Wirtschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
14.06.2008
 

Gefährliches Unwissen

Jedem zweiten Deutschen fehlt Finanz-Kompetenz

Immer mehr Menschen sorgen sich um ihre Finanzen - wirklich kompetent sind die wenigsten. Das Umfrageinstitut Ipos kam zu einem ernüchternden Ergebnis: Fast jeder zweite Bundesbürger weiß nicht genug, um wichtige Geldfragen selbständig und vernünftig entscheiden zu können.

Hamburg - Die Deutschen sind ein Volk der Selbstüberschätzung - zumindest, wenn es um Finanzfragen geht. Sieben von zehn Deutschen behaupten, sich in Geld- und Finanzfragen gut auszukennen. Hakt man allerdings nach, erklären 56 Prozent, die Aussage, "keine Ahnung vom Börsengeschehen" zu haben, treffe auf sie "eher" oder "voll" zu. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage hervor, die das Mannheimer Institut für praxisorientierte Sozialforschung (Ipos) im Auftrag des Bundesverbands deutscher Banken durchgeführt hat und die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Insgesamt wurden 1006 über 18-Jährigen Fragen zu ihrem Wirtschafts- und Börsenwissen sowie zu ihrer persönlichen Finanzplanung gestellt. Das traurige Ergebnis: "Erkennbare Defizite in Teilen der Bevölkerung, wenn es um die Regelung ihrer Finanzangelegenheiten geht."

Das Bizarre daran: Die Sorge um den eigenen Geldbeutel und die finanzielle Zukunft wächst - das Interesse an Wirtschaft und Börse lässt aber immer mehr nach. So erklärten 68 Prozent der Befragten, sich regelmäßig mit den eigenen Finanzen zu beschäftigen - 2006 sagten das nur 52 Prozent. 82 Prozent sagten jetzt außerdem, sie beschäftigten sich ernsthaft mit der eigenen Altersvorsorge. 2006 waren es nur 78 Prozent.

Gleichzeitig bekunden aber 37 Prozent, lediglich "etwas" Interesse an Wirtschaft zu haben, 2006 waren nur 33 Prozent derart wenig interessiert. 22 Prozent outeten sich jetzt sogar als gänzlich desinteressiert an ökonomischen Themen - im Gegensatz zu 16 Prozent 2006.

Hinsichtlich der Vorgänge am Aktienmarkt zeigten sich vor allem Frauen vollkommen unwissend: Rund 72 Prozent der weiblichen Befragten zwischen 18 und 34 gaben unumwunden zu, keine Ahnung von der Börse zu haben.

Wirtschaft als Schulfach

Wenn es um das Regeln der eigenen Finanzen geht, müssen viele Bundesbürger offenbar auf ihren Bankberater setzen - und auf das Prinzip Hoffnung. Auch wenn diese Schlussfolgerung der Bankenverband freilich nicht teilen will. "Wer schlecht beraten wird, sucht sich eine neue Bank", sagt der Geschäftsführer des Bankenverbands Manfred Weber zu SPIEGEL ONLINE.

Trotzdem - auch er gesteht ein: "Es ist leider kein Einzelfall, dass Menschen viel Geld in Aktien eines einzigen Unternehmens investieren, nur weil sie Gutes darüber in der Zeitung gelesen haben". Selbst die Binsenweisheit, dass man besser nicht nur auf ein Papier setzten sollte, hat sich offenbar noch nicht überall herumgesprochen.

Um dem Abhilfe zu schaffen, plädiert der Bankenverband seit geraumer Zeit für die Einführung eines Schulfachs Wirtschaft. "Auch Jugendliche weisen erhebliche Wissenslücken im Bereich Wirtschaft und Finanzen auf", sagt Weber dazu. Und es könne nicht ausreichen, wirtschaftliche Fragestellungen mal nebenbei im Gemeinschaftskundeunterricht oder irgendeinem anderen Fach abzuhandeln.

Ähnlich sieht das auch die Bundesregierung: Zumindest Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) hat sich jetzt anlässlich der Feier zum 60. Jahrestag der Sozialen Marktwirtschaft für ein eigenständiges Fach ausgesprochen. Wirtschaft dürfe in Schulen "nicht länger Anhängsel der Sozialkunde" sein, sagte er.

Angesichts der Ipos-Umfrage scheint Glos' Sorge um die Finanzkompetenzen der Jugend berechtigt. 39 Prozent der befragten 18- bis 24-Jährigen erklärten, keinerlei Interesse an Wirtschaft zu haben - "etwas" Interesse äußerten 36 Prozent. Derart gleichgültig zeigte sich gegenüber ökonomischen Fragestellungen keine andere Altersgruppe.

ase

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 403 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
10.11.2010 von serdna: Und ?

Dass der vollkommene Markt eine theoretische Annahme ist, finden Sie in jedem Lehrbuch zur Mikroökonomie, es sind übrigens ein paar Prämissen mehr. - homogene Güter - keine persönlichen Präferenzen (hübsche Verkäufern) - [...] mehr...

10.11.2010 von ergoprox:

Das ist alles richtig, besonders der erste Absatz. Erzählen Sie das doch mal Herrn Franz, dem "Mister Kratoffelmarkt" Sinn, und vielleicht auch Hr. Straubhaar, den Kollegen von der EBS vielleicht auch noch? ;-) mehr...

10.11.2010 von serdna: Häh ?

Ich glaube irgendwas ist da schief gelaufen bei Ihnen. Sowohl im POLYPOL wie auch im MONOPOL werden Gewinne gemacht, allerdings ist der Polypolist ein Mengenanpasser, er passt sich mit der Menge an den gegebenen Marktpreis an, [...] mehr...

10.11.2010 von ergoprox:

Das ist wohl richtig. Erzählen Sie das doch bitte mal Herrn "Kartoffelmarkt" Sinn oder vielleicht Herrn Straubhaar, oder Fratzscher oder Franz.... mehr...

09.11.2010 von Lord Solar Plexus:

Aber dieses Walras-Modell ist doch nach meiner Kenntnis nur ein rechnerisches Modell, dessen Grundprämissen in der Realität kaum oder garnicht auftauchen. Es gibt keine vollkommene Konkurrenz, perfekte Transparenz und auch im [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP



TOP