Es muss schnell gehen mit der Bezahlung des Flugtickets. "Das Angebot gilt bis morgen früh, 10 Uhr. Wenn bis dahin kein Zahlungseingang vorliegt, verfällt die Buchung", warnt Cathy Wong vom Reisebüro Tiglion Travel in Hongkong. "Zahlen Sie keinen Scheck auf unser Konto ein. Es dauert zu lange, bis er freigegeben ist."
Einen Scheck auf ein Konto einzahlen? In Deutschland wäre diese Variante schon vor einem Jahrzehnt altbacken erschienen. Spätestens seit dem Ende des Euro-Cheque im Jahr 2002 hatte ich die handschriftliche Ausstellung von Zahlungsanweisungen für ausgestorben gehalten.
In Hongkong wie in vielen asiatischen Ländern ist der Scheck dagegen quicklebendig - es fehlen die Alternativen. Haufenweise habe ich seit einem guten Jahr Schecks zu den Filialen von HSBC, Standard Chartered oder China Construction Bank getragen, manchmal auch per Post geschickt, wenn es weniger eilte. Um eine Bootstour zu bezahlen, einen Chinesisch-Kurs zu reservieren oder ein Hotel zu buchen.
Dankbar registriere ich selbst kleine Erleichterungen: Einige Banken zwingen ihre Kunden nicht länger, sich in die lange Schlange am Schalter einzureihen. Ein Automat liest den Scheck ein, die Kontodaten des Empfängers bei eben jener Bank werden über die Tastatur eingegeben. Eine Quittung bescheinigt den Eingang, auf sieben mal drei Zentimetern ist eine unleserliche Kopie des Schecks aufgedruckt.
Nach der Dateneingabe kommt eine SMS
Weniger als 18 Stunden bleiben also für das Begleichen der Flugtickets. Die sicherste Methode fällt aus: Um das Geld in bar persönlich beim Reisebüro abzugeben, fehlt die Zeit. Eine Online-Überweisung? Ich schrecke davor zurück. In der Vergangenheit war das stets daran gescheitert, dass das Empfängerkonto umständlich freigeschaltet werden muss. Auch Bank- und Filialnummer des Geschäftspartners sind nicht immer leicht in Erfahrung zu bringen.
Doch diesmal sind die Daten komplett. Die Aktion erfordert Konzentration: Nach Eingabe der Informationen wird bestätigt, dass in den nächsten Minuten ein Code per SMS aufs Mobiltelefon geschickt wird. Er dient der Freischaltung, gilt aber nur eine gute Viertelstunde. Wer zwischendurch zu lange telefoniert, startet wieder bei Null.
"Es tut uns leid, aber wir können Ihren Online-Auftrag nur zwischen 9 und 15.30 Uhr entgegen nehmen", leuchtet es von der Website der Citibank. Innerhalb des Instituts seien Online-Überweisungen rund um die Uhr möglich, sagt Rajesh Yohannan, Leiter E-Banking bei Citi Asia Pacific
. "In Übereinstimmung mit den üblichen Clearing-Zeiten können Interbankentransfers aber nur zu den Öffnungszeiten der Filiale zwischen 9 Uhr und 15.30 Uhr von Montag bis Freitag ausgeführt werden", sagt er.
Yohannan betont aber, dass wegen des Komforts und der Sicherheit auch in Asien Online-Banking immer beliebter würde. Doch die Kunden scheinen skeptisch. Alle westlichen Ausländer, die ich in Hongkong kenne, jammern entnervt über die Rückständigkeit des Bankgeschäfts in Asiens Finanzmetropole - und das, obwohl hier neben einer Reihe großer lokaler Anbieter auch eine erkleckliche Anzahl von Privatkunden-Banken aus Übersee um Kunden buhlen.
Entnervt gebe ich auf. Ich erwäge die Variante, die meine Großmutter gewählt hätte: ein Überweisungsauftrag in der Filiale. Der Transfer schlägt jedes Mal mit bis zu 15 Hongkong-Dollar zu Buche, umgerechnet 1,30 Euro. Vor allem ist er aber zeitaufwändig: in der Schlange vor dem Schalter warten, ein Formular mit winzigen chinesischen Schriftzeichen, die Bitte um Amtshilfe, wieder warten – und dafür auch noch bezahlen?
Der Scheck als Zahlungsmittel geht über alles
Wegen der Kosten sortiere ich auch den Einsatz einer Kreditkarte aus. Bei drei bis fünf Prozent Aufschlag wäre der Preisvorteil des günstigen Flugs schon fast wieder weg.
Als ich im Morgengrauen am nächsten Tag zu einem Automaten pilgere, schäme ich mich ein bisschen für meine erzwungene Rückständigkeit. Ich hebe den umgerechnet dreistelligen Euro-Betrag vom Konto ab. Mit dem Geldbündel in der Tasche gehe ich fünfzig Meter weiter, in die nächstgelegene HSBC-Filiale, zahle die Scheine direkt wieder ein. Ohne zusätzliche Kosten, dank der frühen Stunde auch fast ohne Wartezeit.
