SPIEGEL ONLINE: Frau Bosse, die EU hat festgestellt, dass Frauen durchnittlich 15 Prozent weniger verdienen als Männer. Woran liegt das?
Bosse: Das hat mit den klassischen Frauenberufen zu tun, die traditionell schlechter bezahlt wurden - also etwa alle Berufe im sozialen Bereich. Das spiegelt sich bis heute im Gehaltsniveau wider.
SPIEGEL ONLINE: Sind Frauen dann aber nicht auch selbst schuld, dass sie so wenig verdienen? Sie könnten sich ja auch einfach für andere Berufe entscheiden.
Bosse: Im Gegensatz zu Männern haben sich Frauen einfach jahrzehntelang nicht als Brotverdiener verstanden. Das beginnt sich jetzt langsam zu ändern - und damit wird sich hoffentlich auch irgendwann die Lücke bei den Gehältern und den Führungspositionen ändern.
SPIEGEL ONLINE: Die deutsche Familienministerin hat vor kurzem in einem Interview mit dem SPIEGEL gesagt, Gleichberechtigung sei erreicht, wenn mittelmäßige Frauen in Führungspositionen sind. Wie lange wird das noch dauern?
Bosse: Das ist noch ein langer Weg - leider. Zum einen müssen dafür Männer nach Führungsnachwuchs Ausschau halten, der nicht genauso ist wie sie selbst. Zum anderen müssen Frauen die Führungspositionen auch wirklich wollen.
SPIEGEL ONLINE: Ist das der Grund, warum Frauen es nicht nach oben schaffen - obwohl sie die besseren Schul- und Universitätsabschlüsse machen?
Bosse: Ja - denn immer noch haben viele Frauen Angst davor, keine gute Mutter oder keine gute Frau zu sein, wenn sie auch noch beruflich erfolgreich sind. Sie müssen da etwas cooler werden. Dabei ist es eigentlich ziemlich einfach: Sie müssen mit Ihrem Partner die Dinge teilen - egal, ob im Haushalt oder im Beruf. Meistens bremsen nicht nur gesellschaftlichen Erwartungen, sondern auch die Ansprüche, die die Frauen an sich selbst stellen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben es trotz Ihrer vier Kinder nach oben geschafft. Was hat Sie auf diesem Weg am meisten an Ihren männlichen Kollegen geärgert?
Bosse: Ich bin tatsächlich sehr von Männern gefördert worden. Das waren glückliche Zufälle, aber ich habe auch gezielt danach gesucht.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem wird es Situationen gegeben haben, in denen Sie sich geärgert haben?
Bosse: Klar, ich war immer mal wieder genervt von blöden Sprüchen. Wir hatten zum Beispiel einmal den Fall, dass zu einem Termin auch die Ehepartner eingeladen werden sollten. Einer der Kollegen bestand partout darauf, von "Ehefrauen" zu sprechen - obwohl ich mehrmals daran erinnerte, dass ich einen "Ehemann" habe. Wir konnten uns nicht darauf einigen, auch die "Ehepartner" einzuladen. Sie treffen immer wieder auf dieses beschränkte Denken - da hilft es nur, zu sich selbst zu sagen: Okay, nicht aufregen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben drei Diplome in Jura und BWL - muss man als Frau dreimal so gut sein wie ein Mann, um in eine Führungsposition zu kommen?
Stine Bosse: Frauen müssen mindestens genauso klug und ein bisschen mutiger sein als Männer. Und Frauen müssen ein bisschen mehr an sich glauben als sie das normalerweise tun.
SPIEGEL ONLINE: Fragen wir mal umgekehrt: Hatten Sie es manchmal auch einfacher, gerade weil Sie eine Frau sind?
Bosse: Dieser Vorwurf wurde mir vor allem später häufiger gemacht - und ich habe ihn erstmal vehement abgelehnt. Inzwischen denke ich: Ja, es gibt Vorteile als Frau, man bekommt mehr Aufmerksamkeit. Das kann auch von Vorteil sein.
