkrise vorzugehen.
Zeller bewertet die festgehaltenen Maßnahmen im Schlussdokument der FAO-Konferenz als nicht ausreichend:
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Biosprit: Vor allem die USA sehen keinen Zusammenhang zwischen dem schnell steigenden Anbau von Pflanzen zur Biospritproduktion und den hohen Lebensmittelpreisen. Es wurde heftig diskutiert, nach Zellers Meinung aber am Thema vorbei: "Als Erstes müssen wir folgende Mechanismen akzeptieren: Ab jetzt sind Nahrungsmittel- und Energiepreise unvermeidbar miteinander verbunden. Und Energiepreise werden weiter steigen. Da die global begrenzte Anbaufläche zunehmend ausgereizt ist, bleibt nur, die Produktivität der Felder zu steigern. Hierfür sind jedoch massive Investitionen in Agrarforschung und die Verbreitung und Anwendung von neuen und an die jeweiligen Standortbedingungen angepassten Technologien Voraussetzung."
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Subventionen: Die Finanzhilfen der Industrieländer für ihre eigenen Landwirtschaft wurden nicht angetastet. "Ich hätte mir gewünscht, dass EU und OECD zum Beispiel die Subventionen für Biosprit herunterfahren und das Geld dementsprechend in Forschungsausgaben für ertragreichere nachwachsende Rohstoffe stecken würden." Stattdessen wurde ein Beschluss erlassen, die Auswirkungen der Produktion auf die Lebensmittelversorgung wissenschaftlich zu untersuchen.
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Zölle: Unfaire internationale Handelpraktiken wurden in der Konferenz angesprochen. Auch hier gab es heftige Diskussionen. Besonders Argentinien setzte sich dafür ein, den Abbau der Zölle in das Abschlussdokument aufzunehmen. Die Industrieländer lehnten das dagegen ab. Deshalb wurden auch in diesem Punkt keine konkreten Maßnahmen festgehalten. "Gerade der Liberalisierung der Märkte kommt aber eine entscheidende Bedeutung für die Senkung der Lebensmittelpreise zu", sagt Zeller. "Wir können doch nicht von den Entwicklungsländern verlangen, sich dem Markt zu öffnen und uns selbst abschotten."
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Agrarförderung in Entwicklungsländern: "Zugang zu Krediten in Form von Mikrokrediten oder Fonds, Investitionen in ländliche Infrastruktur, Aufbau genossenschaftlicher Vereinigungen und landwirtschaftliche Beratungen in den Entwicklungsländern sind konkrete Maßnahmen, die ich mir gewünscht hätte," sagt Zöller. Die FAO-Konferenz hält diese Maßnahmen zwar allgemein fest, in welcher konkreten Form sie umgesetzt werden sollen, bleibt allerdings offen.
Insgesamt wurde der Fokus auf kurzfristige Maßnahmen gelegt. 2,5 Milliarden Dollar Soforthilfen an Nahrungsmittel fließen jetzt in die Entwicklungsländer, um die drängenden Hungerprobleme zu lösen. Die strukturellen, langfristigen Probleme löse das aber nicht, sagt Zöller.
Auch internationale Hilfsorganisationen und die afrikanischen Staaten bezeichnen die Abschlusserklärung als "mageres Ergebnis". Sie kritisieren vor allem die "Mutlosigkeit" des dreitägigen Welternährungsgipfels in Rom. Die Schlusserklärung löse das Problem des weltweiten Hungers nicht. Laut Uno müsste die Lebensmittelproduktion weltweit bis 2050 um 50 Prozent steigen, um die Nachfrage zu decken.
Zöller hofft nun, dass die Themen der Welthungerkrise noch einmal auf dem G8-Gipfel im Juli in Japan angesprochen werden - und erwartet dort etwas mehr Mut.
Warum die Lebensmittelpreise so hoch sind
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In China, Indien und anderen Schwellenländern wächst die Mittelschicht, die sich dank ihres neuen Wohlstandes anders ernährt. Und das heißt: mehr Fleisch und Milch, weniger Reis und Gemüse. Für die Herstellung von Fleisch benötigt man allerdings vergleichsweise viel pflanzliche Nahrung, so müssen etwa für eine Kalorie Rindfleisch sieben Kalorien Pflanzennahrung verfüttert werden. Zwar ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch mit 50 Kilogramm pro Jahr schon heute mehr als halb so hoch wie in den Industrieländern. Trotzdem gab es in dem Land zuletzt eine Überproduktion an Reise und anderen Grundnahrungsmitteln. Das Land führte zuletzt netto noch Fleisch aus. Nur bei Sojabohnen und Futtermittel für Hühner wurde im großen Stil importiert.
Laut Weltbank ist es der verstärkte Anbau der sogenannten Energiepflanzen, der je nach Land 30 bis 70 Prozent der Preissteigerungen verursacht haben könnte. Denn vor allem in Europa und den USA werden immer häufiger Mais, Raps, Futterrüben oder Zuckerrohr mit dem Ziel angebaut, daraus Biokraftstoffe zu gewinnen. Damit soll die Abhängigkeit von Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas vermindert werden und der Ausstoß von Kohlendioxid verringert werden. Experten schätzen, dass die Biospritherstellung derzeit weltweit mit jährlich sechs Milliarden US-Dollar subventioniert wird, allein in der EU fließen jedes Jahr 90 Millionen Euro an Subventionen. Allerdings bemängeln Kritiker, dass der Anbau von Energiepflanzen zu Lasten von Wasser, Boden und Biodiversität gehe. Dazu kommt die verschärfte Konkurrenz um Anbauflächen.
Längst wird an den internationalen Börsen auch mit Papieren gehandelt, die auf die Preisentwicklung bei Lebensmitteln setzen. Experten vermuten, dass etwa ein Viertel des Preisanstiegs bei den Nahrungsmitteln auf Spekulationsgeschäfte zurückzuführen ist. Welchen Einfluss diese Handelsströme haben, hat sich am Beispiel der Ukraine gezeigt: Als das Land beschloss, mehr Raps für die EU anzubauen, stieg der langfristige Weizenpreis um ein Drittel. Als US-Präsident George Bush ankündigte, Bio-Ethanol zu fördern, verdoppelte sich der Zuckerpreis.
Ein Teil des Preisanstiegs der vergangenen Monate ist auf normale wie vorübergehende Faktoren zurückzuführen: In einigen Teilen der Welt kam es durch Dürre oder heftige Regenfälle in den vergangenen zwei Jahren zu schlechten Ernten. So hat Australien, immerhin einer der größten Weizenexporteure der Welt, 2006 und 2007 massiv unter Trockenheit gelitten; die Ernte sank von 25 Millionen Tonnen Weizen auf 13 Millionen Tonnen. Auch in der EU ernteten die Bauern zehn Millionen Tonnen weniger Getreide als erwartet - gleichzeitig sind die Lager der EU so leer wie noch nie. Denn in den vergangenen Jahren war es das erklärte Ziel, die Überproduktion abzubauen.
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