Keine drei Minuten später klingelt das Mobiltelefon. Eine Mitarbeiterin der Citibank fragt nach Namen, Geburtsdatum, Adresse, Ausweisnummer. Als sie sicher ist, dass ich die Richtige bin, erkundigt sie sich, ob ich tatsächlich gerade 6000 Hongkong-Dollar abgehoben habe.
In den Instituten findet man nichts Ungewöhnliches daran, dass nach wie vor der Scheck über alles geht. "Die Nachfrage ist hoch, gerade ältere Leute bevorzugen diese Form des Geldtransfers", erklärt ein Banker. Und die Popularität ist ungebrochen. 2007 wurden Schecks im Wert von 10.742 Milliarden Hongkong-Dollar (936 Milliarden Euro) über das örtliche Clearing-System abgewickelt, 37 Prozent mehr als im Vorjahr.
Nicht nur eilige Überweisungen werden in Hongkong, einem der weltgrößten Finanzplätze, zur Qual. Das Konzept des Dauerauftrags ist nicht nur praktisch unbekannt, es wird auch noch bestraft. 10 bis 15 Hongkong-Dollar werden je Transaktion fällig, belehrt mich die Citibank. Meine monatliche Miete werfe ich dem Hauseigentümer per Scheck in den Briefkasten. Die anderen Hausbewohner machen es genau so.
Octopus-Card macht Hoffnung
Immerhin: Einige Dienstleistungen lassen sich am Automaten der eigenen Bank begleichen. Telefonrechnungen, Gas oder Elektrizität gehören dazu. Gelegentlich eröffnen sich überraschende Alternativen. Wer mit dem Mobilfunkanbieter Three telefoniert, kann seine Rechnung in den Drogerien von Watson zahlen. Beide Unternehmen gehören zu Hutchison Whampoa
, der Holding-Gesellschaft des Milliardärs Li Ka-Shing.
Auch für das Nahverkehrsticket ist es möglich, einen Dauerauftrag einzurichten. Das Geld wird nicht vom Konto eingezogen, sondern von der Kreditkarte. Vier Wochen vergehen zwischen dem Ausfüllen des Antragsbogens (auf Kantonesisch) und einer Bestätigung, die zur Freischaltung persönlich bei den Verkehrsbetrieben abgegeben werden muss. Das erspart es den Nutzern, die sogenannte Octopus-Card, von der in Bus und Bahn das Fahrgeld abgebucht wird, händisch am Automaten mit 100-Hongkong-Dollar-Scheinen zu füttern.
Doch die Octopus-Card macht Hoffnung. Sie ist der Beweis, dass auch die Hongkonger sich ein Leben mit papierlosem Zahlungsverkehr vorstellen können. Die bunte Karte wird kurz vor ein kleines Lesegerät gehalten, der Fahrpreis wird direkt abgebucht. Mit ihr lässt sich auch der Einkauf im Supermarkt, die Tageszeitung oder der Eintritt zum Pferderennen zahlen. Mehr als 16 Millionen Karten sind inzwischen im Umlauf, 95 Prozent der Bevölkerung nutzen die Karte. Noch füttert die Mehrzahl sie aber regelmäßig mit Bargeld, wie die regelmäßigen Schlangen vor den Lade-Automaten belegen.
Im Übrigen: Mein Auftritt als Geldbote hat sich nicht bezahlt gemacht. Der Flug war bereits weg. Gestern hat mir das Reisebüro den Betrag zurückerstattet - per Scheck.
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So sehe ich das auch. Ich habe über 7 Jahre in Hong Kong gelebt und kann verstehen, warum das Schecksystem nicht aufgegeben werden kann. Das System gewährt eine lückenlose Verfolgung des Geldstromes, sollte etwas schief gehen. [...] mehr...
Volle Zustimmung! Und am Wochenende vermutlich auf Stanley-Market. Frau Claudia Wanner scheint wirklich wenig Ahnung von Hongkong zu haben. Ich war nie Hongkong Ansässiger gewesen und hab trotzdem weit weniger Probleme [...] mehr...
Ich habe eigentlich gute Erfahrungen mit dem Hong Konger System gemacht. Meiner Ansicht nach liegt das beschriebene Problem bei der Citibank in Hong Kong, deren Service wirklich extrem bescheiden ist (besonders bei [...] mehr...
als waschechte hongkonger muss ich sagen, ich finde diesen artikel extrem amüsant. die autorin hat angeblich seit 14 monaten in hong kong gewohnt. trotzdem hat sie so eine erkenntnis von hongkongs banksystem. man fragt sich, [...] mehr...
1. Ich weiß nicht, ob es etwas mit einer angeblichen Technik-Feindlichkeit der Deutschen zu tun hat, dass die Geldkarte keine riesige Massenverbreitung hat. Wie ich schon geschrieben habe, man darf das kleine Hongkong nicht mit [...] mehr...
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