SPIEGEL ONLINE: Was machen Frauen denn anders, wenn sie Macht haben?
Bosse: Ohne soziale und emotionale Fähigkeiten können Sie keinen Konzern mehr leiten. Das können Frauen gut, aber natürlich brauchen sie auch eine harte Seite. Trotzdem gilt: Frauen und Männer ergänzen sich: Wenn Männer alleine arbeiten, ist der Ansatz oft weniger ganzheitlich, Frauen alleine sind weniger fokussiert. Als Individuum müssen sie beides vereinen.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es in Ihrem Verhalten trotzdem etwas charakteristisch Weibliches?
Bosse: Das ist eine schwierige Frage. Ich spreche vielleicht offener darüber, dass wir uns um die Mitarbeiter und das Unternehmen kümmern müssen. Wahrscheinlich gibt es auch Männer, die das tun - aber insgesamt ist es eine eher weibliche Eigenschaft. Das wäre aber das Einzige, was mir dazu einfällt.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es trotzdem Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Chefs?
Bosse: Frauen werden meistens für weicher gehalten. Das ist total falsch - wir sind in vielen Situationen härter als viele denken. Es gibt Unterschiede, aber das Wichtigste ist, dass wir den besseren Job machen.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem schaffen es nur wenige Frauen nach oben…
Bosse: Ich war lange Jahre die einzige Frau im Aufsichtsrat. Irgendwann beauftragte ich einen Headhunter, der mir eine weitere qualifizierte Frau suchen sollte. Der erklärte mir dann dauernd, dass es eine Frau mit dem Profil, das ich suchte, nicht gebe. Das hat mich unheimlich wütend gemacht, denn wenn man so an eine Suche herangeht, erstaunt es nicht, dass man niemanden findet. Natürlich haben wir trotzdem eine Frau gefunden, die hochqualifiziert ist und einen hervorragenden Job macht.
SPIEGEL ONLINE: In Deutschland heißt es immer: Wenn Frauen erfolgreich sein wollen, müssen sie die besseren Männer sein.
Bosse: Das ist Quatsch. Ich habe mich nie so verhalten - und das fängt schon bei der Kleidung an: Ich trage Röcke - ich bin keine Frau in Männerkleidung. Heutzutage sind Unterschiede interessant, da kann es doch sogar eine Chance sein, anders auszusehen. Mein Rat ist: Weiblich bleiben und anerkennen, dass man als Frau mit einer weiblichen Einstellung an Probleme herangeht.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem wäre die Wahrscheinlichkeit gering, dass Sie in Deutschland CEO geworden wären. Nur zehn Prozent der Führungspositionen sind mit Frauen besetzt. Was können deutsche Frauen von Ihnen lernen?
Bosse: Das ist genau das gleiche in Dänemark. Ich glaube, in diesem Punkt können Frauen aus allen Ländern voneinander lernen. Es gibt nur sehr, sehr wenige Länder, die besser sind. Finnland zum Beispiel, in Russland oder die Türkei.
SPIEGEL ONLINE: Die Norweger haben deshalb eine Frauenquote für Aufsichtsräte eingeführt…
Bosse: Vor drei Jahren hätte ich gesagt: Quote - niemals. Jemanden nur einzustellen, weil er eine Frau ist, hätte mir nicht gereicht. Inzwischen sehe ich das anders: Die Erfahrung in Norwegen zeigt, dass es viele hochqualifizierte Frauen gibt, die anders nicht in diese Jobs gekommen wären.
SPIEGEL ONLINE: Skandinavien gilt in Deutschland als Insel der Glückseligen: Gute Schulausbildung, Gleichberechtigung und die Möglichkeit, Familie und Beruf zu vereinbaren. Von was träumen Sie denn noch in punkto Gleichberechtigung?
Bosse: Ich träume davon, dass auch in Skandinavien endlich Realität wird, was die Deutschen dort für Normalität halten.
Das Interview führte Susanne Amann
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