Von Marc Pitzke, New York
New York - Die Nachricht machte Schlagzeilen: Jim Johnson, enger Berater des US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama, trat vorige Woche zurück. Der langjährige demokratische Lobbyist - 1984 war er Walter Mondales Wahlkampfmanager gewesen - stolperte über das, was bisher eigentlich seine Stärke war: Insiderdeals.
Firmensitz von Countrywide: Umstrittene Hypothekenbank erneut in der Kritik
Was in den US-Medien als politischer Mini-Skandal gespielt wurde, offenbart bei näherem Hinsehen einen bisher kaum bekannten Aspekt der Kreditkrise. Denn Johnson war nicht allein: Countrywide - die Bank, die mit Ramschkrediten zur größten US-Hypothekenbank wurde, dann fast pleiteging und nun an die Bank of America verscherbelt wird - hat diese Spezialbehandlung einer ganzen Reihe von Prominenten gegönnt.
Späte Eingeständnisse der Betroffenen sowie übereinstimmende Medienberichte bestätigen inzwischen, dass es bei Countrywide eine Gruppe bevorzugter VIP-Kunden gab, die in internen Akten und E-Mails "FOA's" hießen: "Friends of Angelo" - Freunde des Firmengründers und Vorstandschefs Angelo Mozilo.
Sonderkonditionen ohne eigenes Wissen
Während normale Schuldner von Countrywide eiskalt abgezockt wurden, bekamen die "FOA's" still und leise und manchmal sogar ohne eigenes Wissen Sonderbedingungen eingeräumt, etwa bessere Zinssätze und Gebührenabschläge. Außer Johnson ist dies von zwei demokratischen US-Senatoren, zwei Ex-Ministern und einem früheren Uno-Botschafter bekannt.
Diese "FOA"-Spezialkunden genossen demnach etliche Privilegien: Sie hätten oft automatisch mindestens einen halben "Punkt" gutgeschrieben bekommen, also einen 0,5-prozentigen Zinsabschlag, schrieben das "Wall Street Journal" und das Wirtschaftsmagazin "Portfolio" unabhängig voneinander. Auch seien Verwaltungsgebühren in Höhe von Hunderten Dollar entfallen. Sanken die Zinssätze, während ihre VIP-Hypothek gerade anhängig war, so sei ihnen ein kostenfreies "Abgleiten" auf den günstigeren Satz gewährt worden. Auch hätten Refinanzierungen bessere Konditionen gehabt.
Die Begünstigten, so zitierte "Portfolio" einen Ex-Angestellten von Countrywide, hätten oft nur auf Anfrage erfahren, wie hoch ihr Vorteil sei. Ihnen sei jedoch zugesichert worden, dass sie "FOA-Rabatt" bekämen - und dass Mozilo ihre Hypothek persönlich berechnet habe.
Gegen "räuberische Praktiken gewettert
Countrywide schweigt bisher zu den Vorwürfen. Der Ethikkodex des Konzerns verbietet es, "Entscheidungen von Regierungsmitgliedern oder Vertragspartnern zu beeinflussen oder Geld, Geschenke, Kredite, Gegenleistungen, Gefälligkeiten oder sonstiges von Wert zu versprechen". Auch Regierungsmitglieder dürfen ihrerseits keine Geschenke annehmen, Senatoren ist es nur in Höhe von bis zu 100 Dollar gestattet.
Außer Obama-Berater Johnson bestätigte auch der demokratische Senator Kent Conrad am Wochenende, dass er bevorzugt worden sei - jedoch ohne davon gewusst oder darum gebeten zu haben. Countrywide habe ihm einen einprozentigen Zinsabschlag gewährt, erklärte er. Dem "WSJ" zufolge war Conrad von Jim Johnson - der zuvor CEO der staatlichen Hypobank Fannie May gewesen war - an Countrywide weiterempfohlen worden.
Einer weiterer Kunde, der von Countrywide verwöhnt worden sein soll, ist der Senator Christopher Dodd. Der Vorsitzende des Bankenausschusses hatte sich während der Vorwahlen erfolglos um die demokratische Präsidentschaftskandidatur beworben und dabei auch heftig gegen die "räuberischen" Praktiken der Hypothekenbanken gewettert. Er gilt derzeit als ein potentieller Obama-Vize.
Den Recherchen von "WSJ" und "Portfolio" zufolge refinanzierte Dodd in den Jahren 2003 und 2004 über das VIP-Programm von Countrywide zwei Hypotheken für Häuser in Washington und Connecticut. Countrywide habe die Zinssätze von 4,875 auf 4,25 beziehungsweise 4,5 Prozent reduziert. Was Dodd insgesamt 75.000 Dollar gespart habe.
Nicht illegal, aber mit bitterem Beigeschmack
Dodd lehnte die Vorwürfe als "empörend" ab. "Als meine Frau und ich unsere Hypotheken refinanzierten, haben wir Sonderbehandlung weder gesucht noch erwartet", erklärte er. "Wie Millionen andere Amerikaner auch haben wir uns umgeschaut." Auch hätten sie nie persönlichen Kontakt zu Mozilo gehabt.
Als Subprime werden Schuldner mit niedriger Bonität bezeichnet, arme Menschen, die sich den Kredit, den sie aufnehmen, eigentlich nicht leisten können. Dieser Sektor des Kreditmarktes entwickelte sich seit Anfang Juni 2003 in den USA, nachdem der damalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan den Leitzins auf ein Prozent abgesenkt hatte. Dadurch nahmen plötzlich viele Menschen Kredite für Hypotheken auf - ohne zu bedenken, dass sie diese später, bei höheren Zinsen, wieder zurückzahlen müssten. Derzeit sind weltweit noch Ramschhypotheken im Wert von 1,8 Billionen Dollar im Umlauf.
Allerdings macht Countrywide nicht bei allen Prominenten eine Ausnahme: Manche gerieten genauso in den Kreditstrudel wie gewöhnliche Amerikaner auch - und der Konzern sah gnadenlos zu. Das zeigt das traurige Beispiel von Ed McMahon, das in der gleichen Woche ans Licht kam. McMahon ist in den USA eine TV-Legende: Er war ein erfolgreicher Spielshow-Moderator und der Partner von Talk-King Johnny Carson sowie Komödiant Jerry Lewis.
McMahon, inzwischen 85, lebt am legendären Mulholland Drive in den Hügeln von Beverly Hills, in einer Fünf-Millionen-Dollar-Villa, die über eine Countrywide-Hypothek finanziert ist. Leider ist er bei der Abzahlung um 644.000 Dollar in Rückstand geraten. Seit zwei Jahren versucht er vergeblich, das Haus zu veräußern. Jetzt hat Countrywide das Anwesen - das sich in der gleichen geschlossenen Wohnsiedlung befindet wie das von Britney Spears - knallhart zur Zwangsversteigerung ausgeschrieben.
Das zeigt, dass Ed McMahons zweifellos ein VIP war - aber leider kein "FOA".
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